14jährige Französin zieht in den Krieg für ISIS – auch aus Österreich und selbst zentralasiatischen Ländern wie Usbekistan zieht es junge Leute zu den Islamisten nach Syrien und in den Irak. Warum: Wie einst Che Guevara Mit den militärischen Erfolgen von Milizen wie dem IS wächst nach Meinung des Sicherheitsexperten Pierre Conesa die Attraktivität des Engagements auf der Seite der fanatischen Rebellen. Der islamistischen Propaganda sei es gelungen, den Islam als Religion darzustellen, welche die Unterdrückten verteidige, meint Conesa. Für gewisse junge Jihadisten sei der IS ein Idol geworden wie für eine andere Generation Che Guevara. Anthony Borré, der in Nizza einen Krisenstab leitet, spricht von einem Virus der Indoktrinierung. Auf der Ende April eingerichteten telefonischen nationalen Alarmstelle sind mehr als 300 Meldungen von besorgten Eltern oder Erziehern eingegangen, 70 davon betrafen Minderjährige.

Radikalisierte Jugendliche

Frankreichs halbwüchsige «Gotteskriegerinnen»

Rudolf Balmer, Paris 25.8.2014, 05:30 Uhr
Aus keinem Land Europas ziehen so viele Muslime in den Jihad wie aus Frankreich. Unter den Verführten sind viele Minderjährige. Der jüngste bekannte Fall betrifft ein 14-jähriges Mädchen.

Schätzungsweise 900 Franzosen kämpfen laut Regierungsangaben in den Reihen der islamistischen Milizen in Syrien und im Irak. Das Phänomen nimmt dabei immer beängstigendere Ausmasse an. Ende letzter Woche wurde die Öffentlichkeit durch die Nachricht aufgeschreckt, dass sich auch drei halbwüchsige Mädchen zum Jihad entschlossen hätten. Zwei erst 15 und 17 Jahre alte Französinnen aus der Pyrenäen-Region und aus der Gegend von Lyon wurden in letzter Minute gestoppt, bevor sie zusammen nach Syrien reisen konnten, wo sie sich offenbar der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anschliessen wollten.

Nebulöse Motive

Die 15-Jährige, die wegen Anorexie in Behandlung stand, war den Erziehungsbehörden aufgefallen, weil sie am Vorabend ihrer Abreise aus Panik einen Schwächeanfall erlitt und in der Folge ihr Vorhaben verriet. Ihre Kameradin aus Lyon hatte sie nur über Online-Netzwerke gekannt. Gegen die beiden ist ein Verfahren wegen «krimineller Vereinigung mit terroristischen Absichten» eingeleitet worden, wie dies stets der Fall ist, wenn vom Jihad angelockte Staatsangehörige aus dem Nahen Osten nach Frankreich zurückkehren oder rechtzeitig an der Verwirklichung ihrer Pläne gehindert werden.

Ein drittes Mädchen aus dem Pariser Vorort Argenteuil, das nach Angaben der Polizei erst 14 Jahre ist und in Kontakt mit den andern beiden Jugendlichen stand, soll sich im Juni nach Syrien begeben haben; es gilt seither als vermisst. In diesen drei Beispielen schockiert nicht allein das jugendliche Alter der selbsternannten «Gotteskriegerinnen» sondern vor allem die Frage, aus welchen Motiven und unter welchen Umständen solche Halbwüchsige dazu kommen, ihre Familie, ihre Freunde und ihr Leben in Frankreich aufzugeben. Denn die vorgebrachten politischen und religiösen Begründungen erklären längst nicht alles.

Inzwischen häufen sich in den Medien die Berichte von verzweifelten Angehörigen junger Jihadisten. Sie fallen meistens aus allen Wolken, weil sie häufig gemeint hatten, die Jugendlichen, die sich vorher mehr für Drogen, Videospiele oder Fussball interessiert hatten, würden sich endlich ernsthafteren Dingen zuwenden. In vielen Fällen hatten sich die als Jihadisten rekrutierten Teenager bis kurz zuvor kaum für Religion oder politische Konflikte interessiert. Bei einigen handelt es sich um erst kürzlich Konvertierte mit Eltern, die selber konfessionslos oder nichtpraktizierende Muslime sind. Bekannt ist auch, dass eine beträchtliche Zahl der französischen Jihadisten den Weg zum Islamismus im Gefängnis fand, wo sie Strafen für kleinere Delikte verbüssten.

Wie einst Che Guevara

Mit den militärischen Erfolgen von Milizen wie dem IS wächst nach Meinung des Sicherheitsexperten Pierre Conesa die Attraktivität des Engagements auf der Seite der fanatischen Rebellen. Der islamistischen Propaganda sei es gelungen, den Islam als Religion darzustellen, welche die Unterdrückten verteidige, meint Conesa. Für gewisse junge Jihadisten sei der IS ein Idol geworden wie für eine andere Generation Che Guevara. Anthony Borré, der in Nizza einen Krisenstab leitet, spricht von einem Virus der Indoktrinierung. Auf der Ende April eingerichteten telefonischen nationalen Alarmstelle sind mehr als 300 Meldungen von besorgten Eltern oder Erziehern eingegangen, 70 davon betrafen Minderjährige.

http://www.nzz.ch/international/europa/halbwuechsige-jihadisten-aus-frankreichs-vorstaedten-1.18369447

Von Zentralasien nach Syrien

Der Ruf des Jihad

Marcus Bensmann, Osch 25.8.2014, 05:30 Uhr
Gläubige beim Freitagsgebet in einer Moschee der südkirgisischen Stadt Osch.
Gläubige beim Freitagsgebet in einer Moschee der südkirgisischen Stadt Osch. (Bild: Sergey Ponomarev / AP)
Die islamistischen Milizen in Syrien rekrutieren ihre Kämpfer auch aus fernen Ländern wie Kirgistan. Unter den traumatisierten Angehörigen der unterdrückten usbekischen Minderheit findet der Ruf der Jihadisten besonders viel Gehör.

«Batir Dschurajew ist in Syrien gefallen!» Das Gerücht geht in den usbekischen Wohnvierteln der kirgisischen Stadt Osch von Haus zu Haus. Hier, in der sogenannten Mahalla, lungern die Hunde vor den Gehöftmauern im Schatten der Mandelbäume, ältere Frauen in bunten Kleidern und Männer mit schwarz-weissen Tjubeteikas, den typischen usbekischen Kappen, sitzen auf Bänken vor den Häusern, davor springen Kinder in die offenen Kanäle. Die Häuser sind nicht älter als vier Jahre – sie wurden mit internationaler Hilfe errichtet, nachdem im Juni 2010 ein Mob kirgisischer Nationalisten brandschatzend und plündernd durch dieses Wohnviertel gezogen war. Hinter vorgehaltener Hand tuscheln die Bewohner nun über Batir und seinen Tod.

Über Russland in die Türkei

Der 38-jährige Mann soll 2013 wie viele Einwohner des verarmten Gebirgsstaates an der chinesischen Grenze nach Russland zur Arbeitssuche gegangen sein. Doch irgendwann gelangte er nach Syrien. Das hellblaue Stahltor, hinter dem der Usbeke mit seiner Familie gewohnt hat, bleibt lange verschlossen. Erst nach wiederholtem Klopfen öffnet eine Frau und sagt, sie wisse nicht, wo ihr Schwager sei. Doch der Tod Batir Dschurajews in Syrien wird später durch andere Quellen bestätigt. Immer mehr Männer und Frauen aus Zentralasien reisen in das ferne Bürgerkriegsland. Die kirgisischen Behörden wissen von 90 konkreten Fällen. Die Dunkelziffer soll allerdings viel höher sein.

Bei den meisten Syrien-Kämpfern aus Kirgistan handelt es sich um ethnische Usbeken. Diese Volksgruppe stellt knapp 14 Prozent der 5,5 Millionen Einwohner des Landes. Auch der 20-jährige Sohn eines usbekischen Schreiners in Osch ist nach Syrien gegangen. Der Vater, ein bärtiger Mann in schwarzem Gewand, lädt ins Hinterzimmer seiner Werkstatt. Er bittet darum, seinen Namen nicht zu veröffentlichen. Der sehr religiöse Usbeke verlässt das Haus kaum noch. Was auch immer passieren werde, stehe hier geschrieben, raunt er und legt die Hand auf einen zerlesenen Koran, der mit rosa Samt eingeschlagen ist. Während der ethnischen Unruhen von 2010 habe er versucht, mässigend auf die Menschen einzuwirken. Mit dem Koran habe er sich zwischen Kirgisen und Usbeken gestellt, vergebens.

In jenen blutigen Wochen wurde die usbekische Jugend zum Freiwild der kirgisischen Sicherheitskräfte. Auch der Sohn des Schreiners landete im Gefängnis. Die kirgisischen Sicherheitskräfte hätten ihn derart verprügelt, dass er wochenlang kaum noch habe sitzen können, berichtet der Vater und klopft auf den Koran. Als der Sohn endlich freikam, schickte der Vater ihn nach Moskau. Das ist in Kirgistan nichts Ungewöhnliches. Auf russischen Baustellen und Märkten sind mehr als 700 000 Gastarbeiter aus Kirgistan tätig; ihre Überweisungen machen einen Grossteil der kirgisischen Wirtschaftskraft aus. Die Arbeitsmigration zerreisst aber viele Familien – Väter, Brüder, Söhne verschwinden für Monate und Jahre aus dem Blickfeld.

Da auch Russland nicht sicher genug erschien, riet der Vater seinem Sohn schliesslich zur Umsiedlung in die Türkei. Bürger Kirgistans können dorthin visumsfrei reisen. Doch nach wenigen Monaten in Istanbul habe sich der Sohn gemeldet und gesagt, er sei nun nach Syrien weitergezogen, «um den bedrängten Brüdern und Schwestern dort zu helfen». Aufgeregt habe der junge Mann von den Greueltaten im Bürgerkrieg berichtet und erklärt, jeder Muslim habe die Pflicht, den dortigen Menschen beizustehen. Er rief den Vater sogar auf, ihm zu folgen. «Ich verurteile ihn nicht, dass er nach Syrien gegangen ist, aber ich bleibe hier», sagt der Schreiner und schlürft Tee.

Todesnachricht per SMS

Wie Batir Dschurajew war der Sohn des Handwerkers Augenzeuge der Mordwelle in ihrer Heimatstadt. Das Trauma der ethnisch motivierten Verfolgungen ist aber wohl nur einer der Faktoren hinter der Entscheidung zur Teilnahme am Jihad. Verführung und religiöser Fanatismus sind weitere Gründe. Zwei Autostunden von Osch entfernt liegt die Stadt Kysyl Ki, die in den Pogromen vor vier Jahren verschont geblieben ist. Aber auch aus diesem Ort zogen ein Dutzend Kämpfer, unter ihnen eine Frau, nach Syrien. Über die Geschichte von Amina Mamadschanowa hat das kirgisische Fernsehen berichtet. Die 19-jährige Frau wurde nach der Schule immer religiöser, verbrachte viele Stunden in der Moschee und besuchte häusliche Gebetskreise. Im März vergangenen Jahres verschwand sie und meldete sich später über Skype bei ihren Eltern, um zu sagen, dass sie nun in Syrien «dem Islam diene». Heute will die Familie nicht mehr darüber reden.

Wenige Strassen weiter wohnt Scharia Marsalowa. Auch ihr 18-jähriger Sohn Akbar verschwand eines Tages – zuerst ging er nach Russland, schickte von dort auch etwas Geld heim, doch dann zog er weiter in die Türkei. Im Frühjahr erhielt die Mutter eine SMS: «Dein Sohn hat einen Engel geheiratet, so hat es Allah im Koran geschrieben, und das ist, was wir glauben.» Die Todesnachricht kam vom Schwager Marsalowas, der Akbar wohl zum Jihad verführt hatte. Ein Jahr zuvor war der tiefgläubige Schwager in die Türkei gereist, und Marsalowa vermutet, dass er von dort aus ihren Sohn zum Nachkommen überredet habe.

Die kirgisischen Sicherheitsbehörden nehmen an, dass Schlepper die Reise der jungen Männer und Frauen in den Jihad organisieren, aber diese Leute arbeiten sehr dezentral und hinterlassen wenig Spuren. So tappen die Sicherheitsbehörden weitgehend im Dunkeln. Auch der Imam von Kysyl Ki fühlt sich machtlos. Bei jedem Freitagsgebet warne er die Gläubigen davor, dem falschen Ruf nach Syrien zu folgen: Dort könne von einem Jihad keine Rede sein, da Muslime andere Muslime töteten. Aber vor allem junge Menschen würden von den Videos im Internet, die Übergriffe der syrischen Armee und «Heldentaten» der Islamisten zeigten, angestachelt, erklärt der Geistliche. Dagegen könne man schwer ankämpfen. Abenteuertum, Fanatismus und Verzweiflung trieben die Menschen zu diesem Schritt.

Bei Rückkehr droht Gefängnis

Aber nicht nur auf Usbeken oder Kirgisen übt der Krieg in Syrien eine Faszination aus. In Osch wird gegenwärtig dem Russen Sergei L. der Prozess gemacht. Der 26-Jährige hatte einst als Computerfachmann gutes Geld verdient. Nach einer gesundheitlichen und religiösen Krise nahm er jedoch den Islam an und liess sich von einem Glaubensbruder überreden, nach Syrien zu ziehen. Wie aus Verhörprotokollen hervorgeht, wurde er in Lagern zusammen mit Usbeken, Arabern und Tschetschenen ausgebildet. Ihm habe es dort nicht gefallen, auch habe er an keinen Kampfhandlungen teilgenommen, gab er zu Protokoll. Bei einem Bombenangriff sei sein Lager zerstört und der Anführer getötet worden. Der Russe nutzte die Chance und setzte sich ab. Bei der Rückkehr nach Zentralasien wurde er jedoch verhaftet. Die kirgisischen Ermittler werfen ihm vor, dass er Terroranschläge geplant habe.

http://www.nzz.ch/international/asien-und-pazifik/der-ruf-des-jihad-1.18369446

 

Die Gefahr der «Austro-Jihadisten»

Von Österreich in den «heiligen Krieg»

Charles Ritterband, Wien 24.8.2014, 17:33 Uhr

Mit dem Phänomen, dass radikalisierte Muslime aus der ehemaligen Sowjetunion in den Jihad ziehen, hat auch Österreich zu kämpfen. Die hiesigen Sicherheitskräfte verhafteten in der vergangenen Woche neun Tschetschenen, die sich offenbar den Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anschliessen wollten. Es handelt sich um anerkannte Flüchtlinge mit Asylstatus. Sie hatten zusammen mit einem Österreicher türkischer Abstammung, aufgeteilt in zwei Gruppen und in zwei Personenwagen, am letzten Mittwoch versucht, an den Grenzübergängen Arnoldstein in Kärnten und Nickelsdorf im Burgenland nach Slowenien beziehungsweise Ungarn zu gelangen. Angeblich wollten sie von dort über die Türkei nach Syrien reisen.

Nach längerer Observierung der Verdächtigen schlugen Verfassungsschutz, Staatsanwaltschaft und die Polizei-Spezialeinheit Cobra in einer konzertierten Aktion zu. Laut der Staatsanwaltschaft Wien besteht dringender Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation. Das dabei zur Anwendung kommende Strafmass liegt bei einem bis zehn Jahren Haft.

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes beläuft sich die Zahl der aus Österreich ins Kampfgebiet gelangten «Austro-Jihadisten» auf 130 Personen – doppelt so viele wie bisher angenommen. Nicht wenige von diesen waren bereits in den Kampfgebieten und sind nun nach Österreich zurückgekehrt, um neue Kämpfer zu rekrutieren.

Erst Anfang Juli war ein 21-jähriger Mann türkischen Ursprungs zu 21 Monaten Haft verurteilt worden, weil er sich in einem syrischen Lager für terroristische Aktivitäten hatte ausbilden lassen. Bei 40 der 130 Jihadisten soll es sich um österreichische Staatsbürger handeln – zumeist eingebürgerte Zuwanderer. Die Mehrheit der Jihadisten aus Österreich stammt offenbar aus der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien. Die rechtspopulistische FPÖ fordert denn auch prompt die Überprüfung sämtlicher 30 000 in Österreich lebenden Tschetschenen. Bereits im vergangenen Jahr hatten nahezu 100 tschetschenische Asylbewerber ihren Status wegen «Radikalisierungstendenzen» eingebüsst. Die Aberkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft wäre allerdings nur möglich, wenn der Betreffende in einer fremden Armee gekämpft hätte. Die Regierung will künftig diese Bestimmung auf «bewaffnete Konflikte einer ausländischen Gruppierung» ausweiten.

Allein in Wien werden in drei Moscheen Jugendliche im Rahmen von Koran-Kursen für den Jihad motiviert; mittlerweile sollen dort selbst 15-Jährige rekrutiert werden. Das Innenministerium plant die Einrichtung einer «Deradikalisierungsstelle». Wie diese aussehen soll, ist allerdings ungewiss.

http://www.nzz.ch/international/von-oesterreich-in-den-heiligen-krieg-1.18369384

 

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