USA: Schwarze immer noch massiv benachteiligt! «Unsere qualvolle Vergangenheit als Rasse sucht uns weiterhin heim. Schwarze sind noch keine vollwertigen Bürger.» Fünf Jahrzehnte nach dem formellen Ende der Rassensegregation trennt immer noch ein Graben die Lebenswelten und wirtschaftlichen Aussichten der Afroamerikaner und der anderen Rassen in den USA. Das Bedrückende daran ist, dass dieser Graben in einigen Bereichen sogar noch wuchs. 45 Prozent der schwarzen Frauen und fast 49 Prozent der schwarzen Männer heiraten nie. Im Rest der Bevölkerung liegt diese Zahl bei gut 30 Prozent.

Protest in Ferguson

Handfeste Gründe für die Wut

Peter Winkler, Washington 24.8.2014, 07:00 Uhr
Die Gräben zwischen Schwarz und Weiss haben sich in den letzten Jahrzehnten zum Teil noch vergrössert. Demonstranten in Ferguson.
Die Gräben zwischen Schwarz und Weiss haben sich in den letzten Jahrzehnten zum Teil noch vergrössert. Demonstranten in Ferguson. (Bild: Joshua Lott / Reuters)
Die Proteste in Ferguson haben wieder einmal deutlich gemacht, wie unter den schwarzen Amerikanern unterschwellige Wut und Frustration verbreitet sind. Dass ihre Lage schwieriger ist als diejenige ihrer andersfarbigen Mitbürger, ist keine Einbildung.

«Unsere qualvolle Vergangenheit als Rasse sucht uns weiterhin heim. Schwarze sind noch keine vollwertigen Bürger.» Diese Worte stammen von Annette Gordon-Reed, Historikerin und Jus-Professorin an der Harvard-Universität. 2009 gewann sie als erste Afroamerikanerin den Pulitzerpreis für Geschichte. Gordon-Reed ist keine politische Agitatorin, sondern eine anerkannte Akademikerin. Und doch kommt sie zu einem vernichtenden Schluss: Schwarze in Amerika haben immer noch mit grösseren Hindernissen zu kämpfen als ihre andersfarbigen Mitbürger.

Verschiedene Welten

Dies ist nicht nur eine Empfindung der Betroffenen, sondern eine Tatsache, die mit Zahlen unterlegt werden kann. Fünf Jahrzehnte nach dem formellen Ende der Rassensegregation trennt immer noch ein Graben die Lebenswelten und wirtschaftlichen Aussichten der Afroamerikaner und der anderen Rassen in den USA. Das Bedrückende daran ist, dass dieser Graben in einigen Bereichen sogar noch wuchs, wie das Statistik-Blog The Upshot der «New York Times» kürzlich darlegte.

So sehen die Zahlen zur höheren Bildung für Schwarze auf den ersten Blick ganz erfreulich aus. Laut einer Studie von zwei Harvard-Ökonomen über den Zusammenhang zwischen Bildung und Einkommen verfügten 1970 erst rund 6 Prozent der 30-jährigen Schwarzen über eine höhere Bildung. Dieser Anteil stieg bis 2012 auf 21 Prozent; er hat sich damit gut verdreifacht. Nur: Die entsprechende Kurve für Weisse stieg noch steiler an, von rund 16 auf 38 Prozent. Die Kluft zwischen dem Bildungsstand von Schwarzen und Weissen wuchs somit von rund 10 auf 17 Prozentpunkte.

Der Bildungsstand hat nicht nur direkte Auswirkungen auf das Einkommen, sondern auch auf die Arbeitslosenquote. Es ist daher nur logisch, wenn Schwarze mit ihrem durchschnittlich geringeren Bildungsstand höhere Arbeitslosenzahlen ausweisen. Nach Berechnungen des Pew Research Center in Washington ist die Quote für Schwarze durchschnittlich zweimal so hoch wie jene für Weisse. In den Arbeitslosenzahlen verbirgt sich aber noch eine weitere Tatsache: Selbst mit einem Hochschulabschluss in der Tasche haben Schwarze ein viel grösseres Risiko, arbeitslos zu werden, als ihre weissen Mitbürger (5,7 gegenüber 3,5 Prozent). Im Klartext bedeutet dies, dass sie sich anstrengen können, wie sie wollen; den Weissen laufen sie auf jeden Fall hinterher.

Dass Schwarze im Durchschnitt weniger gut verdienen als Weisse, hat vor allem damit zu tun, dass sie in gut bezahlten Berufen unterrepräsentiert, in schlecht bezahlten dafür überrepräsentiert sind. Auch hier konnten Schwarze in den letzten 30 Jahren nicht aufholen, im Gegenteil. Das mittlere Einkommen von Weissen hatte 1983 um gut 18 Prozent über jenem von Schwarzen gelegen. 2013 betrug der Unterschied mehr als 21 Prozent.

Als positive Entwicklung wurde in den letzten Jahrzehnten die Tatsache vermerkt, dass sich auch in der schwarzen Bevölkerung eine Mittelschicht herausbildete. Doch der finanzielle Sockel, auf dem dieser Mittelstand steht, ist wacklig. Schwarze (und Latinos) haben im Durchschnitt ein sechsmal kleineres Vermögen als Weisse. Schwarze haben aber nicht nur weniger Reserven, sie legten ihr Vermögen auch viel stärker als die Weissen in Immobilien an. Dementsprechend brutal wurden sie von der Krise um die Ramsch-Hypotheken erwischt. Die Kurve, welche die Korrelation des weissen und des schwarzen Durchschnittsvermögens zeigt, schlägt nach 2007 besonders stark aus. Es braucht keine besondere Phantasie, um sich vorzustellen, wie tief das Gefühl der Schwarzen sein muss, im Handumdrehen um einen mühevoll erkämpften Aufstieg betrogen worden zu sein. Die Weissen litten nicht nur weniger, weil sie ihre bedeutend grösseren Anlagen diversifiziert hatten, sondern erholten sich auch rascher, weil sie vom Wachstum der Börsenkurse nach der Krise profitieren konnten.

Unsichtbare Schranken

Es gibt viele weitere signifikante Unterschiede zwischen der Welt, in der Amerikas Schwarze aufwachsen und leben, und jener der anderen Rassen. Die explizit an Schwarze gerichtete Website Blackdemographics zeigt anhand von Zahlen des Büros für Volkszählung auf, dass 45 Prozent der schwarzen Frauen und fast 49 Prozent der schwarzen Männer nie heiraten. Im Rest der Bevölkerung liegt diese Zahl bei gut 30 Prozent.

Eine stabile Beziehung der Eltern ist statistisch gesehen der beste Nährboden für Erfolg im späteren Leben von Kindern. In einem Aufsatz für die Brookings Institution wies der Publizist Richard Reeves vor kurzem nach, dass stabile Elternbeziehungen beim Aufstieg der Kinder in eine höhere Einkommensklasse eine Schlüsselrolle spielen. So verwundert es nicht, dass Schwarze es durchschnittlich viel schwerer haben als andere Amerikaner, aus der untersten Einkommensklasse wegzukommen, wenn sie in diese hineingeboren wurden. Mehr als 50 Prozent von ihnen schaffen es nicht. Bei Weissen liegt der Anteil bei weniger als einem Viertel.

http://www.nzz.ch/international/amerika/handfeste-gruende-fuer-die-wut-1.18368687

 

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