Lange vor Hitler bereitete die Führung der Reichswehr bereits den Angriffskrieg vor: Eines der am besten gehüteten Geheimnisse der deutschen Militärgeschichte: Erst die Wiederentdeckung des von General Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung der Reichswehr, im Jahre 1923 initiierten Dreistufenplanes für den Aufbau eines 102 Divisionen starken Heeres entlarvte die Führung der Reichswehr als eine Clique von Revanchisten, die hinter dem Rücken von Regierung und Parlament die systematische Aufrüstung der Reichswehr vorantrieben. Ziel der Reichswehrführung war es, Deutschland auf einen Angriffskrieg vorzubereiten. Die «Schande» des «Versailler Diktats» sollte ausgelöscht, verlorenes Gebiet zurückerobert und die Grossmachtstellung von 1914 wieder eingenommen werden. Während der geheime Rüstungsplan, der die Grundlage aller weiteren Rüstungsprogramme bis zum Jahre 1936 werden sollte, ausgearbeitet wurde, sass der österreichische Gefreite Adolf Hitler wegen Hochverrats auf der Festung Landsberg und schrieb an seinem Buch «Mein Kampf», noch ahnungslos, dass monarchistische Generale und Generalstabsoffiziere den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg bereits vorbereiteten. Planung und Durchführung der Aufrüstung fanden unter Umgehung der Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles hinter dem Rücken des Parlamentes statt. Mit dem Abzug der Interalliierten Militärkommission (IMKK) im Februar 1927 konnten Reichswehrministerium und militärische Führung fortab frei von internationaler Kontrolle agieren. Deutschland befand sich auf dem Weg in einen Militärstaat, zu dessen Vollendung der militärischen Führungsspitze Hitlers Machtübernahme hochwillkommen war. Am 3. Februar 1933 machte Hitler seinen Antrittsbesuch bei der Führung der Reichswehr im Berliner Bendlerblock, bereitwillig schlossen die Militärs das Bündnis mit dem Nationalsozialismus und bekräftigten es am 2. August 1934 mit dem Eid auf Adolf Hitler, Führer des Deutschen Reiches und Oberbefehlshaber der wenig später in Wehrmacht umbenannten Armee. Bis 1945 leisteten über 18 Millionen deutsche Wehrpflichtige den Treueeid auf den «Führer».

Frühe Planungen der deutschen Reichswehr

Ein Geheimplan für den Zweiten Weltkrieg

Michael Berger 24.8.2014, 09:00 Uhr
Die Führung der Reichswehr setzte den geheimen Rüstungsplan über mehr als ein Jahrzehnt mit grosser Beharrlichkeit um.
Die Führung der Reichswehr setzte den geheimen Rüstungsplan über mehr als ein Jahrzehnt mit grosser Beharrlichkeit um. (Bild: Scherl / SZ)
Bereits wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg plante die deutsche Reichswehr eine systematische Aufrüstung. Als Hitler am 1. September 1939, vor nun bald 75 Jahren, den Zweiten Weltkrieg entfesselte, war die vorgesehene «Kriegsstärke» erreicht.

Wie konnte es einem besiegten Deutschland gelingen, nach der katastrophalen Niederlage im Ersten Weltkrieg, in nur zwei Jahrzehnten ein neues Heer aufzustellen, grösser als das Heer des Kaiserreiches? War der Angriffs- und Vernichtungskrieg der Wehrmacht das Finale einer seit Mitte der 1920er Jahre von der Reichswehrführung geplanten und vorbereiteten militärischen Revanche? Schon seit etwa 1970 bewiesen die Forschungen vor allem jüngerer Historiker, dass die Wiederaufrüstung insgeheim lange vor der «Machtergreifung» Hitlers begann. Das Dokument jedoch, das die Planung eines Revanchekrieges seit Mitte der zwanziger Jahre klar beweist, wurde nicht bekannt. Erst die Wiederentdeckung des von General Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung der Reichswehr, im Jahre 1923 initiierten Dreistufenplanes für den Aufbau eines 102 Divisionen starken Heeres entlarvte die Führung der Reichswehr als eine Clique von Revanchisten, die hinter dem Rücken von Regierung und Parlament die systematische Aufrüstung der Reichswehr vorantrieben. Ziel der Reichswehrführung war es, Deutschland auf einen Angriffskrieg vorzubereiten. Die «Schande» des «Versailler Diktats» sollte ausgelöscht, verlorenes Gebiet zurückerobert und die Grossmachtstellung von 1914 wieder eingenommen werden.

Planung eines Angriffskriegs

Die 1997 im Militärarchiv in Freiburg im Breisgau aufgefundenen Dokumente mit dem Titel «WH 808 – Übersicht der Gesamtstärken und -ausrüstung der Kommandobehörden und Truppeneinheiten des Feldheeres», insgesamt vier Hefte mit einigen hundert Seiten, brachten eines der am besten gehüteten Geheimnisse der deutschen Militärgeschichte ans Tageslicht. In Verbindung mit Anfang der neunziger Jahre aus russischen Archiven freigegebenen Dokumenten über die geheime Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee widerlegten sie die These, die Reichswehr habe nichts weiter als die Landesverteidigung im Sinn gehabt und sei erst dann durch Hitler als ein Werkzeug seiner Gewaltherrschaft missbraucht worden. In den fast zeitgleichen Diskussionen um die Wehrmachtsausstellung (offizieller Titel: «Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944») wurde dies in der breiten Öffentlichkeit in Deutschland als untauglicher Versuch der Konstruktionsbildung einer «sauberen Wehrmacht» demaskiert.

Der Generalplan aus den zwanziger Jahren wird zur Grundlage sämtlicher Rüstungsprogramme bis Kriegsbeginn. Der Planungsstab der Reichswehr orientierte sich an ehrgeizigen Zielvorgaben: ein Heer mit 2,8 bis 3 Millionen Soldaten in 102 Divisionen, aufgeteilt in 39 Grenzschutzdivisionen und 63 Felddivisionen. Das Verblüffende an diesem geheimen Rüstungsplan war, dass das deutsche Heer am 1. September 1939 genau diese «Kriegsstärke» erreicht hatte – bis in die Details stimmten Grösse, Ausstattung und Aufgliederung der Wehrmacht Ende 1939 mit dem von 1923 bis 1925 erarbeiteten Generalplan überein. Die Reichswehr hatte 42 Generale, für das grosse Heer waren 252 vorgesehen. Genauso viele Etatstellen für Generale wies auch das Feldheer 1939 auf. Acht Armeen hatte man 1925 projektiert – so viel wie zu Beginn des Ersten Weltkrieges –, und tatsächlich standen 1939 acht vollwertige Armeen bereit. Der Entwurf für diese Streitmacht wurde Mitte der zwanziger Jahre von sechs Majoren und zehn Hauptleuten erarbeitet. «Diese Arbeit war damals das Geheimste vom Geheimen», so beginnt ein Handschreiben, das Generalleutnant a. D. Walter Behschnitt 1960 im Bundesarchiv in Koblenz zurückliess, nachdem er dort die 1945 von den amerikanischen Streitkräften beschlagnahmte und inzwischen aus den USA zurückgekehrte Akte wiedergefunden hatte. Fünfunddreissig Jahre zuvor hatte er als junger Hauptmann in der Organisationsabteilung des Truppenamtes der Reichswehr gemeinsam mit anderen Offizieren dieses Planwerk erarbeitet.

Ohne internationale Kontrolle

Während der geheime Rüstungsplan, der die Grundlage aller weiteren Rüstungsprogramme bis zum Jahre 1936 werden sollte, ausgearbeitet wurde, sass der österreichische Gefreite Adolf Hitler wegen Hochverrats auf der Festung Landsberg und schrieb an seinem Buch «Mein Kampf», noch ahnungslos, dass monarchistische Generale und Generalstabsoffiziere den deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg bereits vorbereiteten. Ohne die detaillierte Vorarbeit des geheimen Generalstabes und anderer Heeresämter in der Reichswehr hätte Deutschland keinesfalls binnen sechs Jahren die stärkste und modernste Land- und Luftstreitmacht in Europa auf die Beine stellen können, die nach Beginn des Krieges zunächst die Armeen seiner Nachbarstaaten überrollte.

Planung und Durchführung der Aufrüstung fanden unter Umgehung der Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles hinter dem Rücken des Parlamentes statt. Mit dem Abzug der Interalliierten Militärkommission (IMKK) im Februar 1927 konnten Reichswehrministerium und militärische Führung fortab frei von internationaler Kontrolle agieren. Die IMKK hatte die Einhaltung des Versailler Vertrages überwacht. Nun konnten geheime Projekte offiziell und selbstbewusst realisiert werden. Die heimliche Rüstung war jedoch nicht unbemerkt geblieben. In ihrem Abschlussbericht nannte die Kommission die zahlreichen Verstösse der Reichswehr gegen den Friedensvertrag, so die Existenz von Zeitfreiwilligen, die Aufstellung von Reservekadern und das Weiterbestehen des Generalstabes. Der britische Brigadegeneral John H. Morgan, Vertreter der IMKK in Berlin, wies in einem Brief an das Verteidigungsministerium in London vom Juni 1922 darauf hin, dass die deutschen Militärs Pläne ausarbeiteten, nach denen die Reichswehr als Nukleus für eine grössere Armee dienen sollte, mit der ein Revanchekrieg geführt werden konnte. Der Aufbau der sogenannten Schwarzen Reichswehr, einer geheimen Ersatzarmee, die aus Einwohnerwehren, Freikorps und nicht aufgelösten Verbänden der Kaiserlichen Armee bestand, wurde von der Kontrollkommission ebenso mit Misstrauen betrachtet wie die geheime Kooperation zwischen Reichswehr und Roter Armee.

Der politische Gegenwind aus dem Ausland verstärkte die Aggressivität der politischen Reaktion, die ihre Wut nun an den Pazifisten ausliess, die alle Formen der illegalen Rüstung in ihren Zeitungen enthüllten und in Eingaben an Regierung und Reichstag öffentlich anprangerten. Die Antwort waren wiederholte Verbote pazifistischer Zeitschriften und eine Vielzahl von Verfahren wegen Landesverrats: Musste der Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft, Ludwig Quidde (Verleihung des Friedensnobelpreis 1927), 1924 nach heftigen Protesten des Auslandes noch freigelassen werden, wurden der «Weltbühne»-Herausgeber Carl von Ossietzky und der Journalist und Flugzeugingenieur Walter Kreiser wegen Landesverrats und Verrats militärischer Geheimnisse im November 1931 zu je 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Die Rede des SPD-Politikers Philipp Scheidemann am 16. Dezember 1926 vor dem Reichstag, in der er Einzelheiten über die Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee enthüllte, verursachte einen Skandal und verstärkte das Misstrauen der Kritiker Deutschlands in Europa. Jahrelang hatte die Reichswehr die Kontrollkommission getäuscht und in Zusammenarbeit mit der Roten Armee neue Waffensysteme erprobt.

Hitler und die Reichswehr

Mit dem Abzug der Interalliierten Kontrollkommission 1927 begann die geheime Rüstung auch auf politischer Ebene ein offenes Geheimnis zu werden. Die sozialdemokratische Opposition im Reichstag versuchte den durch die Reichsregierung verfolgten Kurs der «Wehrhaftmachung» zu verhindern, als sie im April 1927 den Etat wegen der enormen Rüstungsausgaben von 700 Millionen Reichsmark ablehnte. Kurz danach begann die Reichswehrführung, das offizielle Rüstungsprogramm in die Tat umzusetzen. Deutschland befand sich auf dem Weg in einen Militärstaat, zu dessen Vollendung der militärischen Führungsspitze Hitlers Machtübernahme hochwillkommen war. Am 3. Februar 1933 machte Hitler seinen Antrittsbesuch bei der Führung der Reichswehr im Berliner Bendlerblock, bereitwillig schlossen die Militärs das Bündnis mit dem Nationalsozialismus und bekräftigten es am 2. August 1934 mit dem Eid auf Adolf Hitler, Führer des Deutschen Reiches und Oberbefehlshaber der wenig später in Wehrmacht umbenannten Armee. Bis 1945 leisteten über 18 Millionen deutsche Wehrpflichtige den Treueeid auf den «Führer».

In den nun bis Kriegsbeginn folgenden Jahren unterstützte die Führung der Wehrmacht Adolf Hitler bei der Vorbereitung seines Krieges gegen die Völker Europas, zumal die Logistik des künftigen Krieges, einschliesslich der Angriffsplanungen im Westen und Osten, bereits ausgearbeitet in den Schubladen lag. Auch der Vierjahresplan von 1936, mit dem der Umbau der Wehrmacht zu einer Angriffsarmee durchgeführt und Deutschland innerhalb von vier Jahren kriegsfähig gemacht wurde, baute auf einem bereits bekannten Vorläufer auf. So taucht die in den geheimen Rüstungsplänen anvisierte Zahl von 102 Divisionen wieder in einem auf den 6. Mai 1935 datierten Planungspapier des Heeres auf, das in der Folge zur Grundlage für den Vierjahresplan wurde.

Antisemitische Gesetze

Nicht nur bei den Kriegsvorbereitungen, auch bei der Umsetzung der antisemitischen Gesetzgebung der Nationalsozialisten erwies sich die Wehrmachtsführung als besonders willfährig. Mit Erlass vom 28. Februar 1934 ordnete Reichswehrminister Werner von Blomberg die sinngemässe Anwendung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums auf Soldaten an. Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten, die nach den Bestimmungen dieses Gesetzes «nicht arisch» waren, wurden aus der Wehrmacht entlassen. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, die Umsetzung des Gesetzes in der Wehrmacht mit allen ergänzenden Erlassen und das Wehrgesetz von 1935 schlossen alle jüdischen Soldaten und schliesslich auch die jüdischen Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges von Beruf und Rechten aus.

Michael Berger ist Berufsoffizier im Stab eines Bundeswehrkommandos in Berlin. Er hat mehrere Bücher zur deutschen Militärgeschichte veröffentlicht.

Geheime Stützpunkte der Reichswehr

Im Jahre 1925 wurde in Lipezk am Woronesch im Westen Russlands eine geheime Fliegerschule und Erprobungsstätte der Reichswehr errichtet. Geführt wurde die Schule von der Inspektion Nr. 1 des Wehramtes, das dem Chef der Heeresleitung unterstand. In Lipezk wurden anfangs Flugzeugführer und Beobachter, ab 1931 auch Jagdflieger ausgebildet. 1926 begannen die Deutschen mit dem Aufbau der Panzerschule «Kama» in Kasan sowie einer Erprobungsstätte für die Anwendung chemischer Kampfstoffe bei der Artillerie und Luftwaffe im Objekt «Tomka» an der Wolga.

In einer Unterredung im Jahre 1929 zwischen Kliment Jefremowitsch Woroschilow, Mitglied des Politbüros der KPdSU und Volkskommissar für Verteidigung, sowie Vertretern der Reichswehr, General Kurt Freiherr von Hammerstein-Equord und Oberst Erich Kühlenthal, äusserten beide Seiten ihre Zufriedenheit über die Zusammenarbeit in den Einrichtungen in Lipzek, Kasan und Tomka und erörterten Möglichkeiten der Ausweitung sowie Fortsetzung der militärischen Kooperation zwischen Reichswehr und Roter Armee. Mit der Machtübernahme Hitlers verschlechterten sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern, nicht zuletzt durch die zunehmend antisowjetische Haltung des NS-Regimes. So wurden im Jahr 1933 alle drei Erprobungsstätten aufgelöst.

http://www.nzz.ch/international/europa/ein-geheimplan-fuer-den-zweiten-weltkrieg-1.18368619

 

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