UNRUHEN IN MISSOURI Ferguson ist bald überall Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich: Der Aufstand in Ferguson zeigt die hässliche Fratze der amerikanischen Gesellschaft. Die Ereignisse sind ein Beweis für die tiefe Spaltung, die das Land bis heute auseinanderreißt. Der Tod des 18-jährigen Farbigen Michael Brown, unter seltsamen Umstanden von einem Polizisten in dem 20.000-Seelen-Ort im US-Bundesstaat Missouri erschossen, ist zu einem nationalen Problem geworden. Das letzte, was diese geschundene Gemeinde jetzt braucht, sind die langen und düsteren Schatten der Vergangenheit. Es ist ja nicht so, dass es nicht schon genug Probleme gibt: Wütende Demonstrationen, prügelnde Polizisten, geplünderte Geschäfte, Tränengasangriffe und verhaftete Journalisten. Es gibt nächtliche Ausgangssperren, Ausnahmezustand, schwer bewaffnete Nationalgardisten auf den Straßen und trauernde Eltern und Verwandte. Klu-Klux-Clan macht mobil Zwei eisig kalte Augen starren aus der dunkelgrünen Ski-Maske, wie sie heute nur noch für Banküberfälle oder Kidnapping genutzt wird. Martialisch hält der Mann in der grün-braunen Tarnjacke ein Schnellfeuergewehr in die Höhe. Der lokale Arm des Klu-Klux-Clans in Missouri meldet sich zu Wort. Bewaffnete, heißt es unter dem Bild auf der Webseite, seien auf dem Weg nach Ferguson, um „weiße Geschäfte zu beschützen“. Man könne nicht länger zusehen, wie „Schwarze unschuldige Weiße ausrauben und töten“.

UNRUHEN IN MISSOURI
Ferguson ist bald überall

Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich: Der Aufstand in Ferguson zeigt die hässliche Fratze der amerikanischen Gesellschaft. Die Ereignisse sind ein Beweis für die tiefe Spaltung, die das Land bis heute auseinanderreißt.

 

von Axel Postinett

 

RASSENUNRUHEN IN FERGUSON„Ich verstehe die Wut und den Zorn“

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San Francisco Es ist ja nicht so, dass es nicht schon genug Probleme gibt: Wütende Demonstrationen, prügelnde Polizisten, geplünderte Geschäfte, Tränengasangriffe und verhaftete Journalisten. Es gibt nächtliche Ausgangssperren, Ausnahmezustand, schwer bewaffnete Nationalgardisten auf den Straßen und trauernde Eltern und Verwandte.

Der Tod des 18-jährigen Farbigen Michael Brown, unter seltsamen Umstanden von einem Polizisten in dem 20.000-Seelen-Ort im US-Bundesstaat Missouri erschossen, ist zu einem nationalen Problem geworden. Das letzte, was diese geschundene Gemeinde jetzt braucht, sind die langen und düsteren Schatten der Vergangenheit. Aber sie melden sich mit Macht zu Wort, immer noch „am Leben und putzmunter“, wie dieWebseite beteuert. Ein Blick in die hässliche Fratze der amerikanischen Gesellschaft und Beweis für die tiefe Spaltung, die die USA noch bis zum heutigen Tag zerreißt.

Klu-Klux-Clan macht mobil

Zwei eisig kalte Augen starren aus der dunkelgrünen Ski-Maske, wie sie heute nur noch für Banküberfälle oder Kidnapping genutzt wird. Martialisch hält der Mann in der grün-braunen Tarnjacke ein Schnellfeuergewehr in die Höhe. Der lokale Arm des Klu-Klux-Clans in Missouri meldet sich zu Wort. Bewaffnete, heißt es unter dem Bild auf der Webseite, seien auf dem Weg nach Ferguson, um „weiße Geschäfte zu beschützen“. Man könne nicht länger zusehen, wie „Schwarze unschuldige Weiße ausrauben und töten“.

In einem Nachbarort von Ferguson, in Sullivan, werde der Clan am 23. und 24. September eine Spendenveranstaltung für den Polizisten abhalten. „Ein Held“, wie die Kapuzenmänner betonen, der „diesen Gangster“ erschossen habe. Man brauche mehr wie ihn, die „die den schwarzen, von Juden kontrollierten Banditen ihren Platz zeigen“.

Immer wieder Waffengewalt gegen Schwarze in den USA

  • Juli 2010

    Nach einem milden Urteil gegen einen weißen Ex-Polizisten kommt es in Kalifornien zu Ausschreitungen und Plünderungen. Der Mann hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen, er wurde wegen fahrlässiger Tötung zu zwei Jahren Haft verurteilt.

  • November 2006
  • April 2001
  • Februar 2000
  • März 1991

Die Hintergründe der tödlichen Schüsse auf den Teenager liegen noch immer im Dunkeln. Aber das spielt längst keine Rolle mehr. Die Fronten sind wieder einmal fest gefügt, es geht Schwarz gegen Weiß, und Missouri ist der passende Austragungsort: Ein Staat mit dunkler Vergangenheit in den USA. Es gab in Missouri noch Sklaven, als kein anderer US-Bundesstaat mehr Sklaven hatte. Noch im Jahr 1825 trat ein Gesetz in Kraft, das jegliche Aussagen von schwarzen Augenzeugen in Gerichtsverfahren als grundsätzlich ungültig einstufte. 1847 kam ein generelles Verbot dazu, Schwarze in irgendeiner Form zu unterrichten oder zur Schule zu senden. Und viele sagen, es ist heute noch in den Köpfen vieler in Kraft.

Aber erklärt das alleine den kaum nachvollziehbaren Ausbrauch von Gewalt?

Das wäre zu eindimensional. Der alte Rassismus lebt, das ist die traurige Realität. Der sinnlose Tod des jungen Schwarzen, von sechs Polizei-Kugeln auf offener Straße durchsiebt, war aber nur der Auslöser. Die Krise hat tiefe Wurzeln, und die haben nicht nur mit Schwarz und Weiß zu tun. Die altbekannte Rassismus-Diskussion lenkt nur von den wahren Problemen ab, und so manchem kommt das nicht ungelegen.

„Die neue Trennungslinie in den USA ist nicht mehr schwarz und weiß“, sagte Präsident Barack Obama in seiner Ansprache zur Einkommens- und Vermögensungleichheit Anfang 2014, „es ist arm und reich.“ Es ist diese Trennungslinie, die nicht nur Ferguson zerreißt, sondern bald ganz Amerika.

AUSSCHREITUNGEN IN FERGUSONStadt im Ausnahmezustand

„Hands up, Don´t Shoot“ (Hände hoch, nicht schießen!): Es sollte eine friedliche Demonstration werden. In der US-Stadt Ferguson, einem Vorort von St. Louis, gehen die Menschen auf die Straße…

Bild: AFP

Ferguson ist arm, und arm ist in den USA das Synonym für farbig und chancenlos. Und wer schwarz (und arm) ist, stirbt schneller. Alle 28 Stunden wird in den USA ein Afroamerikaner erschossen, so aktuelle Studien. Ob bei Routinekontrollen oder bei Drogenrazzien oder warum auch immer, wie in Ferguson oder an der Fruitvale-Station im kalifornischen Oakland, als ein Polizist am Neujahrstag 2009 den jungen Schwarzen Oscar Grant in den Rücken schoss und tötete.

Fast 70 Prozent der Einwohner von Ferguson, ein Vorort von St. Louis, sind Farbige und die Arbeitslosigkeit hat sich seit dem Jahr 1990 verdoppelt. Nach der Weltwirtschaftskrise, deren Folgen Präsident George W. Bush als Erbe seinem Nachfolger Barack Obama hinterlassen hatte, war es nur eine Handvoll Superreicher, das berühmte ein Prozent, das sich in Rekordzeit mehr als nur erholen konnte. Sagenhafte 95 Prozent der Einkommenszuwächse seit 2009 kamen einem Prozent der Amerikaner zugute, zeigen Statistiken der Universität Berkeley. Von 2009 bis 2012 wuchs das Einkommen der Hyperreichen in den USA um 34 Prozent, während die restlichen 99 Prozent mit 0,4 Prozent auskommen mussten.

Der Krieg hat in Ferguson begonnen

Ferguson ist nur ein Abbild des amerikanischen Mittelstands von morgen, unter dem Brennglas von heute. Die große Rezession, das finale Geschenk der Ära der Anbeter der Politik der unregulierten Märkte des Milton Friedman, hat in erster Linie gut bezahlte Jobs und Mittelklasse-Arbeitsplätze ausradiert. Wiedergeboren wurden sie als Teilzeitjobs in Schnellrestaurants.

FESTNAHME AM RANDE DER PROTESTE„Bild“-Journalist in Ferguson inhaftiert

Nachdem zwei deutsche Journalisten bei den Krawallen in der US-Kleinstadt Ferguson vorübergehend festgenommen wurden, wird nun noch ein „Bild“-Reporter festgehalten. In der Nacht gab es viele Verletzte.

Nach Erhebungen des National Employment Law Project fielen rund 3,6 Millionen gut bezahlte Arbeitsplätze, überwiegend Bürojobs, weg. Zurück kamen davon 2,6 Millionen. Die Mindestlohn-Industrie verlor gut zwei Millionen Jobs, aber seit 2009 kamen 3,8 Millionen hinzu. Die Antwort des amerikanischen Kongresses, von Republikanern beherrscht: eine drastische Kürzung der Lebensmittelmarken für Arme. Es würden einfach zu viele.

Noch drastischer sehen es manche im Silicon Valley. Google-Programmiererin Justine Tunney schlägt einfach mal vor, den Armen und ihren Kindern keine Essensmarken mehr zu geben, sondern „Soylent“, ein flüssige Proteinbrühe aus den Laboren des Valleys. Echtes Essen für die Oberklasse? Großinvestor Tom Perkins aus San Francisco verglich im Januar Demonstrationen gegen Google-Luxusbusse als Synonym für explodierende Mieten und Einkommensungleichheit mit dem Holocaust in Deutschland und der „Kristallnacht“. Dies, lamentierte er, sei der Beginn eines „Kriegs gegen die kreativen ein Prozent“ in den USA.

Aber da liegt er falsch. Der Krieg hat in Ferguson begonnen. Und richtig zu spüren bekommt ihn die Nation erst, wenn der Mittelstand erkennt, dass er längst im Armenhaus angekommen ist und nur noch vom Ersparten lebt. Die Schule für die Kinder können sie sich ohnehin schon nicht mehr leisten. Wird nicht massiv gegengesteuert, ist das nur noch eine Frage des wann, nicht des ob, bis Ferguson überall ist.

http://www.handelsblatt.com/politik/international/unruhen-in-missouri-ferguson-ist-bald-ueberall/10351382.html

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