Griechenland: Keine soziale Sicherheit ist mehr selbstverständlich! Nach sechs Jahren der Rezession und vier des Sparens, wobei die Arbeitslosenquote nun bei 27,8 Prozent liegt, sind 22 Prozent des Bruttoinlandproduktes vernichtet worden (mehr als die USA während der Grossen Depression verloren). Das seit 1974 dominierende Zwei-Parteien-System, in dem sich die konservative Nea Dimokratia und die sozialistische Pasok an der Macht abwechselten, ist durch den Stimmenzuwachs radikal linker und extrem rechter Kräfte fragmentiert worden. Die grössten Veränderungen hat es jedoch in der Gesellschaft gegeben, die nicht nur tiefe Einschnitte im Lebensstandard akzeptieren musste, sondern auch die Furcht vor weiterer Instabilität der Wirtschaft, der Politik und im Leben jedes Einzelnen. Das verfügbare Haushaltseinkommen ist um über 30 Prozent gesunken, Löhne wurden um 25 Prozent gekürzt. Immer mehr Leute sind armutsgefährdet: Die nationale Statistikbehörde sah 34,6 Prozent der Bevölkerung 2012 davon betroffen, 2014 dürfte die Zahl noch höher liegen.

Die Zerstörung der Mittelklasse

Von Nikos Konstandaras, Journalist 31.7.2014, 05:02 Uhr
Eine Suppenküche für Arbeitslose in der Gegend des Hafens von Piräus.  Das verfügbare Haushaltseinkommen ist in Griechenland seit Beginn der Krise um über 30 Prozent gesunken.
Eine Suppenküche für Arbeitslose in der Gegend des Hafens von Piräus. Das verfügbare Haushaltseinkommen ist in Griechenland seit Beginn der Krise um über 30 Prozent gesunken. (Bild: Thanassis Stavrakis / Keystone)

Seit seiner Geburt im Befreiungskrieg gegen die Osmanen 1821 ist Griechenland in einem Feuer aus Krieg, Brudermord, ausländischer Intervention und Bankrott geschmiedet worden – unterbrochen von Modernisierungs- und Entwicklungsschüben. Wohlstand bemisst sich hier nach Stabilität und Sicherheit, sobald diese erreicht sind. Dies hat die politische, ökonomische und soziale Geschichte des Landes geprägt und in grossem Ausmass auch den Charakter seiner Menschen. Die jetzige Krise hat die Stabilität der letzten Jahrzehnte erschüttert, sie betrifft alle Gesellschaftsschichten und untergräbt Grundüberzeugungen und -vorstellungen – darunter auch die, was Wohlstand ausmacht. Menschen, die sich in einem Staat sicher fühlten, der ihnen ein Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem bot, fürchten nun die Zukunft.

Die Zeit von 1981 an, als Griechenland der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (später EU) beitrat, war die prosperierendste, die das Land jemals kannte. Nur sieben Jahre nachdem es die Militärdiktatur überwunden und nur knapp einen Krieg mit der Türkei über Zypern vermieden hatte, schlossen sich die Griechen mit den entwickelten Ländern Westeuropas in einer Union zusammen, die ihren Mitgliedern eine bis dahin nie da gewesene Periode des Friedens, der sozialen und wirtschaftlichen Stabilität und des Wohlstands gebracht hatte.

Die 2009 in Griechenland ausgebrochene Wirtschaftskrise war das Resultat vieler Versäumnisse des wirtschaftlichen und politischen Systems. Angefacht durch den finanziellen Feuersturm, der sich von den USA nach Europa ausbreitete, wurde die Krise durch das doppelte Versäumnis der EU verschlimmert: Zum einen kontrollierte die EU weder Griechenland noch andre Staaten ausreichend, als diese enorme Schuldenberge anhäuften. Zum anderen war sie nicht darauf vorbereitet, sofortige Massnahmen einzuleiten, um das Feuer zu löschen und die Stabilität im Euro-Raum wiederherzustellen.

Da sich Griechenland nicht an den internationalen Märkten Geld leihen konnte, war es Anfang 2010 gezwungen, sich durch die EU-Partner retten zu lassen. Dieses Bail-out führte dazu, dass die Troika aus Europäischer Kommission, EZB und Internationalem Währungsfonds im Grunde die Verwaltung des Landes übernahm. Ein Deal wurde vereinbart, bei dem sich Athen insgesamt 240 Milliarden Euro leihen würde im Gegenzug zu scharfen Sparmassnahmen und tiefgreifenden Strukturreformen. In den letzten vier Jahren hat das Land unter dem «Management» externer Kräfte gestanden und revolutionäre Veränderungen in allen Bereichen durchlaufen. Nach sechs Jahren der Rezession und vier des Sparens, wobei die Arbeitslosenquote nun bei 27,8 Prozent liegt, sind 22 Prozent des Bruttoinlandproduktes vernichtet worden (mehr als die USA während der Grossen Depression verloren). Das seit 1974 dominierende Zwei-Parteien-System, in dem sich die konservative Nea Dimokratia und die sozialistische Pasok an der Macht abwechselten, ist durch den Stimmenzuwachs radikal linker und extrem rechter Kräfte fragmentiert worden.

Die grössten Veränderungen hat es jedoch in der Gesellschaft gegeben, die nicht nur tiefe Einschnitte im Lebensstandard akzeptieren musste, sondern auch die Furcht vor weiterer Instabilität der Wirtschaft, der Politik und im Leben jedes Einzelnen. Das verfügbare Haushaltseinkommen ist um über 30 Prozent gesunken, Löhne wurden um 25 Prozent gekürzt. Immer mehr Leute sind armutsgefährdet: Die nationale Statistikbehörde sah 34,6 Prozent der Bevölkerung 2012 davon betroffen, 2014 dürfte die Zahl noch höher liegen. Ein positiver Faktor ist, dass die griechisch-orthodoxe Kirche, die Stadtverwaltungen, viele NGO, philanthropische Institutionen und viele Freiwillige geholfen haben, die drastischen Kürzungen im Sozial- und Gesundheitsbereich (effektiv um 18 Prozent seit 2007) abzumildern. Daher wirken Athen und andere Städte auch nicht so, wie man es in einem Land, das so tief in der Krise steckt, erwarten würde. Für die Menschen stehen Suppenküchen, Notunterkünfte und von Freiwilligen betriebene Kliniken bereit.

Während es also ein Sicherheitsnetz für die Ärmsten gibt und die Tummelplätze der Reichen zeigen, dass eine bedeutsame Anzahl Griechen immun gegen die Auswirkungen der Krise ist, ist es die Mittelklasse, die zerstört wird. Also das Rückgrat der Gesellschaft, das die Kosten der Erholung stemmen muss und wieder eine stabile politische Mitte herstellen könnte. Obwohl die Griechen 2009 eine niedrigere private Verschuldung gemessen am BIP hatten als die meisten EU-Staaten (122,5 Prozent, verglichen mit 125,6 Prozent in Deutschland und 204,3 Prozent in Grossbritannien) und eine Eigenheimrate von rund 76 Prozent ( in Deutschland 53,3 Prozent) aufwiesen, werden sie von hohen Steuern, niedrigen Einkommen und gelähmten Banken so zerrieben, dass viele ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können: Notleidende Kredite wachsen im Durchschnitt um eine Milliarde Euro jeden Monat.

Der Staat tut sich schwer, seinen Bürgern die Sicherheit zu bieten, die sie gewohnt waren. Er ist gezwungen, Angestellte des öffentlichen Sektors von Stellen, auf denen sie sich sicher glaubten, zu entlassen – all das zeigt, dass exzessive Löhne einst die krasse Ineffizienz des Systems verdeckten. In Staatsanleihen Investierende haben den Grossteil ihres Geldes bei dem von der Troika mandatierten Schuldenschnitt verloren. Immobilien, die letzte Sicherheitsbastion, sind für viele zu einem Klotz am Bein geworden. Trotz der Rückkehr zu einem Primärüberschuss und (geringem) Wachstum bleibt die Politik unvorhersehbar. Wohlstand scheint folglich allein von der Stabilität und Sicherheit, die die EU-Mitgliedschaft bietet, abzuhängen. Doch wie lange noch können wir all unsre Hoffnung auf eine Union richten, die sich selber mit den vor ihr liegenden Herausforderungen schwertut und so wenig Selbstvertrauen besitzt?

Nikos Konstandaras ist leitender Redaktor und Kolumnist der griechischen Tageszeitung «Kathimerini».

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