Großbritannien streitet über 14-18: Gedenken oder Siegesfeier? Stolz auf einen “gerechten Krieg” oder Nachdenken über kollektives Versagen beim Konfliktmanagement anno 1914? Wie umgehen, heute, mit dem Ersten Weltkrieg? Britische Politiker und Historiker liegen sich in den Haaren: Anhänger einer patriotischen Lesart streiten mit Verfechtern eines differenzierten Umgangs mit der blutigen Vergangenheit 1914-1918. Lautes Feiern oder stilles Gedenken? Die Frage spaltet Großbritannien. In Cambridge treffen wir Professor Sir Richard J. Evans, einen der führenden Experten für Geschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Im Vorfeld der Europawahlen und im Zeichen von Eurokrise und Euroskepsis machen immer mehr britische Politiker auf Hurra-Patriotismus, warnt Evans. Der Erste Weltkrieg sei weder ein gerechter Krieg gewesen, noch ein Kampf für Demokratie und westliche Werte. Er erklärt: “Der Erziehungsminister, Michael Gove, behauptet, das sei ein Kampf zwischen Links und Rechts. Die Konservativen – und zu denen gehört auch der Minister – wollen den britischen Sieg im Ersten Weltkrieg mit patriotischen Veranstaltungen feiern. Einige von uns Historikern – auch mich – hat der Minister beschuldigt, das Andenken der tapferen Truppen der Westfront zu beschmutzen. – Der Erste Weltkrieg mündete in eine Katastrophe. Faschismus, Rassismus und Antisemitismus breiten sich aus in Europa und werden immer radikaler,” so Evans. Euroskeptiker wie Sir Max Hastings argumentieren anders. Wir besuchen den früheren Kriegsreporter und Militärhistoriker in seinem gemütlichen Landhaus in Hungerford. Hastings beschuldigt die Regierungen in London und Paris, der deutschen Kanzlerin Merkel nach dem Mund zu reden, statt laut und deutlich an die deutsche Alleinschuld zu erinnern. Heute wie gestern konstatiert Hastings einen deutschen Drang zur Dominanz, gestern mit Waffen, heute mit Wirtschaft. “Es wäre ein Fehler, liesse man dieses Jahrhundert-Event einfach so verstreichen, indem man nur an die Schrecken des Ersten Weltkrieg erinnert, ohne der nachfolgenden Generation die Gründe zu vermitteln,” fordert Hastings. “Keine Nation verdient, ausschließlich für alles verantwortlich gemacht zu werden, was 1914 geschah, doch trägt Deutschland die Hauptschuld, denn Deutschland hätte den Krieg verhindern können. Die Theorie, dass der Erste Weltkrieg ein Unfall der Weltgeschichte ist, ist inakzeptabel.” Evans widerspricht: “Die europäischen Staatsmänner waren sich 1914 der Kriegsgefahr nicht bewusst. Niemand hatte eine klare Vorstellung von den Kriegszielen. Der Krieg wurde durch das System der Beistandsbündnisse ausgelöst.” Kiera ergänzt: “Man wird wütend; wenn man sich die Zahl der Toten vor Augen führt. Das hätte niemals geschehen dürfen… und es war unnötig.” “Wir wollen nicht, dass so etwas erneut passiert. Wir sollten alle glücklicher sein und miteinander auskommen… auch wenn das schwierig ist,” hofft Sophia. “Mein Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg und mein Urgroßvater starb im Ersten Weltkrieg, hier. Für mich war es wichtig, hierher zu kommen, in seinem Gedenken.” “Wenn alle Parteien im Parlament hierher kämen und sich das hier ansähen, dann würden die Politiker anders denken, sie würden keine Kriege mehr anzetteln und nicht mehr auf Eskalationskurs gehen…”Alan William John West warnt, “Menschen führen Kriege, weil sie glauben, Kriege seien kurz und begrenzt. Das ist extrem gefährlich. Einmal im Krieg, verliert die Politik die Kontrolle. Politiker glauben, sie können Kriege kontrollieren, doch Kriege können nicht kontrolliert werden…”Weniger kontinentaleuropäische Geschichte, mehr britische Nationalgeschichte. Mit diesem Vorschlag versuchte die Regierung, den Lehrplan zu ändern, kritisiert Sir Richard J. Evans: “Der konservative Erziehungsminister, Michael Gove, hält den bestehenden Lehrplan für eine Machenschaft linker Meinungsmacher. Er wollte den Geschichtslehrplan umschreiben: Britische Schüler sollten patriotische Geschichten über britische Siege in allen Epochen lernen,” erklärt der Cambridge-Historiker. Lehrer und Geschichtswissenschaftler protestierten: Man solle Kinder zu mündigen Bürgern erziehen, nicht mit Geschichts-Mythen verdummen. Schliesslich machte die Regierung einen Rückzieher. Die britische Antikriegsbewegung organisiert landesweit Gegenveranstaltung gegen die partiotischen kriegsverherrlischenden Veranstaltungen der Regierung unter dem Titel: Krieg ist nie rhmreich! No Glory in War:

No glory in war: http://noglory.org/index.php/events

Polemik über Ersten Weltkrieg in Großbritannien

Produziert von Hans von der Brelie 

Gedenken oder Siegesfeier? Stolz auf einen “gerechten Krieg” oder Nachdenken über kollektives Versagen beim Konfliktmanagement anno 1914? Wie umgehen, heute, mit dem Ersten Weltkrieg? Britische Politiker und Historiker liegen sich in den Haaren: Anhänger einer patriotischen Lesart streiten mit Verfechtern eines differenzierten Umgangs mit der blutigen Vergangenheit 1914-1918.

Doch beginnen wir unsere Reportage nicht in London, sondern in Frankreich, an einem kühlen, wechselhaften Vorfrühlingstag. Für die britischen Jugendlichen aus Westonbirt (Gloucestershire) ist es eine ungewöhnliche Klassenfahrt: Ein Schulbesuch im Schlamm der Schlachtfelder und Schützengräben.

Die Teenager im Alter zwischen 14 und 18 wandern in den Spuren ihrer Urgroßväter. Vor hundert Jahren tobte hier an der Somme, auf dem Boden Frankreichs, der Erste Weltkrieg. Die Schüler werden alle den Rückweg finden, zurück zu ihrem Westonbirt-Internat. Viele ihrer Urgroßväter hingegen blieben hier – für immer. Etwa hundert Soldatenfriedhöfe verteilen sich auf dem früheren Frontabschnitt der Somme-Schlacht. Doch die britischen Jugendlichen besuchen nicht nur britische Gräber, sie halten auch an einem deutschen Soldatenfriedhof. Die Situation in den Schützengräben war dieselbe, für deutsche wie für britische Soldaten: Todesangst, Kadaver, Massensterben im Hagel der Geschosse.

Mick Biegel erklärt den Kindern die Schlacht an der Somme. Am ersten Juli 1916 starben hier 20.000 britische Soldaten – der schlimmste Tag der britischen Militärgeschichte. Mit einfachen Rollenspielen bemüht sich Mick, den Kindern die Situation vor Augen zu führen. Ein kalter Wind kommt auf, die Jugendlichen ziehen ihre Jacken zu. Sie sind ganz bei der Sache, überlegen gemeinsam mit Mick, wie sie sich wohl verhalten hätten, in diesen letzten Stunden vor der Schlacht: einen Brief nach Hause schreiben? Lesen? Trinken?Beten? Um 7.30 Uhr morgens 1916 tönt ein schriller Pfiff über die kilometerlangen Schützengräben, die Männer erheben sich, stürmen in den Tod.

Auch Mick Biegel hat Erfahrung mit Waffen, wenn auch nicht im Ersten Weltkrieg, “so alt bin ich nun auch wieder nicht”, scherzt er. Als Offizier der britischen Streitkräfte diente er seiner Queen in Nordirland, “während der heissen Phase des Konflikts”, betont er, dann als Friedenssoldat mit Blauhelm in Sarajewo. Nach dem Ausscheiden aus dem Militärdienst beschloss Mick, sich dem Ersten Weltkrieg zu widmen. Wie soll heute daran erinnert werden? Mit Gedenkprojekten oder mit Siegefeiern? Mick Biegel meint, “es ist zu einfach, hier den “Macho” zu spielen, zu behaupten, der Erste Weltkrieg sei was Ruhmreiches. So einfach ist das nicht. Das geht uns auch heute noch was an: Das ist nicht die Geschichte des Altertums. Könnte sowas nochmal geschehen? Ich denke ja…”

Lautes Feiern oder stilles Gedenken? Die Frage spaltet Großbritannien. In Cambridge treffen wir Professor Sir Richard J. Evans, einen der führenden Experten für Geschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Im Vorfeld der Europawahlen und im Zeichen von Eurokrise und Euroskepsis machen immer mehr britische Politiker auf Hurra-Patriotismus, warnt Evans. Der Erste Weltkrieg sei weder ein gerechter Krieg gewesen, noch ein Kampf für Demokratie und westliche Werte. Er erklärt: “Der Erziehungsminister, Michael Gove, behauptet, das sei ein Kampf zwischen Links und Rechts. Die Konservativen – und zu denen gehört auch der Minister – wollen den britischen Sieg im Ersten Weltkrieg mit patriotischen Veranstaltungen feiern. Einige von uns Historikern – auch mich – hat der Minister beschuldigt, das Andenken der tapferen Truppen der Westfront zu beschmutzen. – Der Erste Weltkrieg mündete in eine Katastrophe. Faschismus, Rassismus und Antisemitismus breiten sich aus in Europa und werden immer radikaler,” so Evans.

Euroskeptiker wie Sir Max Hastings argumentieren anders. Wir besuchen den früheren Kriegsreporter und Militärhistoriker in seinem gemütlichen Landhaus in Hungerford. Hastings beschuldigt die Regierungen in London und Paris, der deutschen Kanzlerin Merkel nach dem Mund zu reden, statt laut und deutlich an die deutsche Alleinschuld zu erinnern. Heute wie gestern konstatiert Hastings einen deutschen Drang zur Dominanz, gestern mit Waffen, heute mit Wirtschaft. “Es wäre ein Fehler, liesse man dieses Jahrhundert-Event einfach so verstreichen, indem man nur an die Schrecken des Ersten Weltkrieg erinnert, ohne der nachfolgenden Generation die Gründe zu vermitteln,” fordert Hastings. “Keine Nation verdient, ausschließlich für alles verantwortlich gemacht zu werden, was 1914 geschah, doch trägt Deutschland die Hauptschuld, denn Deutschland hätte den Krieg verhindern können. Die Theorie, dass der Erste Weltkrieg ein Unfall der Weltgeschichte ist, ist inakzeptabel.”

Evans widerspricht: “Die europäischen Staatsmänner waren sich 1914 der Kriegsgefahr nicht bewusst. Niemand hatte eine klare Vorstellung von den Kriegszielen. Der Krieg wurde durch das System der Beistandsbündnisse ausgelöst.”

In Frankreich besuchen die Westonbirt-Schüler britische UND deutsche Soldatenfriedhöfe. Im Unterricht haben sich die britischen Jugendlichen mit Planspielen vorbereitet, schlüpften in die Rolle von König, Kaiser, Zar und General, entdeckten selber die Macht der Voruteile und die Ohnmacht der Diplomatie.

Kate meint, “wie haben unsere Klasse in Gruppen aufgeteilt, jede Gruppe war ein anderes Land, also die Alliierten und auf der anderen Seite Deutschland und noch ein paar weitere Länder… Nun, und dann haben wir gesehen, wie einfach es ist, einen Krieg zu beginnen…”

Kiera ergänzt: “Man wird wütend; wenn man sich die Zahl der Toten vor Augen führt. Das hätte niemals geschehen dürfen… und es war unnötig.” “Wir wollen nicht, dass so etwas erneut passiert. Wir sollten alle glücklicher sein und miteinander auskommen… auch wenn das schwierig ist,” hofft Sophia.

Siobhan: “Mein Großvater kämpfte im Zweiten Weltkrieg und mein Urgroßvater starb im Ersten Weltkrieg, hier. Für mich war es wichtig, hierher zu kommen, in seinem Gedenken.” “Wenn alle Parteien im Parlament hierher kämen und sich das hier ansähen, dann würden die Poliltiker anders denken, sie würden keine Kriege mehr anzetteln und nicht mehr auf Eskalationskurs gehen…” fordert Bonnie.

Kurs London. Auf der Wellington haben wir eine Verabredung mit Admiral Lord West. Früher stand er an der Spitze der königlichen Kriegsmarine und war in der Labour-Regierung zuständig für Sicherheitsfragen und Terrorismusbekämpfung. Können wir aus dem Ersten Weltkrieg etwas lernen? Was lief schief, 1914?
Alan William John West warnt, “Menschen führen Kriege, weil sie glauben, Kriege seien kurz und begrenzt. Das ist extrem gefährlich. Einmal im Krieg, verliert die Politik die Kontrolle. Politiker glauben, sie können Kriege kontrollieren, doch Kriege können nicht kontrolliert werden…”

In ihrer Ausstellung “Portraits im Ersten Weltkrieg” zeigt die Londoner National Portrait Gallery Meisterwerke aus ganz Europa. Zugleich koordiniert das Museum ein Projekt für Jugendliche: “Nationales Erinnern – Geschichten von daheim”.

Der Erste Weltkrieg – Schnee von gestern? Nicht so für die Pressereferentin der National Portrait Gallery Sylvia Ross: “Es ist für die Jugendlichen durchaus möglich, Bezüge herzustellen zum Ersten Weltkrieg: im Gespräch mit Nachbarn, Eltern oder Großeltern, beim Tee oder Sonntagsessen: der Erste Weltkrieg IST ein Thema.”

Schulen in Schottland, Nordirland, Wales und England nahmen an dem Projekt teil. Einige der Jugendlichen befragten ihre Verwandten nach Geschichten und Tagebüchern vom Urgroßvater – andere durchforsteten lokale Archive. Aus den Fundstücken und Erzählungen wurden Kunstwerke, ausgestellt auf einer Internet-Platform.

Der Schüler Joshua Cross vom Avon Valley College machte eine interessante Entdeckung: “Wir haben die Tagebücher durchgesehen. In einem habe ich eine Postkarte entdeckt, die trug der tote Soldat bei sich… Mir ging es darum zu zeigen, wie wichtig der Kontakt mit den Angehörigen für den Soldaten war… der Soldat hatte die Postkarte in der Tasche, als er starb…”

Mitschüler Kieran Jones ergänzt: “Bei uns im Familienkreis wurde immer wieder über die Lebensmittelknappheit geredet, alles war rationiert, es gab nicht genug zu essen, nicht genug Nachschub. Jedem Regiment wurde eine bestimmte Menge Lebensmittel zugeteilt, es gab Momente, da musste ein Soldat zwei Tage lang mit zwei Keksen auskommen.”

Weniger kontinentaleuropäische Geschichte, mehr britische Nationalgeschichte. Mit diesem Vorschlag versuchte die Regierung, den Lehrplan zu ändern, kritisiert Sir Richard J. Evans: “Der konservative Erziehungsminister, Michael Gove, hält den bestehenden Lehrplan für eine Machenschaft linker Meinungsmacher. Er wollte den Geschichtslehrplan umschreiben: Britische Schüler sollten patriotische Geschichten über britische Siege in allen Epochen lernen,” erklärt der Cambridge-Historiker. Lehrer und Geschichtswissenschaftler protestierten: Man solle Kinder zu mündigen Bürgern erziehen, nicht mit Geschichts-Mythen verdummen. Schliesslich machte die Regierung einen Rückzieher.

“Oase”, so der Name einer Londonder Grundschule. Das Kriegsmuseum ist gleich um die Ecke, auch hier läuft ein spannendes Projekt: Als Jung-Reporter befragen die Kinder britische und deutsche Objekte aus dem Ersten Weltkrieg. Der zehnjährige Nachwuchs-Journalist Tyler erklärt: “Wenn ein Soldat seinen Kopf aus dem Schützengraben streckte, wurde er totgeschossen. Deshalb haben die Periskope verwendet, um was zu sehen.”

Über den Rand der Schützengräben blicken – keine schlechte Methode, um des Ersten Weltkriegs zu gedenken.

Übrigens: Grossbritannien steckt 60 Millionen Euro in Gedenkveranstaltungen, Schulausflüge und Museumsprojekte – in Deutschland gibt es für den Ersten Weltkrieg nur fünf Millionen…

Sir Richard John Evans, Regius Professor für Geschichte an der Cambridge University und Präsident des Wolfson College, nimmt Stellung zur britischen Debatte über den Ersten Weltkrieg. Um das vollständige Interview auf Englisch anzuhören, klicken Sie auf diesen Link (Reporter: Hans von der Brelie).
Bonus interview: Sir Richard John Evans

Sir Max Hastings, Historiker für Militärgeschichte und Preisträger des Pritzker Military Library Literature Awards, erklärt Euronews seine Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg. Für das vollständige Interview auf Englisch klicken Sie hier (Reporter: Hans von der Brelie).
Bonus interview: Sir Max Hastings

Um das Interview (auf Englisch) mit Admiral Lord West in voller Länge zu hören, klicken Sie bitte auf diesen Link. Alan William John West, der frühere vorsitzende Lord der Admiralität der Royal Navy, erklärt seine Position zur Krise in der Ukraine und blickt auf den Ersten Weltkrieg zurück (Reporter: Hans von der Brelie).
Bonus interview: Admiral Lord West

 Video hier:

http://de.euronews.com/2014/04/04/polemik-ueber-ersten-weltkrieg-in-grossbritannien/

AUSSTELLUNG

Das Gesicht des Krieges

Die National Portrait Gallery in London erinnerte an den Ersten Weltkrieg: mit der Ausstellung „The Great War in Portraits“. Videos, Gemälde und Bilder zeigen drastisch die Unmenschlichkeit des Krieges.

Bildergalerie THE GREAT WAR IN PORTRAITS in der National Portrait Gallery

„Wenn Sie das Schlachtfeld in Verdun besuchen, sehen Sie, warum die EU gegründet wurde. Wir wollen Kriege wie diesen nie wieder führen.“ Oberst Richard Nunneley weiß einiges über Krieg. Der große, akkurat gekleidete und eloquente ehemalige Soldat ist Mitglied des Museumsrates des LondonerNational Army Museum. Und selbst ein Kriegsveteran.

Er hat sich einige Stunden Zeit genommen, um die Ausstellung in der National Portrait Gallery in Ruhe anzusehen. Eine Ausstellung, die nicht nur den Ersten Weltkrieg reflektiert, sondern indirekt bewaffnete Konflikte generell. Nunneley selbst hat deutsche Wurzeln und ist mit einer Deutschen verheiratet. Für ihn ist es wichtig, daran zu erinnern, dass der Krieg für alle beteiligten Länder ein Blutbad war.

Gedenken erlebbar machen

Oberst Richard Nunneley hat darauf bestanden, dass alle seine Kinder die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs besuchen sollten, um die brutale Realität des Krieges zu verstehen. Seit er die Armee verlassen hat, klärt er andere Menschen über die tragischen Folgen von Krieg auf. „Im National Army Museum hatten wir eine Ausstellung über Verstümmelungen und die Anfänge der plastischen Chirurgie“, sagt Nunneley. „Wir haben viel Kritik eingesteckt, aber wir fanden, dass es unser Job sei, die Realität zu zeigen. Krieg ist eben eine blutige, scheußliche Sache.“

Bildergalerie THE GREAT WAR IN PORTRAITS in der National Portrait Gallery

„A Grenadier Guardsman“ von Sir William Orpen, 1917

Mit seinen vielen Opfern, den schrecklichen Zerstörungen und den politischen Folgen veränderte der Krieg die Ordnung der Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts drastisch. Doch in der Ausstellung gehe es nicht um Politik oder militärische Manöver, betont ihr Kurator, Paul Moorhouse. Sie drehe sich vielmehr um die menschliche Erfahrung des Krieges. „Am 1. Juli 1916, am Ende des ersten Tags der Schlacht an der Somme, waren 19.240 britische Soldaten tot. Eine Zahl, die schnell gesagt ist. Aber wie will man erfassen, was sie wirklich bedeutet?“, fragt er. „Man muss Zahlen ein Gesicht geben.“

Das Menschliche im Krieg sei es, was sie fasziniere, meint Penny Hamilton aus London, während sie an Fotos und Postkarten von Soldaten, eindrucksvollen Ölgemälden und britischen und deutschen Propagandavideos entlang geht. „Es gab Verluste in fast jeder Familie“, sagt sie. „Im Krieg konnte jeder zum Opfer werden. Deshalb gibt es ein so großes Interesse daran. Egal, wer Schuld hatte. Der Krieg war verheerend für alle Länder.“

Das menschliche Gesicht des Krieges

Bildergalerie THE GREAT WAR IN PORTRAITS in der National Portrait Gallery

Selbstporträt von Sir William Orpen, 1917

In den Porträts der Ausstellung spiegelt sich eindringlich das Leid des Krieges: bei Menschen, die wie gejagt wirken, bei den von Verletzungen Gezeichneten oder sogar manchen, die lachen. Im Eingangsbereich werden die Porträts von prominenten Herrschern und Generälen den Bildern einfacher, namenloser Soldaten gegenübergestellt. „Sie stehen für die vielen Soldaten des 21. Jahrhunderts, die einfach ‚in Reih und Glied‘ in der Geschichte verschwinden“, sagt Paul Moorhouse.

Das „empirische und emotionale Herz der Ausstellung“, ergänzt der Kurator, sei die Fotoinstallation „The Valiant and the Damned“ (Die Tapferen und die Verdammten), die den Fokus auf die persönliche Geschichte jener legt, die direkt am Konflikt teilgenommen haben oder indirekt involviert waren. Eine einzelne Wand, bedeckt mit 40 individuellen Schnappschüssen, listet Namen und – sofern sie bekannt sind – auch Details über das oft tragische Schicksal der Menschen auf. Wie das des Soldaten Harry Farr.

In den ersten Kriegsjahren hatte Farr offensichtlich unerschrocken seinen Dienst verrichtet. Dann war er wohl am Ende seiner Kräfte angelangt. Er weigerte sich, weiter zu kämpfen. Wahrscheinlich als Folge einer posttraumatischen Belastungsstörung, wie man heute sagen würde. Wegen Feigheit vor dem Feind wurde er dafür an einem Morgen des Jahres 1916 hingerichtet. Wie 305 weitere britische Soldaten im Ersten Weltkrieg, die wegen Feigheit vor dem Feind oder Desertation zum Tode verurteilt wurden.

Schockierende Sprache der Bilder

Bildergalerie THE GREAT WAR IN PORTRAITS in der National Portrait Gallery

„Der tote Blessiertenträger“ von Gilbert Rogers, 1919

Besonders erschütternd sind die Bilder von Soldaten mit verstümmelten Gesichtern. Wie das Porträt eines Leutnant R.R.Lumley mit einem blutigen, herunter hängenden Auge. Viele davon wurden einem öffentlichen Publikum bisher noch nie präsentiert. „Es war damals gesellschaftsfähig, in der Öffentlichkeit mit fehlendem Arm oder Bein zu erscheinen“, sagt Paul Moorehouse. „Diese Verstümmelungen wurden als Beweis für Mut und Pflichterfüllung angesehen. Aber wenn jemandem das Gesicht weggeschossen wird, raubt ihm das seine Identität. Und anderen Menschen die Fähigkeit, ihn anzuschauen. Sogar Familienmitglieder konnten da oft nicht hingucken. Wir zeigen diese Menschen und geben ihnen ihren verdienten Platz in der Geschichte zurück.“

Manche Bilder sind wirklich nichts für schwache Gemüter. Aber trotzdem herrscht nicht nur Untergangsstimmung. „Obwohl viel Gewalt, Grausamkeit und Verbitterung zu sehen sind, zeigen einige Porträts auch das Gegenteil, nämlich die ehrenhafte und noble Seite von Menschen: Heldentum, Selbstlosigkeit und die Fähigkeit, sogar unter entsetzlichen Bedingungen zu lachen. Und eine schier unglaubliche Ausdauer in allergrößter Not“, sagt der Kurator der Ausstellung. „Und das ist für mich ein außergewöhnlich positiver Teil der menschlichen Natur.“

 

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