Nicht nur zwischen China und den Nachbarn gibt es Streit um Inseln, sondern auch zwischen Südkorea und Japan! Die Gefahr der Entstehung eines neuen Weltkrieges ist in Asien sogar noch größer als im Konflikt in der Ukraine! Es gibt bisher keine gemeinsamen Strukturen wie immerhin die OSZE. Da uns dieser Konflikt aber dann auch betreffen würde, sollten wir die Sache verfolgen und sehen, was wir zu einer Entspannung beitragen können. Der Territorialstreit zwischen Südkorea und Tokio: Zwar besteht Tokio seit den fünfziger Jahren auf seinem Anspruch auf Takeshima , doch es äussert diesen seit Mitte der neunziger Jahren verstärkt. Als besonders stossend empfand man in Korea, dass 2005 die Präfektur Shimane, zu der laut japanischer Lesung die Inseln gehören, einen «Takeshima-Tag» initiierte. An diesem Tag, dem 22. Februar, inkorporierte das imperiale Japan 1905 die Inseln − dass dieses Datum in Japan ein Gedenktag ist, wird von der koreanischen Seite dahingehend interpretiert, dass das moderne Japan noch immer kolonialen Gelüsten nachhänge. Auch um den 15. August kochen die Emotionen jeweils hoch. An dem Tag kapitulierte Japan 1945, in Korea wird er als Tag der Befreiung vom japanischen Joch gefeiert. Vor zwei Jahren besuchte der damalige südkoreanische Präsident Lee Myung Bak Dokdo kurz vor diesem Datum und sorgte damit dafür, dass die japanisch-koreanischen Beziehungen auf einen Tiefpunkt sanken.

Territorialstreit

Inselbesuch als patriotische Pflicht

Patrick Zoll, Ulleungdo Freitag, 15. August 2014, 15:31
Südkoreanische Touristen auf der Dokdo-Insel, um die mit Japan gestritten wird.
Südkoreanische Touristen auf der Dokdo-Insel, um die mit Japan gestritten wird. (Bild: Keystone /AP)
Südkorea verteidigt seinen Anspruch auf die Dokdo-Inseln gegenüber Japan auch dadurch, dass es sie touristisch nutzt. Die Besucher sind regional ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Für die Zukunft gibt es grosse Pläne.

Choi Gi Yong ist enttäuscht. Mit seiner Frau und fünf Freunden sitzt der Lehrer auf einem Plastic-Hocker im Hafen von Ulleung, isst rohen Tintenfisch und spült seinen Frust mit Soju, dem lokalen Schnaps, herunter. Denn die stundenlange Busreise und die ebenso lange Überfahrt mit der Fähre waren vergebens. Das Reiseziel von Choi und seiner Gruppe war nicht die Insel Ulleungdo sondern ein paar Felsen 87 Kilometer davon entfernt. «Wir sind wegen Dokdo gekommen», sagt Choi bestimmt. Doch aus dem Besuch wurde nichts, der Wellengang war so hoch, dass die Touristenschiffe dort nicht anlegen konnten. Und am nächsten Tag muss die Gruppe wieder zurück auf Festland.

An Kolonialzeit erinnert

Die felsige Inselgruppe, von der Choi schwärmt, ist ein Stein des Anstosses zwischen Japan und Südkorea. Japan nennt die Inseln Takeshima und beansprucht sie für sich. Die koreanische Seite empfindet diesen Anspruch als Angriff auf die eigene territoriale Integrität und sieht sich an den japanischen Imperialismus erinnert, der Korea 1910 zur Kolonie machte. Kurz vorher, 1905, hatte Japan die Inseln in sein Territorium integriert, weil es sie als Terra nullius betrachtete. «Dokdo war das erste koreanische Gebiet, das der japanischen Aggression zum Opfer fiel», heisst es in einem Video des südkoreanischen Aussenministeriums.

Choi und seine Weggefährten sind keine nationalistischen Aussenseiter. Entlang der Marktstände im Hafen von Ulleung sitzen an diesem Abend Hunderte von Besuchern, meist in farbigen Outdoor-Kleidern, viele von ihnen in gesetzterem Alter. Im vergangenen Jahr besuchten mehr als 255 000 Touristen Dokdo, fast ausnahmslos Koreaner. Die konservative Zeitung «Chosun Ilbo» räumt ein , dass Dokdo nicht besonders einladend sei, doch die Inseln «wecken patriotische Gefühle in vielen Koreanern, die einen Besuch als ihre Pflicht sehen, um dem fadenscheinigen, kolonialen Anspruch Japans zu entgegnen».

Touristen statt Tintenfische

Seit Jahren wächst der Strom der Touristen, insgesamt 415 000 schafften es 2013 bis Ulleungdo. Bis zu vier Fünftel davon seien wegen Dokdo gekommen, sagt der Vizebürgermeister Kang Cheol Su. Doch wie Herr Choi und seine Freunde schaffen es viele nicht bis zu den patriotisch bedeutenden Felsen. Die diesjährige Saison habe gut gestartet, doch mit dem Untergang der Fähre «Sewol» im April seien die Besucherzahlen um mehr als die Hälfte eingebrochen, sagt Kang. Seither betrachten viele Reisen mit Fähren als gefährlich.

Ulleungdo ist auf den patriotischen Tourismus angewiesen, denn er macht rund zwei Drittel der lokalen Wirtschaft aus. Zwar ist die Insel auch für frische Tintenfische bekannt, doch leben von der Fischerei nur noch etwa 600 Familien. Ebenso viele sind noch in den steilen Hängen des erloschenen Vulkans in der Landwirtschaft tätig. Insgesamt ging die Bevölkerungszahl in den letzten dreissig Jahren um zwei Drittel zurück. Nun ist sie bei etwa 10 000 Personen konstant. Dank den Einkommensmöglichkeiten im Tourismus seien vereinzelt sogar junge Leute zugezogen, heisst es im Rathaus mit Stolz.

Infrastruktur am Limit

Der Tourismus bringt die kleine Insel aber auch an ihre Grenzen: Die Saison konzentriert sich auf die Sommermonate, in denen bis zu 5000 Touristen pro Tag ankommen. Das populärste Paket dauert drei Tage mit zwei Übernachtungen − damit befinden sich in Spitzenzeiten eineinhalbmal so viele Touristen auf Ulleungdo wie Einwohner. Die Infrastruktur, etwa die Abwasserentsorgung, kommt da teilweise nicht mehr mit. Um das Dorf Ulleung, wo die meisten Unterkünfte sind, gibt es im steilen Gelände keinen Platz für eine Kläranlage.

Im Winter, wenn Stürme wüten, fährt oft tagelang keine Fähre. Ganze 100 Tage pro Jahr sei Ulleungdo vom Festland abgeschnitten, sagt der Vizebürgermeister: «Wenn jemand medizinische Versorgung braucht, welche die Möglichkeiten unserer kleinen Klinik übersteigen, dann haben wir ein Problem.» Abhilfe soll ein Flugplatz schaffen. Für 490 Milliarden Won, fast eine halbe Milliarde Franken, soll bis 2020 eine Bergflanke abgetragen werden und mit dem Material eine Landebahn für Flugzeuge mit bis zu 50 Passagieren gebaut werden.

Solche Infrastrukturprojekte dienten dazu, das Einkommen der Bewohner auf abgelegenen Inseln zu steigern und so zu deren Wohlbefinden beizutragen, schreibt das zuständige Ministerium für Land, Infrastruktur und Transport in Seoul auf Anfrage. Wird der Plan umgesetzt, so wird die Hauptstadt in rund einer Stunde Flugzeit erreichbar sein. Bezahlt wird das Projekt vollumfänglich von der Zentralregierung.

Museen und internationale PR

Der Flughafen wird auch dem Tourismus dienen. Staatliche und private Institutionen auf verschiedenen Ebenen trichtern schon Schulkindern ein, dass ein echter Koreaner, eine echte Koreanerin stolz zu sein hat auf Dokdo. Und dass es zum guten Ton gehört, diese Inseln auch einmal zu besuchen. In Seoul steht ein topmodernes Dokdo-Museum, durch das schon Kindergarten-Kinder geschleust werden. Überall im Land trifft man auf Poster mit der Aufschrift «Dokdo ist koreanisches Territorium».

In der Provinz Nord-Gyongsang, zu der Dokdo gehört, besucht eine von der Provinzregierung finanzierte NGO alle Primar- und Mittelschulen und hält Vorträge über Dokdo. «Unsere Bevölkerung muss über Dokdo informiert sein, weil Japan die Inseln beansprucht», erklärt Lee Min Jae, ein junger Mitarbeiter. Man werde versuchen, das Programm auf das ganze Land auszudehnen. International engagiert sich das Aussenministerium. Für das laufende Jahr hat es gut 4 Millionen Franken dafür budgetiert, der Welt zu erklären, dass Dokdo koreanisch ist .

«Werbung» durch Japan

Die beste Werbung für den Tourismus nach Dokdo kommt allerdings von Japan. «Wenn Japan die Inseln nicht für sich beanspruchen würde, wären die meisten Koreaner kaum an Dokdo interessiert», räumt Lee Seung Jin freimütig ein. Lee ist der Direktor des Dokdo-Museums auf Ulleungdo, das dank einer grosszügigen Spende des Konzerns Samsung gebaut wurde.

Zwar besteht Tokio seit den fünfziger Jahren auf seinem Anspruch auf Takeshima , doch es äussert diesen seit Mitte der neunziger Jahren verstärkt. Als besonders stossend empfand man in Korea, dass 2005 die Präfektur Shimane, zu der laut japanischer Lesung die Inseln gehören, einen «Takeshima-Tag» initiierte. An diesem Tag, dem 22. Februar, inkorporierte das imperiale Japan 1905 die Inseln − dass dieses Datum in Japan ein Gedenktag ist, wird von der koreanischen Seite dahingehend interpretiert, dass das moderne Japan noch immer kolonialen Gelüsten nachhänge.

Auch um den 15. August kochen die Emotionen jeweils hoch. An dem Tag kapitulierte Japan 1945, in Korea wird er als Tag der Befreiung vom japanischen Joch gefeiert. Vor zwei Jahren besuchte der damalige südkoreanische Präsident Lee Myung Bak Dokdo kurz vor diesem Datum und sorgte damit dafür, dass die japanisch-koreanischen Beziehungen auf einen Tiefpunkt sanken.

Tanzende Polizisten

Auch wenn in der Gegend von Dokdo Rohstoffe vermutet werden, etwa Methanhydrat, ist der Wert der Inseln in erster Linie wohl symbolisch. Ein einziges älteres Ehepaar lebt da, dazu kommen fünf Mann, die den Leuchtturm und ein Gästehaus betreiben, wo zum Beispiel Forscher übernachten. Bewacht werden die felsigen Inseln von 40 Mann der nationalen Polizei. Meistens stehen diese aber für die Besucher stramm, schiessen Erinnerungsfotos oder machen Werbung für Dokdo, indem sie etwa in einem Video zu den Beats des Megahits Gangnam-Style auftreten.

Die von weit her angereisten Besucher dürfen in der Regel gerade mal 20 Minuten auf dem Betonsteg von Dokdo verbringen, bevor es zurück nach Ulleungdo geht. Wenn Wind und Wetter nicht mitspielen, bleiben die Touristen enttäuscht auf Ulleungdo sitzen. Für die Bewohner der Inseln ist das nicht einmal schlecht. Denn wer es nicht nach Dokdo geschafft hat, kommt wahrscheinlich wieder. Herr Choi sagt zwischen zwei Gläsern Soju: «Wir probieren es auf jeden Fall ein andermal wieder.» Seine Reisegefährten stimmen ihm zu und heben ihre Gläser.

NZZ-Ostasienkorrespondent Patrick Zoll auf Twitter:

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Asien, Kriegsgefahr veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s