Kriegsopfer fordern gemeinsam: Versöhnung, Wahrheit, keine gegenseitigen Schuldzuweisungen! beim Friedensprozess in Kolumbien kommen jetzt die Opfer des Krieges zu Wort. Der bewaffnete Konflikt hat in den vergangenen 50 Jahren 220 000 Tote gefordert und mehr als 5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben.

Emotionen in Havanna

Farc und Regierung hören Opfer an

Tjerk Brühwiller, São Paulo Heute, 17. August 2014, 13:41
Opfer des bewaffneten Konflikts riefen in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, sich zu versöhnen.
Opfer des bewaffneten Konflikts riefen in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, sich zu versöhnen. (Bild: Ramon Espinosa / ap)
Bei den Verhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Farc-Guerilla sprechen erstmals die Opfer. Die Zeugnisse sind ein wegweisender Schritt zum Frieden.

Der Friedensprozess zwischen der kolumbianischen Regierung und den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) hat am Samstag seinen bisher empfindlichsten Punkt erreicht. In Havanna, wo die Verhandlungen seit Ende 2012 laufen, kam es zur Anhörung von zwölf Opfern des bewaffneten Konflikts, der in den vergangenen 50 Jahren 220 000 Tote gefordert und mehr als 5 Millionen Menschen in die Flucht getrieben hatte. In einer gemeinsamen Erklärung riefen die Opfer am Ende des Tages dazu auf, sich zu versöhnen, ohne dabei die Wahrheit zu vergessen. Die Wahrheit sei die Basis für den Frieden und nicht gegenseitige Schuldzuweisungen, waren sich die Zeugen einig.

Zeugen der Greueltaten

Bei den zwölf Angehörten handelt es sich um Opfer einiger der schlimmsten Greueltaten des Konflikts. Leyner Palacios zum Beispiel verlor mehrere Familienmitglieder im sogenannten Massaker von Bojayá. Dort zündeten die Farc 2002 während eines Gefechts mit Paramilitärs eine Bombe in einer Kirche, in die sich 79 Dorfbewohner geflüchtet hatten. Eine Aussage hörten die Verhandlungsparteien auch von Luz Marina Bernal, deren 26-jähriger geistig behinderter Sohn 2008 von Regierungssoldaten entführt und im Austausch gegen eine Prämie als ein im Gefecht getöteter Guerillero ausgegeben wurde. Schätzungsweise 3000 Zivilisten erfuhren dasselbe Schicksal. Auch Jaime Peña sagte aus, der Vater von einem der 32 Jugendlichen, die 1998 in Barrancabermeja von Paramilitärs verschleppt und getötet wurden. Jedes der Opfer hatte 15 Minuten Zeit, um seinen Fall zu schildern und seine Fragen und Vorstellungen zu einem Friedensabkommen vorzubringen.

Insgesamt werden die Delegationen 60 Opfer anhören. Dies sei ein wichtiges und notwendiges Vorgehen, um Vereinbarungen für den Frieden zu erzielen, hielten die Farc und die Regierung im Vorfeld in einer Erklärung fest. Beide Seiten betonten die Wichtigkeit einer pluralen und ausgewogenen Auswahl der Zeugen. Nicht nur Opfer der Farc sollen angehört werden, sondern ebenso jene, die Verbrechen von Paramilitärs, Regierungstruppen oder des Drogenhandels zum Opfer fielen. Ausgewählt werden die Zeugen von der Vertretung der Vereinten Nationen in Bogotá und von Vertretern der Universidad Nacional. Der Prozess wird von der Bischofskonferenz begleitet. Alle drei Institutionen haben Repräsentanten nach Havanna geschickt, um die Anhörungen zu verfolgen.

Schwierigkeit der Vergebung

Die Aussagen der Opfer bilden den Beginn des vierten Traktandums der Friedensverhandlungen. Nach erfolgreichen Verhandlungen über die Themen Landreform, politische Beteiligung und Drogenbekämpfung ist der Friedensprozess am bisher heikelsten Punkt angelangt. Die Diskussionen über die Entschädigung der Opfer und über die Übergangsjustiz werden das Trauma eines vom Konflikt gebrandmarkten Landes offenlegen und zeigen, ob Vergebung und damit Frieden in Kolumbien möglich sind. Längst nicht alle Kolumbianer sind zu einer Versöhnung bereit und willens, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Zu tief sind die Wunden, zu gross der Hass. Den 60 Opfern, die nun in Havanna vorsprechen, kommt in diesem Prozess eine besondere Bedeutung zu. Sie seien für ihn die wahren Helden des Konflikts, sagte der Uno-Koordinator in Bogotá, Fabrizio Hochschild.

http://www.nzz.ch/international/farc-und-regierung-hoeren-opfer-an-1.18364785

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