Warum erst jetzt Symphathie der Medien für die von IS bedrohten religiösen Minderheiten, Christen, Yeziden, Shiiten und warum nur in Irak und nicht in Syrien? Die islamistischen Rebellen verüben solche Massaker doch schon seit Jahren in Syrien! Ohne dass dies unseren Politikern, Zeitungen und Fernsehen Schlagzeilen wert war! Weil man die Islamisten in Syrien braucht, um Assad zu stürzen? Zählen da die Minderheiten nicht? Und weil man mit dem Schicksal der Minderheiten in Irak gut begründen kann, warum man wieder militärisch direkt ein Bein nach Syrien rein bekommt, nachdem man hatte abziehen müssen aus diesem rohstoffreichen Land direkt an der Grenze Irans? Oder kennt jemand einen anderen plausiblen Grund, warum der Westen im Irak Minderheiten schützen will, aber in Syrien nicht! Schlimmer: Gudrun Harrer, Expertin in Nahostfragen des österreichischen Standard, vermutet, dass man vielleicht die Islamisten nach Syrien zurückdrängen will! Für die syrischen Minderheiten hätte so eine Strategie des Westens katastrophale Folgen, aber passte ins geopolitische Raster!

Christen in Syrien„Mit Assad leben wir besser“

Stand: 20.04.2014 12:49 Uhr

Syrien unter Assad: Das war für viele Christen ein Staat, der zwar diktatorisch regiert wird. Aber wenigstens gab es Religionsfreiheit. Heute – im dritten Jahr des Bürgerkriegs – fürchten sie um ihr Leben, vor allem in den umkämpften Gebieten.

Von Martin Durm, SWR

Sie hätten ihn lieber zuhause begraben, in Damaskus, wo er solange gelebt hat. Er war alt, vielleicht zu alt, um das Leben eines Flüchtlings auf sich zu nehmen. Nun liegt er da, im offenen Sarg: Ein syrischer Christ, der in der Jakobs-Kathedrale von Beirut beweint wird. Die Frauen stützen sich gegenseitig, sie haben die Haare mit schwarzen Seidentüchlein bedeckt. Die Männer schweigen. 

Auch das gehört zur Tragödie des syrischen Bürgerkriegs: Es leben nicht nur Millionen Flüchtlinge im Exil; es sterben auch viele: die Alten, Kranken und Hoffnungslosen.

„Die syrischen Christen sind in einer besonders schweren Lage“, sagt Bischof George Saliba. „Sie wissen nicht mehr, wohin sie gehen sollen und was sie tun sollen.“

Syriens Christen fürchten den Untergang
M. Durm, DLF
20.04.2014 12:03 Uhr

 

Was tun? Das beschreibt ziemlich exakt das Dilemma der syrischen Christen. Jahrzehntelang hat der Assad-Clan den elf christlichen Konfessionen ein ungewöhnlich hohes Maß an Religionsfreiheit garantiert. Sie fühlten sich geschützt, wenn der Präsident an Ostern eine der Damaszener Kirchen besuchte. Sie sahen sich respektiert, wenn sie am Karfreitag und Ostersonntag in Prozessionen die Altstadt durchquerten, mit lebensgroßen Christusstatuen auf ihren Schultern.

Seit drei Jahren keine Osterprozession

Syrien unter Assad: Das war für viele Christen ein Staat, der zwar hart und diktatorisch regiert wird, aber wenigstens Religionsfreiheit garantiert hat. Seit drei Jahren gibt es nun keine Osterprozession mehr in Damaskus – aus Sicherheitsgründen. Das Land versinkt im Bürgerkrieg. „Wenn Assad geht, kann es nur schlimmer werden für die Christen in Syrien“, sagt Bischof Saliba. Sein bischöfliches Büro ist zur zentralen Anlaufstelle für ratsuchende Syrer geworden. Flüchtlinge rufen an, kommen und gehen. Doch der Bischof hat nicht viel Tröstliches für sie parat: „Wer wird Assad ersetzen? Wie wird ein neues Regime aussehen? Werden dann die Islamisten regieren? Ich glaube, wenn Assad geht, gibt es für uns Christen keine Zukunft mehr in Syrien. Mit Assad leben wir besser.“

Eine zerstörte Kirche in der Nähe von Damaskus (Bildquelle: dpa)

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Eine zerstörte Kirche in der Nähe von Damaskus

Die Machtfrage wird von Christen in Syrien nicht unter politischen Prämissen gestellt. Ihnen geht es vor allem darum, ob sie sich frei und unbehindert zu ihrer religiösen Identität bekennen können. In den umkämpften Gebieten scheint das nicht mehr möglich zu sein. Im September des vergangenen Jahres wurden zwei Bischöfe in Aleppo von radikalen Islamisten verschleppt, im Dezember elf Nonnen aus ihrem Kloster in Maalula entführt. Die Nonnen wurden später freigelassen, die Bischöfe sind bis heute verschwunden.

Lama Fakih von der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ hat selbst vor Ort einen Angriff auf die christliche Kleinstadt Sadat untersucht. „An einem Tag wurden dort zehn Menschen ermordet, sechs von ihnen gehörten zu einer Familie: Unter den Opfern waren ein Kind und drei alte Leute. Ihre Leichen wurden in einen Brunnen geworfen. Darüber hinaus wurden in Sadat Kirchen verwüstet, das gleiche geschah auch in Homs“, berichtet Fakih.

Minderheiten sehen sich in ihrer Existenz bedroht

Das Massaker wurde offenbar von Dschihadisten verübt, die Al Kaida nahe stehen. „Wir wissen, dass Christen besonders häufig Opfer von  Entführungen sind“, sagt Fakih. „Sie werden aber weniger aus religiösem Hass gekidnappt, sondern weil viele Christen relativ wohlhabend sind. Es geht da oft nur ums Geld. Für uns ist klar, dass die Dschihadisten wesentlich systematischer gegen die religiöse Minderheit der Alawiten vorgehen. Sie werden nur deshalb umgebracht, weil sie Alawiten sind.“ 

Und weil der Assad-Clan zu den schiitisch beeinflussten Alawiten gehört. Was die Alawiten mit den Christen verbindet, ist das Wissen darum, einer religiösen Minderheit anzugehören. Christen, Alawiten, Drusen – all diese Minoritäten müssen sich in Syrien seit Jahrhunderten gegenüber der sunnitischen Mehrheit behaupten. Sie sehen ihre Existenz nun im Bürgerkrieg von radikalen Milizen bedroht.  

„Wer sich nicht unterwirft, wird umgebracht“

„Ich habe sie in meinem Dorf erlebt“, erzählt Nathalie, eine syrische Christin, die erst kürzlich in den Libanon floh. Sie habe noch Glück gehabt, die Dschihadisten hätten sie nur geschlagen und ihr ein paar Rippen gebrochen. Andere hätten weniger Glück gehabt. Die Fanatiker folterten ihre Geiseln, selbst wenn Lösegeld gezahlt werde. „Frauen sind für sie wie eine Beute. Sie behandeln Andersgläubige wie Tiere und zwar gleichgültig, welcher Minderheit sie angehören. Wer sich nicht unterwirft, wird umgebracht.“

Christen in Syrien fürchten um ihre Existenz (Bildquelle: dpa)

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Christen fürchten in Syrien um ihre Existenz. Viele fliehen ins Ausland.

Deshalb ist sie geflüchtet. Deshalb leben mittlerweile fast eine halbe Million syrische Christen im Ausland. Orthodoxe Kleriker wie Bischof Saliba rufen die syrischen Christen immer wieder dazu auf, trotz aller Gefahr in ihrer Heimat zu bleiben. Sie erinnern an die 2000-jährige Geschichte der syrischen Christen: An Saulus, der sich vor Damaskus zum Paulus bekehrte und von Syrien aus das Christentum in die Welt trug. An die steinalten Klöster von Maalula, wo die Mönche das „Vater unser“ noch so beten wie Jesus es tat – auf aramäisch.

Aufruf zum Bleiben verhallt immer öfter

„Wir wollen, dass unsere Leute das Land nicht aufgeben, aus dem sie kommen“, sagt Bischof Saliba. „Dort sind unsere Wurzeln.“ So reden und predigen die syrischen Bischöfe immer wieder: Wir müssen festhalten an unseren Wurzeln.

Aber nach mehr als drei Kriegsjahren fühlen sich viele syrische Christen von ihren Bischöfen überfordert. „Wie kann man von mir verlangen, in Syrien zu bleiben?“, fragt eine Frau vor der Jacobs-Kathedrale in Beirut. „Wie sollte ich das tun? Wenn Dschihadisten in dein Dorf kommen, wenn sie deine beiden Töchter bedrohen? Sagst Du dann, ich bleibe, um das Christentum im Nahen Osten zu retten? Ich will meine Mädchen retten. Ich weiß, dass Gott den ersten Platz in meinem Leben verdient.  Aber das sind meine Kinder. Sie sind alles, was ich noch habe.“

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