„Die Macht der Bilder“ im und für den Krieg: Der Krieg beschleunigte nicht nur die Entwicklung der Kriegstechnik, sondern auch der potenziellen Propagandawaffen. Keine Überraschung ist es, dass im Sommer 1914 vor allem Aufmärsche aufgenommen wurden, die die Kriegspläne der Monarchie bejubelten, während Antikriegsdemonstrationen der Arbeiterbewegungen nicht von Kameras eingefangen wurden. Dem Publikum an der Heimatfront wurden vor allem Aufnahmen präsentiert, die die eigenen Truppen beim Einmarsch in eroberte Städte zeigten und vorführen sollten: Alles verläuft nach Plan. Allenfalls 20 Prozent können reale Bilder von Kriegsschauplätzen gewesen sein, der Rest sind Aufnahmen von Manövern oder für die Kamera gestellt. Das „Re-Enactment“, wie das Nachinszenieren heute genannt wird, ist also keineswegs eine Erfindung von Guido Knopp & Co. Anschaulich führt die Dokumentation die Anzeichen vor, die die Inszenierung verraten: Soldaten fallen zu früh oder lachen in die Kamera. Bilder von Massenhinrichtungen von Zivilisten und anderen Kriegsverbrechen zeigen eine Seite des Ersten Weltkriegs, jenseits der Schützengräben und Aufmärsche und geben zugleich eine Vorahnung des Zweiten Weltkriegs. Ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden die meisten dieser Bilder erst mit diesem Film – für die Propaganda waren sie nicht zu gebrauchen.

DOKU ZUM ERSTEN WELTKRIEG

Nur jede fünfte Kriegsszene war echt

 Von 

Kinematograph im zerschossenen Iwangorod – 1915. Foto: ORF/Österreichisches Staatsarchiv

BERLIN –  

Die 3Sat-Doku „Macht der Bilder“ hat Filmaufnahmen untersucht, die während des Ersten Weltkriegs entstanden sind. Sie zeigt eindrucksvoll, dass schon früh die Macht der Bilder die Propagandamaschinerie befeuerten – und man es mit der Wahrheit nicht so genau nahm.

Der Erste Weltkrieg – das „Urtrauma des Zwanzigsten Jahrhunderts“ – war der erste Film- und Medienkrieg der Geschichte. Ob an Isonzo, Weichsel oder Somme: Im Völkergemetzel des „Großen Kriegs“ kam dem neuen Medium des Films – auch in den Augen der Militärs – eine überragende propagandistische Bedeutung zu.

Männer mit Stahlhelmen ducken sich in den Schützengräben, sie ertragen den Hagel der Granaten oder gehen selbst zum Sturmangriff über. Solche Szenen bestimmen bis heute das Bild des Ersten Weltkriegs. Auch die aktuellen Dokumentationen von ARD und ZDF kombinierten gern neue inszenierte Schützengraben-Szenen mit Aufnahmen der Jahre 1914 bis 1918. Die Herkunft und Entstehung der historischen Bilder wurde aber kaum mal thematisiert. Eine Dokumentation des ORF, die heute um 20.15 Uhr auf 3sat gezeigt wird, bewertet den Ersten Weltkrieg als ersten Medienkrieg der Geschichte und wartet schon in der Einführung mit seiner General-These auf: Die bewegten Bilder vom Krieg lügen!

Proteste blieben unsichtbar

Die Autoren Günter Kaindlstorfer und Karin Moser haben nicht nur die Entstehung, sondern auch die Auswahl jener Kriegsbilder analysiert, die damals in die Kinos des österreichisch-ungarischen Kaiserreiches kamen. Keine Überraschung ist es, dass im Sommer 1914 vor allem Aufmärsche aufgenommen wurden, die die Kriegspläne der Monarchie bejubelten, während Antikriegsdemonstrationen der Arbeiterbewegungen nicht von Kameras eingefangen wurden.

Bis heute trägt dieses Missverhältnis dazu bei, die Legende von der einhelligen Kriegsbegeisterung zu untermalen – auch in Deutschland. Interessanterweise aber kam im Sommer 1914 aber auch ein pazifistisches Melodram in die Kinos: eine dänische Verfilmung von Bertha von Suttners Roman „Die Waffen nieder!“ aus dem Jahr 1889. Doch im Verlaufe des Krieges wurde die staatlich Lenkung und Zensur immer straffer. Ab 1916 gründeten die Krieg führenden Staaten eigene Filmpropaganda-Stäbe. Dem Publikum an der Heimatfront wurden vor allem Aufnahmen präsentiert, die die eigenen Truppen beim Einmarsch in eroberte Städte zeigten und vorführen sollten: Alles verläuft nach Plan.

Flammenwerfer-Einsatz – dokumentiert und in Wien archiviert.

Flammenwerfer-Einsatz – dokumentiert und in Wien archiviert.
Foto: ORF/Österreichisches Staatsarchiv

Die Filmhistoriker untersuchten aber auch die Filme von den Schlachtfeldern, überprüften, wie realistisch die Bilder überhaupt sein konnten – allein angesichts der noch sehr unvollkommenen Technik. Denn die Kameras waren sperrig, brauchten viel Licht. Die Einschätzung der Wiener Filmexperten: Allenfalls 20 Prozent können reale Bilder von Kriegsschauplätzen gewesen sein, der Rest sind Aufnahmen von Manövern oder für die Kamera gestellt. Das „Re-Enactment“, wie das Nachinszenieren heute genannt wird, ist also keineswegs eine Erfindung von Guido Knopp & Co. Anschaulich führt die Dokumentation die Anzeichen vor, die die Inszenierung verraten: Soldaten fallen zu früh oder lachen in die Kamera.

Der Krieg beschleunigte nicht nur die Entwicklung der Kriegstechnik, sondern auch der potenziellen Propagandawaffen. Dazu wurden neue Formen eingeführt – etwa die Wochenschau im Kino. Auch der erste abendfüllende Dokumentarfilm entstand unter dem Druck des Krieges. Dem britischen Film „The Battle Of The Somme“, den im Juli 1916 über 20 Millionen Besucher in Großbritannien sahen, billigt die ORF-Doku sogar zu, dass hier die allermeisten Szenen authentisch sind, und dass, obwohl er eine militärische Niederlage in einen medialen Sieg verwandelte.

Entdeckung in Archiven

Obwohl die Doku selbst also vorführt, dass die Herkunft der Kriegsbilder differenziert und genau betrachtet werden muss, bleiben die Autoren bei ihrem apodiktischen Tonfall. Das Resümee „Lüge und Krieg sind Zwillinge. Es gibt keine wahren Bilder!“, das von 1914 bis zum aktuellen Syrienkrieg ausgeweitet wird, ist aber nicht nur allzu pauschal, sondern auch bequem. Denn wenn sowieso alle Kriegsbilder bloß Propaganda wären, bräuchte ja niemand mehr nach der Herkunft zu fragen. So könnte diese Behauptung das Ringen aller Kriegsreporter um wahre Bilder unabhängig von den Kriegführenden diskreditieren. Sie wird aber im Film selbst widerlegt.

Dazu beweisen die Einblicke in das Österreichische Staatsarchiv, wo allein 300.000 Fotos aus dem Ersten Weltkrieg lagern, dass damals von Fotografen schon die volle Grausamkeit des Kriegs erfasst wurde. Bilder von Massenhinrichtungen von Zivilisten und anderen Kriegsverbrechen zeigen eine Seite des Ersten Weltkriegs, jenseits der Schützengräben und Aufmärsche und geben zugleich eine Vorahnung des Zweiten Weltkriegs. Ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden die meisten dieser Bilder erst mit diesem Film – für die Propaganda waren sie nicht zu gebrauchen.

Macht der Bilder, Mittwoch, 04.06.2014, 20.15 Uhr, 3sat

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