Ein Aufruf aus Israel: Die israelische Gesellschaft ist militanter, intoleranter und unnachgiebiger als je zuvor. Es scheint nur noch eine Stimme zu geben, die, orchestriert von der Regierung und Armeesprechern, getragen von einem Clan loyaler Massenmedien wie den großen TV-Nachrichtenkanälen, den auflagenstarken Zeitungen und Websites, in jedem Winkel des Landes widerhallt. Nur diese eine Stimme wird gehört. Versuche, Widerspruch zu artikulieren, Fragen zu stellen, zu protestieren, eine andere Farbe einzubringen als die des Konsenses, werden bestenfalls lächerlich gemacht oder herablassend behandelt. In anderen Fällen werden Abweichler zum Ziel von Bedrohungen, Verleumdungen und Angriffen. Leute, die nicht „unsere Truppen unterstützen“, werden als Verräter betrachtet. Den Zeitungen, welche das Vorgehen der Armee hinterfragen, wird vorgeworfen, die Moral zu untergraben. Wir werden boykottiert – Akademiker, Schriftsteller, Künstler. Diejenigen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, werden alleingelassen. Wir glauben, dass wir eine andere, vernünftige Stimme repräsentieren, aber unsere Stimme wird noch nicht einmal von jenen gehört, von denen wir annahmen, dass sie helfen würden, unsere Stimme lauter werden zu lassen. Wir sehen Sympathien nur auf einer Seite, aber wir haben wenig Sympathie für jene, die blind für das Leiden der anderen Seite sind. Ich bin empört über die tausend toten Palästinenser und über die vielen Israelis, die keinen Gedanken an sie verschwenden. Ich bin auch zutiefst traurig über Dutzende israelischer Kinder, die ihr Leben verloren, und über die vielen Menschen auf der ganzen Welt, die unsere Seite der Tragödie nicht sehen. EIN GASTBEITRAG VON ASSAF GAVRON

ISRAEL

Jeder gräbt sich tiefer ein

Drohungen und Verleumdungen sollen die Linke in Israel mundtot machen. Wo bleibt die Unterstützung?, fragt der Schriftsteller Assaf Gavron. EIN GASTBEITRAG VON ASSAF GAVRON

Kriegsgegner demonstrieren Anfang August in Tel Aviv gegen den Krieg in Gaza.

Kriegsgegner demonstrieren Anfang August in Tel Aviv gegen den Krieg in Gaza.  |  © dpa

Letzte Woche hatten mich die Bewohner von Tekoa, einer Siedlung im Westjordanland, eingeladen, bei ihnen über meinen Roman Auf fremdem Land zu sprechen. Darin geht es um eine fiktive jüdische Siedlung, nicht unähnlich ihrer eigenen, mit ihrer Palette von Charakteren und ihren Beziehungen zu den Palästinensern, dem Militär, den Medien, den Politikern.

Es war ein erfreulicher Abend. Einige äußerten Kritik an dem, wie sie als stereotype Porträts „rechter Siedler“ durch einen „linken Tel Aviver Autor“ sahen, aber die meisten fanden den Roman ehrlich, treffend und nicht von einer politischen Agenda bestimmt. Wir versuchten, Politik zu vermeiden. Doch dann fragte der Gastgeber mich, der sich zweifelsfrei bemüht hatte, Siedler und ihre Motive kennenzulernen, nach meiner Meinung. Ich sagte: „Ich finde, dass die Siedlungen ein Problem sind.“ Glucksen im Saal. „Warten Sie ein paar Tage“, sagte einer, „noch ein paar Raketen auf Tel Aviv, und alle sind überzeugt.“

„Aber darum geht es“, antwortete ich: „Was immer geschieht, es führt nur dazu, dass jeder noch mehr von seiner Meinung überzeugt ist. Sie sagen: ›Wir können den Palästinensern nicht trauen, sie wollen uns umbringen, man kann ihnen keine Selbstverwaltung erlauben, weil sie dann Waffen anhäufen und Angriffe vorbereiten.‹ Und wir sagen: ›Wir sind verantwortlich, weil wir die Stärkeren sind. Wir nehmen den Palästinensern unablässig die Hoffnung, lassen ihnen keine andere Wahl, als sich der Gewalt zuzuwenden. Wir versuchen es nicht entschieden genug mit Diplomatie. Krieg und Gewalt sind nie die Lösung.‹ “

ÜBER DEN AUTOR

Assaf Gavron, 1968 in Jerusalem geboren, ist Musiker und Schriftsteller sowie Übersetzer von Philip Roth und J. D. Salinger. Sein Roman Auf fremdem Land erschien 2013 auf Deutsch im Luchterhand Verlag.

Ich weiß nicht, was deprimierender ist, die aktuelle Situation mit Schrecken, Tod und Zerstörung, Leichen oder die Tatsache, dass es keinen Weg zu geben scheint, diesen Teufelskreis zu durchbrechen – nichts, was passiert, führt dazu, dass irgendwer sich bewegt. Jeder gräbt sich tiefer ein, klammert sich noch fester an seine Meinung. Wenn ich meine Gesellschaft betrachte, ist mir im letzten Monat nur Gerede begegnet: im Fernsehen, im Radio, auf Facebook, in der Warteschlange im Supermarkt. Endlose Wiederholungen der gleichen Meinungen. Kein Ansatz eines Durchbruchs.

Vor 25 Jahren, während der ersten Intifada, war ich als Soldat in Gaza. Wir patrouillierten in der Stadt, den Dörfern, den Flüchtlingslagern und trafen auf wütende Jugendliche, die uns mit Steinen bewarfen. Wir antworteten mit Tränengas und Gummigeschossen. Nun erscheinen diese Tage wie die gute alte, unschuldige Zeit. Seither beobachte ich eine ständige Eskalation. Steine wurden ersetzt durch Gewehre und Selbstmordbomben, nun durch Raketen und Milizen. Für mich lässt sich das leicht erklären – Israel setzte überwiegend Gewalt ein, machte keinen ernsthaften Versuch, ein faires Abkommen zu erzielen, und traf auf einen zunehmenden Widerstand. Ich sehe auch die hundertjährige Komplexität, die vielen Facetten. Ich schreibe Romane, das ist meine Art, tiefer zu graben und die vielen Schichten und Facetten dieser Realität offenzulegen.

Ich sah mich um in dem Saal in der Siedlung Tekoa, die nur 15 Kilometer von der Stelle entfernt liegt, wo eineinhalb Monate zuvor, am 12. Juni, am selben Abend, an dem die Fußballweltmeisterschaft begann,drei junge Siedler ermordet wurden, wodurch jene Ereignisse ausgelöst wurden, die zum Krieg eskalierten – und dachte an die Art und Weise, wie sich die interne Diskussion in der israelischen Gesellschaft entwickelt hat.

Israel: Jeder gräbt sich tiefer ein

„Es scheint nur noch eine Stimme zu geben, die in jedem Winkel des Landes widerhallt.“ Ein Eindruck aus der Yafo Street, Jerusalem  |  © Malin Schulz

Die israelische Gesellschaft ist militanter, intoleranter und unnachgiebiger als je zuvor. Es scheint nur noch eine Stimme zu geben, die, orchestriert von der Regierung und Armeesprechern, getragen von einem Clan loyaler Massenmedien wie den großen TV-Nachrichtenkanälen, den auflagenstarken Zeitungen und Websites, in jedem Winkel des Landes widerhallt. Nur diese eine Stimme wird gehört. Versuche, Widerspruch zu artikulieren, Fragen zu stellen, zu protestieren, eine andere Farbe einzubringen als die des Konsenses, werden bestenfalls lächerlich gemacht oder herablassend behandelt. In anderen Fällen werden Abweichler zum Ziel von Bedrohungen, Verleumdungen und Angriffen. Leute, die nicht „unsere Truppen unterstützen“, werden als Verräter betrachtet. Den Zeitungen, welche das Vorgehen der Armee hinterfragen, wird vorgeworfen, die Moral zu untergraben. In Tel Aviv wurde anlässlich einer Demonstration der Linken gegen den Krieg ein Gegenprotest des rechten Flügels organisiert, dessen Teilnehmer die Linken verprügelten. Der Journalist Gideon Levy von der Tageszeitung Ha’aretz, dessen propalästinensischer Standpunkt seit vielen Jahren bekannt ist, äußerte sich gegen Militärpiloten, die Bomben auf Kinder und Zivilisten abwerfen – und ist Schmähungen wie nie zuvor ausgesetzt. Es gab Morddrohungen für meinen Freund, den Schriftsteller Etgar Keret, der in einer Zeitung erklärt hatte, warum die israelische Armee diesen Krieg nicht gewinnen könne, sowie für seine Frau, die Filmregisseurin Shira Geffen, die das Kinopublikum aufforderte, sich im Gedenken an die palästinensischen Kinder, die bei der israelischen Offensive getötet wurden, zu erheben, die Drohungen schlossen auch ihren Sohn ein. Die berühmte Komikerin Orna Banai verlor ihren Werbevertrag mit einem großen Unternehmen, weil sie gesagt hatte: „Ich schäme mich für mein Land, das von Hass und Engstirnigkeit beherrscht wird.“

Vielleicht ist es die Allgegenwart von Facebook, die alles aggressiver macht. Dort werden Grenzen aufgehoben. Es werden Facebook-Seiten eingerichtet, die zur Gewalt gegen Linke und Araber aufrufen. In Facebook-Beiträgen trifft jeder „linke“ Gedanke (etwa das Bedauern über die zivilen Opfer in Gaza) auf ein Sperrfeuer rassistischen, radikalen Hasses. Bei Twitter und Instagram findet man unter Hashtags wie #leftiesout, #leftiesgotogaza, #traitorlefties endlos Beispiele für bösartige Wut. All das zeigt Wirkung. Es gibt Leute, die Angst haben, an Protestaktionen teilzunehmen oder in Fernsehstudios zu gehen. Oppositionspolitiker reihen sich hinter der Regierung ein. Der linke Flügel wird schwächer, kleiner, ineffektiv. Und es gibt noch eine Eskalation der Depression, und bei der kommen Sie ins Spiel. Denn wenn wir – die verfolgte linke Minderheit, jene, die an Menschenrechte, Kompromisse, Frieden glauben, die gegen Gewalt auf beiden Seiten sind –, wenn wir uns an die Welt wenden, erhalten wir keine Unterstützung. Wir werden der Mehrheit zugeordnet, zu den Bösen.

Wir werden boykottiert – Akademiker, Schriftsteller, Künstler. Diejenigen, die mit dem Rücken zur Wand stehen, werden alleingelassen. Wir glauben, dass wir eine andere, vernünftige Stimme repräsentieren, aber unsere Stimme wird noch nicht einmal von jenen gehört, von denen wir annahmen, dass sie helfen würden, unsere Stimme lauter werden zu lassen. Wir sehen Sympathien nur auf einer Seite, aber wir haben wenig Sympathie für jene, die blind für das Leiden der anderen Seite sind. Ich bin empört über die tausend toten Palästinenser und über die vielen Israelis, die keinen Gedanken an sie verschwenden. Ich bin auch zutiefst traurig über Dutzende israelischer Kinder, die ihr Leben verloren, und über die vielen Menschen auf der ganzen Welt, die unsere Seite der Tragödie nicht sehen.

Nächste Woche verlasse ich mit meiner Familie das Land, um ein oder vielleicht zwei Jahre in den Vereinigten Staaten zu leben. Das war lange Zeit geplant. Meine Frau und ich nehmen uns Auszeiten, wie etwa zuvor in London und Berlin. Wir müssen alle paar Jahre frische, kühle Luft atmen. Doch wir kommen immer wieder nach Israel zurück, denn dies hier ist unser Zuhause. Hier haben wir unsere Heimat, unsere Sprache, unser Volk. Ich hoffe, dass wir nach dieser Reise in ein Land zurückkehren, in dem man erträglicher leben kann, in dem weniger Druck von außen wie von innen herrscht. Aber ich rechne nicht damit.

Aus dem Englischen von Birgit Brandau

http://www.zeit.de/2014/33/israel-gaza-krieg-linke-assaf-gavron?fb_action_ids=10152578813795138

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