Gerhard Schröder: „Wir brauchen ein assoziiertes Verhältnis mit Russland. Ich sehe gar keinen Widerspruch zwischen einer Integration in den Westen und einem rationalen wie emotional vernünftigen Verhältnis zu Russland. Wo sollte der Gegensatz sein? Im Fall der Ukraine liegt es erst einmal an der EU, die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Europa darf die Ukraine nicht vor eine Entweder-Oder-Situation stellen. Verhandeln wir mit Russland wie mit der Ukraine gleichzeitig über eine Assoziierung, stellt sich die Situation ganz dar.“

Gerhard Schröder. „Klare Worte.

Im Gespräch mit Georg Meck über Mut,

Macht und unsere Zukunft“. Verlag

Herder, 2. Aufl. 2014 , 238 Seiten,

19,99 Euro, ISBN 978-3-451-30760-7

Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben. Bemerkenswert deswegen, weil es selbstkritisch, selbstbewusst, selbstironisch und frei von Vorurteilen geschrieben ist. Es geht um seine Herkunft, seine Begabungen wie die Volksnähe, seine früheren und heutigen Parteifreunde, über den Euro und Europa, die SPD und seine Agenda 2010. Zu eben diesem Reformvorhaben meint er: „Hätten wir die Erfolge der Agenda für uns reklamiert, dann wäre die SPD die erfolgreichste sozialdemokratische Partei in Europa.“

Alles, was Schröder auf den 238 Seiten aufgeschrieben hat, ist lesenswert, weil es nachdenklich ist und macht. 70 Jahre Lebenserfahrungen als Kind aus kleinen Verhältnissen, als Jugendlicher, der eher Außenseiter war, und dann als der Mann, der Bundeskanzler werden wollte, sind hier aufgeschrieben in Form von Interviews, die der Journalist Georg Meck geführt hat.

 

Russland ist Schröder besonders wichtig

Schröder schreibt lehrreich und amüsant. Schreibt er aber über Russland – und das sind 27 Seiten in dem Buch – wird der Bundeskanzler a.D. mahnend und ermahnend. Und geradezu prophetisch, wenn es um die gegenwärtige Krise um die Krim und die Ukraine geht.

Schon im Kapitel über „Europa“ schreibt der Alt-Kanzler: „Wir brauchen ein assoziiertes Verhältnis mit Russland.“ Schröder appelliert geradezu an die europäischen Politiker, „einen Assozierungsvertrag mit Russland zu suchen“, denn „Europa hat keine Wahl, wenn es um Märkte und Ressourcen geht – Russland schon. Moskau hat eine Wahl bei seinen Partnern und Abnehmern.“ Und weiter heißt es: „Wenn Russland über Europa nachdenkt, denkt es zunächst über Deutschland nach. Wenn wir aber so auf Distanz zu Russland gehen, wie das zurzeit viele tun, wird das nicht mehr lange so sein.“

Dies ist natürlich als Ermahnung an die Bundeskanzlerin Angela Merkel gedacht, die doch deutlich auf Distanz zu Putin gegangen ist. Dabei beantwortet Schröder die Frage, ob es ein „hin zum Westen“ oder ein „hin zum Osten/Russland geben muss“ gleich selbst, wenn er sagt: „Ich sehe gar keinen Widerspruch zwischen einer Integration in den Westen und einem rationalen wie emotional vernünftigen Verhältnis zu Russland. Wo sollte der Gegensatz sein? Bill Clinton hat immer betont, dass es geradezu die Aufgabe Deutschlands sei, ein gutes Verhältnis zu Russland herzustellen.“ Aber, so der Ex-Kanzler auch, „der Westen traut Putin nicht, und Putin traut dem Westen nicht. Das ist keine gute Grundlage, um die großen Herausforderungen zu bewältigen.“

An dieser Stelle kritisiert Schröder die europäische Haltung und findet, dass die Politik gegenüber Russland – Deutschland schließt er hier mit ein – einer „anti-russischen Haltung Vorschub leistet“. Er rät daher den europäischen und auch den deutschen Politikern dringend, „vorurteilsfreier“ mit Russland und seinem Präsidenten Putin umzugehen. „Wir sind bei globalen Themen auf Russland angewiesen. Ich glaube daher nicht, dass der Westen gut beraten ist, wenn er ständig öffentlich auf den russischen Präsidenten eindrischt.“

 

Kooperation – keine Konfrontation

Schröder fasst die Krise um die Ukraine und die Krim kurz zusammen, wenn er sagt: „Im Fall der Ukraine liegt es erst einmal an der EU, die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Europa darf die Ukraine nicht vor eine Entweder-Oder-Situation stellen. Verhandeln wir mit Russland wie mit der Ukraine gleichzeitig über eine Assoziierung, stellt sich die Situation ganz

anders dar.“ Und zur Krim sagt Gerhard Schröder: „Das Problem mit der Ukraine liegt tiefer, da geht es um historische und kulturelle Bindungen zu Russland. Die Krim war seit dem 18. Jahrhundert Bestandteil Russlands und ist nur wegen einer eigenwilligen Entscheidung Chruschtschows 1954 der damaligen Sowjetrepublik Ukraine zugeschlagen worden. Wenn man wirklich die Strategie verfolgt, diese Staaten, wenn sie es wollen, enger an die EU zu binden, dann muss man vor diesem Hintergrund sensibel und klug handeln. Ob das seitens der EU immer geschieht, ist zweifelhaft. Für mich ist klar: Eine solche Strategie kann doch nur erfolgreich sein, wenn die europäisch-russischen Beziehungen gut sind. Der Schlüssel zur Lösung der Probleme liegt in der Kooperation mit Russland, nicht in der Konfrontation.“

Nicht nur wegen dieser aktuellen Sätze ist das Buch lesenswert. Sondern insgesamt wegen seiner knappen, aber immer zutreffenden Bemerkungen. Und die Selbstironie des Ex-Kanzlers lässt uns dabei auch noch schmunzeln.

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Eine Antwort zu Gerhard Schröder: „Wir brauchen ein assoziiertes Verhältnis mit Russland. Ich sehe gar keinen Widerspruch zwischen einer Integration in den Westen und einem rationalen wie emotional vernünftigen Verhältnis zu Russland. Wo sollte der Gegensatz sein? Im Fall der Ukraine liegt es erst einmal an der EU, die Dinge vom Kopf auf die Füße zu stellen. Europa darf die Ukraine nicht vor eine Entweder-Oder-Situation stellen. Verhandeln wir mit Russland wie mit der Ukraine gleichzeitig über eine Assoziierung, stellt sich die Situation ganz dar.“

  1. Senatssekretär FREISTAAT DANZIG schreibt:

    Hat dies auf Aussiedlerbetreuung und Behinderten – Fragen rebloggt und kommentierte:
    Sein Vater dreht sich im Grabe herum sieht er, wie Schröder seine Landsleute verkauft! Glück, Auf, meine Heimat!

    Gefällt mir

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