Im Kapitalismus zählt Herkunft, nicht Leistung. Ein französischer Wirtschaftswissenschaftler belegt: Herkunft und nicht Leistung entscheidet über die soziale Stellung, und einige wenige immer größere Reichtümer anhäufen. Nach Piketty: Die Konzentration der Vermögen ist eine Art Naturgesetz des Kapitalismus. Über die Jahrhunderte hinweg haben sich dieVermögen stets erheblich schneller vermehrt als die Wirtschaftsleistung. Die Erträge auf Anlagen in Aktien, Anleihen oder Immobilien belaufen sich demnach im Schnitt auf viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr, der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts dagegen beträgt langfristig nur ein bis eineinhalb Prozent. Das Einkommen aus Arbeit kann nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten. In einer Welt, in der Familiendynastien einen großen Teil der wirtschaftlichen Ressourcen kontrollieren, bestimmt die Geburt den sozialen Status. Es gibt weder Chancengleichheit noch Leistungsgerechtigkeit. Oder wie es Piketty formuliert: „Die Vergangenheit frisst die Zukunft auf.“ Er steht mit dieser These nicht allein. Erst kürzlich hat der britische Historiker Gregory Clark anhand der Analyse von Familiennamen gezeigt, dass die Oberschicht in den meisten Ländern ihre gesellschaftliche Stellung über Jahrhunderte hinweg verteidigen kann und die soziale Mobilität auch in den westlichen Demokratien viel geringer ist als gemeinhin angenommen. Wenn es stimmt, dass sich mit der Verwaltung des eigenen Vermögens mehr Geld verdienen lässt als im Beruf, dann ist die Hoffnung vergebens, durch Bildung eine faire Verteilung des Wohlstands zu erreichen. Dann sorgt auch die Verbreitung von Wissen und Fertigkeiten nicht für den sozialen Ausgleich. Mitte des 20. Jahrhunderts nähern sich die Renditen auf Arbeit und Kapital plötzlich an. Die bisherige Verteilungsrelation geriet von zwei Seiten unter Druck: Einerseits wuchs die Wirtschaft rasant, die Löhne stiegen kräftig, die Arbeitnehmer profitierten vom Ausbau des Wohlfahrtsstaats. Anderseits gingen die Vermögenserträge zurück. Seit den siebziger Jahren allerdings kehrt sich der Trend wieder um. Die Wirtschaft wächst nicht mehr so schnell, die Steuern wurden gesenkt, und der Sozialstaat wurde zurückgebaut – und damit nähern sich die spätindustriellen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts laut Piketty den Klassengesellschaften des 19. Jahrhunderts an. Was tun?

UNGLEICHHEIT
Wer hat, dem wird gegeben

Ein neues Buch macht Furore: Im Kapitalismus zählt Herkunft, nicht Leistung. Was kann der Staat tun? VON 

In Honoré de Balzacs Roman Vater Goriot kommt ein mittelloser, aber ehrgeiziger Jurastudent namens Eugène de Rastignac nach Paris, um sein Glück zu machen. Dort erteilt ihm ein Bekannter eine ganz besondere Form der Berufsberatung: Mit ordentlicher Arbeit sei nicht viel zu holen. Ein Anwalt müsse „10 Jahre vegetieren, vor einem Sachwalter dienern, den ganzen Justizpalast mit der Zunge ablecken“ – und verdiene doch nicht genug, um es an die Spitze zu schaffen. Es gebe aber einen Ausweg: „Die Mitgift einer reichen Frau.“

Die Erzählung spielt im Jahr 1835, doch glaubt man dem angesehenen französischen Ökonomen Thomas Piketty, dann ist Rastignacs Dilemma heute so aktuell wie damals. In seinem am kommenden Dienstag erscheinenden monumentalen Werk Capital in the Twenty-First Century zeichnet Piketty das Bild einer Gesellschaft, in der Herkunft und nicht Leistung über die soziale Stellung entscheiden und einige wenige immer größere Reichtümer anhäufen.

Das Buch sorgt schon jetzt weltweit für Aufregung. Der britische Economistwidmet ihm eine eigene Artikelserie, und der Weltbankökonom Branko Milanovic spricht von einem „Wendepunkt“ in der Forschung. Die Begeisterung erklärt sich auch daraus, dass die Ökonomie das lange vernachlässigte Thema soziale Gerechtigkeit für sich entdeckt hat. Fast täglich erscheinen neue Studien, erst in der vergangenen Woche stellte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschungfest, dass die Vermögen in Deutschland so ungleich verteilt sind wie in keinem anderen Land Europas.

Piketty will erklären, wie es so weit kommen konnte – und seine Diagnose ist verstörend: Die Konzentration der Vermögen ist eine Art Naturgesetz des Kapitalismus.

Um diesem Gesetz auf die Spur zu kommen, hat Piketty in jahrelanger Kleinarbeit ökonomische Daten aus vielen Ländern zusammengetragen. Dabei ist ihm ein verblüffendes Muster aufgefallen: Über die Jahrhunderte hinweg haben sich dieVermögen stets erheblich schneller vermehrt als die Wirtschaftsleistung. Die Erträge auf Anlagen in Aktien, Anleihen oder Immobilien belaufen sich demnach im Schnitt auf viereinhalb bis fünf Prozent pro Jahr, der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts dagegen beträgt langfristig nur ein bis eineinhalb Prozent. Das Einkommen aus Arbeit kann nicht mit dem Einkommen aus bereits angehäuftem Vermögen Schritt halten.

Die Folgen: Wer hat, dem wird gegeben – und wer nichts hat, für den gibt es kein Entrinnen. Weil Vermögen zudem meist an die eigenen Kinder vererbt werden, pflanzt sich die entstandene Ungleichheit über Generationen fort und hebelt das liberale Versprechen aus, der freie Markt sorge für Wohlstand für alle. In einer Welt, in der Familiendynastien einen großen Teil der wirtschaftlichen Ressourcen kontrollieren, bestimmt die Geburt den sozialen Status. Es gibt weder Chancengleichheit noch Leistungsgerechtigkeit. Oder wie es Piketty formuliert: „Die Vergangenheit frisst die Zukunft auf.“

Das schließt nicht aus, dass es clevere Arbeitnehmer ganz nach oben bringen können. Lloyd Blankfein etwa, der Chef der Investmentbank Goldman Sachs, stammt aus einfachen Verhältnissen und hat so viel Geld verdient, dass er selbst zum Vermögensbesitzer geworden ist. Doch für Piketty sind das Ausnahmen, die die Regel bestätigen – und er steht mit dieser These nicht allein. Erst kürzlich hat der britische Historiker Gregory Clark anhand der Analyse von Familiennamen gezeigt, dass die Oberschicht in den meisten Ländern ihre gesellschaftliche Stellung über Jahrhunderte hinweg verteidigen kann und die soziale Mobilität auch in den westlichen Demokratien viel geringer ist als gemeinhin angenommen.

Entscheidend ist: Wenn es stimmt, dass sich mit der Verwaltung des eigenen Vermögens mehr Geld verdienen lässt als im Beruf, dann ist die Hoffnung vergebens, durch Bildung eine faire Verteilung des Wohlstands zu erreichen. Dann sorgt auch die Verbreitung von Wissen und Fertigkeiten nicht für den sozialen Ausgleich – und der Aufstieg ist tatsächlich, wie bei Balzac, nur durch Heirat möglich.

Piketty ist nicht ganz so pessimistisch. In seinen Datenreihen hat er noch eine Auffälligkeit entdeckt. Mitte des 20. Jahrhunderts nähern sich die Renditen auf Arbeit und Kapital plötzlich an. Die bisherige Verteilungsrelation geriet von zwei Seiten unter Druck: Einerseits wuchs die Wirtschaft rasant, die Löhne stiegen kräftig, die Arbeitnehmer profitierten vom Ausbau des Wohlfahrtsstaats. Anderseits gingen die Vermögenserträge zurück, weil die beiden Weltkriege viel Kapital vernichtet haben und die Reichen besteuert werden, um die Ausgaben für Sozialleistungen und die öffentliche Infrastruktur zu finanzieren. In den USA etwa lag der Spitzensteuersatz bis in die sechziger Jahre hinein bei über 90 Prozent.

Seit den siebziger Jahren allerdings kehrt sich der Trend wieder um. Die Wirtschaft wächst nicht mehr so schnell, die Steuern wurden gesenkt, und der Sozialstaat wurde zurückgebaut – und damit nähern sich die spätindustriellen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts laut Piketty den Klassengesellschaften des 19. Jahrhunderts an. Zu Lebzeiten Balzacs wurden in Frankreich jährlich Vermögen in Höhe von 20 und 25 Prozent des Volkseinkommens vererbt. In den fünfziger Jahren fiel der Wert auf weniger als fünf Prozent – inzwischen ist er wieder auf 15 Prozent gestiegen. Die egalitäre Gesellschaftsordnung der Nachkriegszeit ist, historisch betrachtet, die Ausnahme, nicht die Regel.

Piketty sieht sich in der Tradition klassischer Ökonomen des 19. Jahrhunderts. Abstrakte mathematische Modelle, wie sie heute an den Universitäten verbreitet sind, lehnt er ab. Stattdessen trägt er Indizien zusammen und zieht daraus Schlüsse. Diese Methode hat ihre Grenzen. So kann er nicht schlüssig erklären, warum die Vermögenserträge dauerhaft so hoch sind. Dennoch sprechen seine Daten eine klare Sprache – und selbst konservative Institutionen wie derInternationale Währungsfonds warnen inzwischen vor der wachsenden Ungleichheit auf der Welt.

Was tun? Dass die Wirtschaft wieder so schnell wächst wie in den Wirtschaftswunderjahren ist zumindest in den westlichen Industrienationen angesichts gesättigter Märkte und einer schrumpfenden Bevölkerung unwahrscheinlich. Piketty schlägt eine globale Vermögensteuer vor, die bei 0,1 Prozent beginnt und mit der Größe des Vermögens auf bis zu zehn Prozent steigt.

Dass sich die G 20 auf eine solche Abgabe verständigt, ist höchst unwahrscheinlich. Doch auch im nationalen Rahmen kann der Staat reagieren – etwa mit höheren Erbschaftsteuern. Gerade Deutschland hätte hier noch erhebliche Spielräume.

 

http://www.zeit.de/2014/11/ungleichheit-reichtum-kapitalismus

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