Der Schweizer, Dr. Ganzer, über die verdeckte Kriegsführung des Westens: Sagt nie, ihr habt es nicht wissen können!

Auf der AZK im Juli 2014 referierte Dr. Daniele Ganser zur verdeckten Kriegsführung des Westens. Dr. Daniele Ganser gehört zu den namhaftesten Historikern im deutschsprachigen Raum. Sein Buch „NATO-Geheimarmeen in Europa – Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung” wurde 2005 veröffentlicht und in zehn Sprachen übersetzt. Es gilt als das Standardwerk zum Thema staatlich organisierter Terror. Diese Publikation machte ihn international bekannt.

Quelle und weitere Informationen: http://www.anti-zensur.info

Daniele Ganser

Daniele Ganser, 2008

Daniele Ganser (* 29. August 1972 in Lugano) ist ein Schweizer Historiker. Er ist Energie- und Friedensforscher und Leiter des 2011 selbst gegründeten Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER).[1] Er wurde mit seiner 2005 publizierten Dissertation über „NATO-Geheimarmeen“ bekannt und veröffentlichte unter anderem eine Untersuchung zum globalen Fördermaximum von Erdöl. Ferner verbreitet er Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 und stellt sie als diskutable wissenschaftliche Erklärungen dar.

Leben[Bearbeiten]

Ganser studierte ab 1992 an den Universitäten Basel und Amsterdam Internationale Zeitgeschichte, Antike Geschichte,Philosophie und Anglistik. 1998 erwarb er sein Lizentiat mit einer Forschungsarbeit im Bereich Zeitgeschichte zur Rolle der Vereinten Nationen während der Kubakrise von 1962.

Ab 1998 forschte Ganser im Rahmen seiner Doktorarbeit im Bereich Zeitgeschichte an der Universität Basel und an derLondon School of Economics and Political Science in England zum Thema NATO-Geheimarmeen und inszenierter Terrorismus in Europa im Kalten Krieg. Er promovierte im September 2001 an der Universität Basel mit einer Arbeit über Geheimarmeen der NATO.

Von 2001 bis 2003 war Ganser Senior Researcher beim wirtschaftsliberalen Think Tank Avenir Suisse, zuständig für Wirtschaftsgeschichte und Politikgeschichte. Er leitete die Kampagne von Avenir Suisse zum Beitritt der Schweiz zur UNO.

Von 2003 bis 2006 war Ganser Senior Researcher am Center for Security Studies der ETH Zürich und forschte in Zusammenarbeit mit dem Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) zum Einfluss der Globalisierung auf die Menschenrechte.

Von 2007 bis 2010 leitete Ganser am Historischen Seminar der Universität Basel das Forschungsprojekt „Peak Oil“ zum globalen Kampf um Erdöl und zur Versorgungssicherheit der Schweiz.

2011 gründete er das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER), das er seitdem leitet.

NATO-Geheimarmeen[Bearbeiten]

2005 veröffentlichte Ganser seine Doktorarbeit über NATO-Geheimarmeen in Europa. Ausgehend von freigegebenen Dokumenten zur italienischen Stay-behind-OrganisationGladio“ belegte er zunächst die Existenz von weiteren Geheimarmeen in Westeuropa, die im Falle einer sowjetischen Invasion einen Guerillakrieg führen sollten. Er versuchte zudem den Nachweis, dass diese Geheimarmeen von zwei NATO-Ausschüssen koordiniert worden und einige anStaatsterrorismus beteiligt gewesen seien. Er vermutete zum Beispiel, eine deutsche Gladio-Einheit sei amOktoberfestattentat beteiligt gewesen. Das Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt und erschien 2008 auch auf Deutsch. Die Arbeit wurde teils positiv, teils kritisch rezensiert.[2][3]

Der dänische Historiker Peer Henrik Hansen[4] kritisierte Gansers Buch 2005 als journalistisch und teilweiseverschwörungstheoretisch. Ganser behaupte eine Verschwörung der westlichen Regierungen und ihrer Geheimdienste, vor allem CIA und MI6, mit den NATO-Geheimarmeen. Deren Existenz sah Hansen als bewiesen an; fehlende Primärquellen dafür führte er auch auf die fortdauernde Geheimhaltung westlicher Staaten zurück. Hansen kritisierte aber Gansers Umgang mit Sekundärquellen: Er habe hauptsächlich Presseberichte und Politikeraussagen verwendet, ohne Desinformation auszuschließen und seine Methodik zu erläutern. Laut den herangezogenen Zeugenaussagen hätten Geheimdienstvertreter in den NATO-Gremien kein Stimmrecht gehabt. Eine von Gansers Hauptquellen, ein US-Armeehandbuch, sei seit 1976 als Fälschung des KGB enttarnt worden. Viele Stay-Behind-Truppen seien aus Freiwilligenverbänden hervorgegangen und nicht von US-Geheimdiensten, sondern den späteren NATO-Mitgliedsstaaten gegründet worden. Trotz unbestreitbarer Verbrechen einzelner Geheimtruppen könne man sie nicht alle als Terroristen darstellen.[5]

In seiner Dissertation hatte Ganser differenziert und einen Zeugen zitiert, der eine Beteiligung der dänischen Gladio-Einheit Absalon an Terroranschlägen ausschloss.[6] Zum US-Handbuch erklärte er 2008, US-Geheimdienstmitarbeiter hätten ihm dessen Echtheit mündlich bestätigt.[7]

Der Historiker Gregor Schöllgen urteilte 2009, in Gansers Buch werde auf spärlicher Quellenbasis das tatsächliche Ausmass der Stay-behind-Aktivitäten „grotesk überzeichnet“. Während Ganser von „geheimen deutschen Nazi-Stay-behind-Armeen“ in Divisionsstärke ausgehe, sprächen andere für die 1960er Jahre von weniger als 100 hauptamtlichen BND-Mitarbeitern und etwa 500 Helfern.[8] Philipp Gessler urteilte in der taz, Ganser bewege sich mit seiner These, Gladio stecke auch hinter dem Oktoberfestattentat von 1980, auf „dünnem Eis“.[9]

Der Historiker Tobias Hof (2009) lobte, dass Ganser die verstreuten verfügbaren Informationen über geheime NATO-Einheiten akribisch zusammengetragen und zugänglich gemacht habe. Damit habe er die seit langem bekannten, aber von der NATO nie bestätigten Geheimarmeen wissenschaftlich erwiesen. Ganser spekuliere aber trotz seiner fehlenden Einsicht in relevante Aktenbestände über die Beteiligung der NATO-Einheiten an Terroranschlägen. Dabei stütze er sich unkritisch auf unzuverlässige Quellen (Presse, Zeugenaussagen, umstrittene Untersuchungsberichte). Ihm unterliefen immer wieder historische Falschangaben. Im Fall des entführten und ermordeten italienischen Politikers Aldo Moroübernehme er ausschließlich durch aktuelle Forschung schon widerlegte Verschwörungsthesen. Er unterstelle eine Beteiligung von Gladio an rechtsterroristischen Bombenattentaten zwischen 1969 und 1980 in Italien. Dabei berücksichtige er nicht, dass sich die italienische Geheimdienstpolitik nach 1972 von der bis dahin verfolgten Strategie der Spannung abgewandt habe. Seiner Arbeit fehle ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis. Er halte die Gliederung nach Ländern nicht ein, so dass sich Wiederholungen einschlichen. Für seine These, die Nato-Geheimarmeen seien „Quelle des Terrors“ gewesen, bedürfe es weitergehender Einzelforschung.[10]

Der Politologe Wolfgang Kraushaar bezeichnete Gansers Arbeit 2010 als die bislang fundierteste historische Studie zu Gladio. Sie mache allerdings deutlich, wie wenig in Deutschland an belegten Fakten dazu vorhanden sei.[11]

Manche Autoren, die Einzelforschung zum Thema Staatsterrorismus publiziert haben, zitieren Angaben Gansers als Belege, etwa für ein geheimes Allied Clandestine Committee im Nato-Oberkommando SHAPE, das die illegalen Aktivitäten von Staybehind-Armeen in allen 16 Mitgliedsstaaten der Nato koordiniert haben soll.[12]

Weitere Forschung[Bearbeiten]

Gansers Forschungsschwerpunkte sind nach eigenen Angaben internationale Zeitgeschichte ab 1945, verdeckte Kriegsführung, Geopolitik, Nachrichtendienste, Spezialeinheiten, Peak Oil, Ressourcenkriege, Globalisierung undMenschenrechte.

Sein Buch Reckless Gamble. The Sabotage of the United Nations in the Cuban Conflict and the Missle Crisis of 1962(deutsch: Die Kubakrise – UNO ohne Chance, 2006) beschreibt die Tätigkeiten der CIA gegenüber den Vereinten Nationen in der Kuba-Krise als Sabotage des UN-Sicherheitsrates und der UN-Generalversammlung durch verdeckte Kriegsführung.

Im Kontext seiner Forschung zum globalen Fördermaximum von Erdöl („Peak Oil“) hat Ganser wiederholt vor dem Schweizer Parlament vorgetragen. 2006 gründete er die Schweizer Abteilung der Association for the Study of Peak Oil and Gas, eines internationalen Netzwerks von Wissenschaftlern, mit und amtierte bis 2012 als Präsident. Ganser schreibt in Peak Oil: Erdöl im Spannungsfeld von Krieg und Frieden: „Vieles deutet indes darauf hin, dass der Irakkrieg ein klassischer Ressourcenkrieg ist, welcher es den USA erlaubt, vor Erreichen des Peak Oil und dem globalen Förderrückgang wichtige Erdölquellen zu besetzen, um dadurch gegenüber den Konkurrenten China, Europa und Russland eine Machtposition aufzubauen. Alan Greenspan, der frühere Direktor der US Federal Reserve, meinte in diesem Kontext: ‚Ich finde es bedauerlich, dass es politisch unkorrekt ist, zuzugeben, was alle schon wissen: Beim Irakkrieg geht es um das Erdöl.‘“ [13]

9/11-Verschwörungstheorien[Bearbeiten]

Ganser bezweifelt seit 2005 in Aufsätzen und Vorträgen die ermittelten Ursachen der Terroranschläge vom 11. September 2001 und hält Verschwörungstheorien dazu für gleichrangige, von Historikern erst noch zu prüfende Erklärungsansätze. Er vertritt die Ansicht, eine Überwachung einiger 9/11-Attentäter durch das US-Programm Able Danger, ein Handel mit Put-Optionen an der New Yorker Börse vor den Attentaten, das zu späte Eingreifen der US-Luftwaffe und der Einsturz des WTC 7 seien unzureichend erklärt. Er hält eine heimliche Sprengung dieses Gebäudes für möglich. Dabei beruft er sich auch auf Richard Gage, einen Vertreter des 9/11 Truth Movement.[14] Wie dieses verlangt Ganser angesichts angeblich „offener Fragen“ eine neue, von US-Regierungsbehörden unabhängige Untersuchung der Ereignisse.[15] Er veröffentlichte seinen Aufsatz über „Verdeckte Kriegsführung“ gemeinsam mit David Ray Griffin, einem weiteren Vertreter des 9/11 Truth Movement.[16][17]

Ganser weist zurück, ihn als Verschwörungstheoretiker zu bezeichnen, wird aber in der „Truther-Szene“ positiv rezipiert.[18] Die ETH Zürich und die Universität Zürich, an denen Ganser tätig war, distanzierten sich 2006 von seinen „völlig absurden Ideen“ und betonten, dass er sich damit „als Privatperson“ äußere.[19]

Der Soziologe Andreas Anton griff Gansers Gleichstellung von Ermittlungsergebnissen und Verschwörungsthesen zum 11. September auf und zitierte seine – auch auf seine Arbeit zu Gladio gestützte – Annahme, dass US-Geheimdienste derart schwere Staatsverbrechen begehen könnten, als glaubwürdig und nicht von vornherein abwegig.[20]

Publikationen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Reckless Gamble: The Sabotage of the United Nations in the Cuban Conflict and the Missile Crisis of 1962. University Press of the South, New Orleans 2000, ISBN 1-88943-172-9.
deutsche Ausgabe: Die Kubakrise – UNO ohne Chance. Edition Zeitgeschichte. Kai Homilius Verlag, Berlin 2006,ISBN 3-89706-863-X.
  • mit Uwe Wagschal, Hans Rentsch: Der Alleingang: Die Schweiz 10 Jahre nach dem EWR-Nein. Orell Füssli, Zürich 2002, ISBN 3-280-05041-3.
  • Brauchen wir eine Ökonomie des Friedens? Eine Schweizer Perspektive auf die Verbindung der Wirtschaft mit Gewaltkonflikten. In: Die Friedens-Warte 79 (2004), S. 57–74
  • The CIA in Western Europe and the Abuse of Human Rights. In: R. Gerald Hughes, Len Scott (Hrsg.): Intelligence, Crises and Security: Prospects and Retrospects. Routledge, 2007, ISBN 0415464307, S. 108-129 (Textauszug online)
  • NATO-Geheimarmeen in Europa: Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung. Orell Füssli, Zürich 2008, ISBN 978-3-280-06106-0
  • Die dunkle Seite des Westens: Verdeckte Terroraktivitäten der NATO. Kai Homilius Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-89706-206-1 (Video-DVD, 60 Minuten).
  • Europa im Erdölrausch: Die Folgen einer gefährlichen Abhängigkeit. Orell Füssli, Zürich 2012, ISBN 978-3-280-05474-1.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hochspringen SIPER: Dr. phil. Daniele Ganser
  2. Hochspringen Ausschnitte aus Rezensionen beim Orell Füssli Verlag
  3. Hochspringen Center for Security Studies der ETH Zürich: Stimmen zu Gansers Buch NATO’s Secret Armies
  4. Hochspringen Peer Henrik Hansen: Fighting Communism in the North. The secret work of the Danish organization »The Firm« („Über den Autor“)
  5. Hochspringen Peer Henrik Hansen: Daniele Ganser. NATO’s Secret Armies: Operation Gladio and Terrorism in Western Europe. In: Journal of Intelligence History: Summer 2005. LIT, 2006, ISBN 3825806502, S. 111 f.
  6. Hochspringen Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen in Europa, 3. Auflage 2009, S. 271
  7. Hochspringen Der Freitag, 2. August 2008: Die SPD sprach von Ku-Klux-Klan
  8. Hochspringen Gregor Schöllgen: Gladiatoren im Kalten Krieg. „Stay behind“-Truppen gegen kommunistische Invasoren. In:Frankfurter Allgemeine. 25. April 2009.
  9. Hochspringen Philipp Gessler: Viele offene Fragen. In: taz vom 7. August 2009.
  10. Hochspringen Tobias Hof: Daniele Ganser: Nato-Geheimarmeen in Europa. In: Sehepunkte. Rezensionsjournal für die Geschichtswissenschaft 9 (2009), Nr. 4
  11. Hochspringen Marcus Klöckner: Die RAF und die Geheimdienste. Interview mit Wolfgang Kraushaar. Telepolis, 10. November 2010.
  12. Hochspringen Renate Igel: Die P2-Loge und die geheimen Gladioruppen in Italien. In: Andreas Anton, Michael Schetsche, Michael K. Walter (Hrsg.): Konspiration: Soziologie des Verschwörungsdenkens. Springer, 2013, ISBN 3531193236, S. 69-90, hier S. 78, Fn. 21
  13. Hochspringen Peak Oil: Erdöl im Spannungsfeld von Krieg und Frieden. (PDF; 2,3 MB) In: Phillip Rudolf von Rohr, Peter Walde, Bertram Battlog (Hrsg.): Energie. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich 2009, Reihe Zürcher Hochschulforen, Band 45, ISBN 978-3-7281-3219-2, S. 56. (online); Zitat laut Irish Times vom 17. September 2007.
  14. Hochspringen Arthur Scheuerman: How the Fire Collapsed the World Trade Center Buildings. Llumina Press, 2011, ISBN 9781605947662, S. 2
  15. Hochspringen Der Tagesanzeiger, 7. September 2011: WTC7 und andere Rätsel um 9/11
  16. Hochspringen David Ray Griffin, Peter Dale Scott (Hrsg.): 9/11 and American Empire: Vol. 1: Intellectuals Speak Out. Interlink, Northampton, Massachusetts (USA) 2006
  17. Hochspringen , Philipp Gut: Glaubensbrüder, Weltwoche, 37/2006.
  18. Hochspringen Die Zeit, 6. Dezember 2012: Die „Truther“. Unter Verschwörern
  19. Hochspringen SonntagsZeitung, 17. September 2006: ETH und Uni Zürich gehen auf Distanz zu Verschwörungstheoretiker(Faksimile)
  20. Hochspringen Andreas Anton: Verschwörungstheorien zum 11. September. In: Andreas Anton, Michael Schetsche, Michael K. Walter (Hrsg.): Konspiration: Soziologie des Verschwörungsdenkens. 2013, S. 157-180, hier S. 176
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