Patienten aus Gaza: Samia spricht leise: «Das ist der grausamste Krieg von allen»: «Unser Viertel wurde bombardiert, und es gab während vier Tagen keine Möglichkeit, zu fliehen. Dann sollten wir evakuiert werden. Wir waren vielleicht 60 Leute, die sich in Sicherheit bringen wollten. Ich hatte meinen kleinen Sohn an der Hand. Plötzlich wurde ich angeschossen. Mein Bauch war voller Blut. Mein Sohn begann zu weinen. Ich sagte, er solle sich nicht fürchten.» Dann gerät Samias Erzählung ins Stocken. Sie habe doch nicht die Kraft zum Reden, sagt sie. Von überall vertrieben Samia ruft ihren Mann, damit er weitererzähle. Sein Bericht klingt wie ein Albtraum: Der Rote Halbmond sollte die Bewohner auf Geheiss der Armee evakuieren. Doch sie wurden nach dem Verlassen ihrer Häuser plötzlich von einem Scharfschützen beschossen. In einer Klinik erhielten die Verletzten erste Hilfe. Doch dann wurde auch die Klinik beschossen. Der Bruder des behandelnden Arztes wurde getötet und der Arzt verletzt. Sie flüchteten sich ins Haus eines Cousins, bis auch dieses von einem Geschoss getroffen wurde. Sie rannten hinaus. Da machte ein Luftangriff das Haus dem Erdboden gleich. Sie machten sich auf den Weg ins nächste Spital bei Khan Yunis. Samia musste blutend drei Kilometer zu Fuss gehen. Die Gruppe lief mit erhobenen Händen an israelischen Panzern vorbei, die den Weg säumten.“ Neben uns betritt ein Clown das Zimmer und versucht, ein kleines Mädchen aufzuheitern, das mit Kopfverletzung und teilweise gelähmt in seinem Bett liegt. Es kann nicht mehr richtig sprechen. Der Clown lächelt es an und macht Faxen. Aber das Mädchen starrt ihn nur unverwandt an.

Patienten aus Gaza

«Das ist der grausamste Krieg von allen»

Monika Bolliger, Jerusalem Gestern, 4. August 2014, 19:33
Eine Einwohnerin des Gazastreifens wird im Sankt-Joseph-Spital in Jerusalem behandelt.
Eine Einwohnerin des Gazastreifens wird im Sankt-Joseph-Spital in Jerusalem behandelt. (Bild: Muammar Awad / Xinhua / Keystone)
Einige Dutzend Patienten aus dem Gazastreifen werden in zwei Spitälern in Jerusalem behandelt. Die Solidarität der lokalen Bevölkerung ist gross. Die Patienten bringen traumatisierende Erinnerungen mit.

Samia spricht leise. Sie wolle erzählen, was passiert ist, sagt sie. «Unser Viertel wurde bombardiert, und es gab während vier Tagen keine Möglichkeit, zu fliehen. Dann sollten wir evakuiert werden. Wir waren vielleicht 60 Leute, die sich in Sicherheit bringen wollten. Ich hatte meinen kleinen Sohn an der Hand. Plötzlich wurde ich angeschossen. Mein Bauch war voller Blut. Mein Sohn begann zu weinen. Ich sagte, er solle sich nicht fürchten.» Dann gerät Samias Erzählung ins Stocken. Sie habe doch nicht die Kraft zum Reden, sagt sie.

Von überall vertrieben

Samia ruft ihren Mann, damit er weitererzähle. Sein Bericht klingt wie ein Albtraum: Der Rote Halbmond sollte die Bewohner auf Geheiss der Armee evakuieren. Doch sie wurden nach dem Verlassen ihrer Häuser plötzlich von einem Scharfschützen beschossen. In einer Klinik erhielten die Verletzten erste Hilfe. Doch dann wurde auch die Klinik beschossen. Der Bruder des behandelnden Arztes wurde getötet und der Arzt verletzt. Sie flüchteten sich ins Haus eines Cousins, bis auch dieses von einem Geschoss getroffen wurde. Sie rannten hinaus. Da machte ein Luftangriff das Haus dem Erdboden gleich. Sie machten sich auf den Weg ins nächste Spital bei Khan Yunis. Samia musste blutend drei Kilometer zu Fuss gehen. Die Gruppe lief mit erhobenen Händen an israelischen Panzern vorbei, die den Weg säumten.

In Khan Yunis wurde Samia operiert und erhielt dann eine Bewilligung, um sich in Jerusalem behandeln zu lassen. Jetzt ist sie mit ihrem Mann im Spital des Sankt-Joseph-Ordens. Ihr Sohn, dessen Arm verletzt wurde, blieb in Khan Yunis bei der Grossmutter. «Das ist der grausamste Krieg, den wir erlebt haben», sagt ihr Mann. «Wir wurden von überall vertrieben. Dabei haben wir nichts mit der Hamas zu tun.» Das Ehepaar arbeitet für die in Ramallah ansässige Autonomiebehörde von Präsident Abbas. Das Haus der Familie wurde in diesem Krieg zum dritten Mal zerstört.

Im Nebenzimmer wacht Noura aus Rafah über ihre Nichte Iman, die am ganzen Körper verletzt ist. Einige von Imans Familienmitgliedern sind ums Leben gekommen. Ihre verletzte Mutter wird in Ägypten in einem Spital behandelt. Iman erhielt eine Bewilligung für die Behandlung in Jerusalem. Das Gesundheitsministerium der Hamas stellt bei medizinisch schwierigen Fällen einen entsprechenden Antrag. Vertreter der Autonomiebehörde, welche im Gegensatz zur Hamas mit Israel kooperieren, regeln auf palästinensischer Seite des Grenzübergangs den auf medizinische Notfälle, Diplomaten, Journalisten und Mitarbeiter von Hilfswerken reduzierten Grenzverkehr.

«Wir alle sind Gaza»

Auch Noura berichtet von der Schutzlosigkeit der Zivilbevölkerung im Gazastreifen. «Morgens um 6 Uhr 30 schlug das Geschoss eines Kampfflugzeuges neben dem Haus ein, wo Iman mit ihrer Familie war. Sie hatten Angst, dass ihr Haus bombardiert würde, und rannten hinaus. Da schoss das Flugzeug das nächste Geschoss ab. Elf von unseren Verwandten wurden auf einen Schlag getötet. Unter ihnen waren keine Kämpfer», erzählt Noura. Sie glaubt, dass das Flugzeug absichtlich auf die Leute schoss. «Israel begeht Kriegsverbrechen, und alle schauen zu», sagt sie. Die israelische Armee erklärt, sie versuche, zivile Opfer zu vermeiden, und gibt der Hamas die Schuld, die im dichtbesiedelten Gazastreifen mit Guerillataktik operiert und dort ihre militärischen Einrichtungen placiert hat. Laut Uno-Angaben waren etwa 1000 von 1500 Todesopfern Zivilisten.

Noura ist zum ersten Mal in Jerusalem. Sie wäre gerne zu einem schöneren Anlass gekommen, hätte in der Aksa-Moschee gebetet, die Stadt angeschaut und Geschenke für die Kinder gekauft. Doch das blieb ihr bisher verwehrt. Die Einreisebewilligung beschränkt sich auf das Spital. «Ich muss sowieso bei Iman bleiben», meint sie. Eine Gruppe junger Palästinenserinnen betritt den Raum. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift «Wir alle sind Gaza» und bringen Geschenke. Alle paar Minuten kommen neue Besucher, die ihre Solidarität mit den Leuten von Gaza zeigen wollen.

Die meisten sind Palästinenser aus Ostjerusalem. Der Ansturm sei beeindruckend, meint Jamil Koussa, der Direktor des Spitals. An den Feiertagen am Ende des Ramadan seien Tausende von Palästinensern gekommen. Derzeit befinden sich 35 Patienten im Sankt-Josef-Spital, die meisten von ihnen Kinder. Drei, die mit der Diagnose Hirntod eingeliefert wurden, sind unterdessen verstorben. Ein weiterer Fall, ein 11-jähriger Bub, werde es auch nicht schaffen, sagt Koussa. Die Behandlungskosten übernimmt das Spital, welches von katholischen Nonnen geleitet wird. Daneben hat auch das Makasid-Spital in Ostjerusalem etwa ein Dutzend Patienten aus dem Gazastreifen aufgenommen. Angesichts der fast 10 000 Verletzten und der überlasteten, teilweise von Geschossen beschädigten oder zerstörten Kliniken im Gazastreifen ist das ein Tropfen auf den heissen Stein. «Wir tun unser Möglichstes», sagt Koussa. Es träfen täglich fünf bis sechs neue Patienten ein. «Wenn der Krieg sich beruhigt, wird sich ihre Zahl verdoppeln.»

Kein Lachen für den Clown

Noura erhält Besuch von einer jungen Frau aus Ostjerusalem, die sie wie eine Freundin begrüsst. Sie sei zum ersten Mal hier, sagt die Besucherin, «aber sicher nicht zum letzten Mal». Ein Solidaritätsbesuch sei das Mindeste, was sie für die Leute aus Gaza tun könne. Dann sagt sie inbrünstig zu Noura: «Ich wünschte, wir könnten zu euch nach Gaza kommen. Meine Mutter erzählt immer, wie sie früher in Gaza den besten Fisch ihres Lebens gegessen habe.» Ja, der Fisch sei gut in Gaza, sagt Noura zerstreut. Neben uns betritt ein Clown das Zimmer und versucht, ein kleines Mädchen aufzuheitern, das mit Kopfverletzung und teilweise gelähmt in seinem Bett liegt. Es kann nicht mehr richtig sprechen. Der Clown lächelt es an und macht Faxen. Aber das Mädchen starrt ihn nur unverwandt an.

http://www.nzz.ch/international/das-war-der-grausamste-krieg-von-allen-1.18356502

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