Panamakanal: Ausbau für Supertanker bringt viele ökologische Probleme! Hundert Jahre nach seiner Eröffnung ist der Kanal, durch den fünf Prozent des Welthandels schippern, zu klein geworden. Die Supertanker der Panamax-Klasse passen nicht mehr durch das Nadelöhr Amerikas, das deshalb gerade erweitert wird. Schon jetzt schafft der enorme Süßwasserbedarf ein Problem, das der Klimawandel noch verschärft. Damit der Kanal funktioniert, brauchen wir Süßwasser. Die Kanalverwaltung hat das die vergangenen 100 Jahre gut hinbekommen. Sie hat die Wälder rund um die Flüsse geschützt. Aber in den letzten Jahren hat sich ein blinder Fortschrittsglaube ausgebreitet, und die Umwelt hat immer mehr an Bedeutung verloren. Wenn sein Ausbau beendet ist, wird der Panamakanal für die neuesten Supertanker schon wieder zu klein sein. Und der Kanal bekommt bald Konkurrenz: Nicaragua baut mit chinesischer Hilfe einen zweiten Kanal! Ortega erhofft sich davon einen Entwicklungsschub für das ärmste mittelamerikanische Land. Für die Chinesen ist die Handelsroute zwischen Orient und Okzident strategisch wichtig.

Panamakanal: Amerikas Nadelöhr im Klimawandel

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SANDRA WEISS AUS PANAMA-STADT
4. August 2014, 11:00

Wenn sein Ausbau beendet ist, wird der Panamakanal für die neuesten Supertanker schon wieder zu klein sein. Schon jetzt schafft der enorme Süßwasserbedarf ein Problem, das der Klimawandel noch verschärft.

Langsam manövriert die Ocean Crescent in die Schleuse von Pedro Miguel am Panamakanal. Eine Nussschale nähert sich, junge Männer reichen den Matrosen auf dem Frachter schwere Stahlseile herüber. „Das ist der gefährlichste Moment“, sagt Lotse Eduardo Arrue, der hinter dem Frachter das Ausflugsboot der Canal & Bay Tours geleitet. Die Stahlseile sind an Dieselloks befestigt, die das Schiff ziehen. Das ist das Originaldesign von vor 100 Jahren, um die Schiffe reibungslos durch die drei Schleusen zu manövrieren. „Wir haben bis heute keine bessere Lösung gefunden“, sagt Arrue.

Die Ocean Crescent ist ein recht kleiner Frachter, es ist ein sonniger Tag, und Arrue hat leichtes Spiel. Wenn Regen und Nebel die Sicht reduzieren und er einen der riesigen Panamax-Tanker, die links und rechts gerade einmal 50 cm Spielraum haben, durch die Schleuse manövrieren muss, gerät er schon einmal ins Schwitzen.

Hundert Jahre nach seiner Eröffnung ist der Kanal, durch den fünf Prozent des Welthandels schippern, zu klein geworden. Die Supertanker der Panamax-Klasse passen nicht mehr durch das Nadelöhr Amerikas, das deshalb gerade erweitert wird. An seinen beiden Einfahrten auf der Atlantik- und der Pazifikseite werden seit 2007 tausende Tonnen Gestein in die Luft gesprengt, Inseln abgetragen, Flussbetten ausgebaggert und 192.000 Tonnen Stahl und 4,5 Millionen Kubikmeter Zement verbaut. Bis zu 14.000 Arbeiter sind simultan im Einsatz.

Die neuen Schleusenkammern sind gigantische Schluchten, in denen man sich vorkommt wie eine Maus in einem Hochhaus. Nur aus der Luft lässt sich das Design der drei Kammern und der Wasser-Auffangbecken erkennen, mit denen 80 Prozent des für die Durchfahrt nötigen Süßwassers wiederverwertet werden können.

Den USA weggeschnappt

Ein Konsortium aus spanischen, belgischen, panamaischen und italienischen Unternehmen hat den US-Amerikanern den Auftrag weggeschnappt. Viel zu billig seien sie gewesen, hatte Wikileaks zufolge damals die US-Botschafterin nach Washington berichtet. Sie behielt recht. Den Baufirmen ging das Geld aus, Panamas Staat wollte nicht draufzahlen. Statt wie geplant heuer zum 100-Jahr-Jubiläum ist das neue Schleusensystem deshalb wohl erst Anfang 2016 fertig.

Dann wird es schon wieder zu klein sein für die neuesten Super-Gastanker. Eine vierte Schleusenreihe wird nicht ausgeschlossen. Doch schon der aktuelle Ausbau hat einen unsichtbaren Feind: den Klimawandel. Schon heute verbraucht der Kanal täglich drei Milliarden Liter Süßwasser.

Wichtigste Süßwasserquelle ist der Chagres-Fluss. An seinem Oberlauf, in Tusipono Emberá, lebt der Indigena-Kazike Neldo Tocama. Dorthin kommt man nur per Boot, doch seit Wochen hat der Chagres so wenig Wasser, dass der Einbaum immer wieder auf Grund läuft. „Unser Leben dreht sich um den Fluss. Wir fangen in ihm Fische, wir holen dort unser Trinkwasser, wir transportieren über ihn die Touristen, die unsere einzige Einnahmequelle sind, seit der Staat das hier zum Naturschutzgebiet erklärt hat“, sagt der Stammesführer. „Wir wurden nicht gefragt zum Ausbau und sind sehr besorgt, dass er uns unsere Lebensgrundlage raubt.“ (Sandra Weiss aus Panama-Stadt, DER STANDARD, 4.8.2014)

http://derstandard.at/2000003940832/Panamakanal-Amerikas-Nadeloehr-im-Klimawandel

Umweltaktivistin: „Der Kanal ist unser Nationalstolz“

4. August 2014, 11:01

Weil der Kanal für die Souveränität Panamas steht und einen Wirtschaftsboom ausgelöst hat, werden ökologische Bedenken bis heute zu wenig beachtet, sagt Umweltaktivistin Raisa Banfield zu Sandra Weiss

STANDARD: Seit Panama 1999 die Kontrolle über den Kanal hat, ist das Land wirtschaftlich enorm gewachsen. Welche Folgen hatte das für die Umwelt?

Banfield: Eine ganze Reihe. Das Abholzen der Wälder und Mangroven für Immobilienprojekte etwa hat zu mehr Überschwemmungen und Erosion geführt.

STANDARD: Und inwiefern beeinträchtigt das den Kanal?

Banfield: Damit der Kanal funktioniert, brauchen wir Süßwasser. Die Kanalverwaltung hat das die vergangenen 100 Jahre gut hinbekommen. Sie hat die Wälder rund um die Flüsse geschützt. Aber in den letzten Jahren hat sich ein blinder Fortschrittsglaube ausgebreitet, und die Umwelt hat immer mehr an Bedeutung verloren.

STANDARD: Wird der Ausbau das noch verschärfen?

Banfield: Ja, denn der neue Kanal wird mehr Wasser brauchen. Zum anderen nimmt die Verschmutzung des Grundwassers zu. Wir haben Hoffnung, dass sich das unter der neuen Regierung ändert und die Umwelt nicht mehr nur administrativer Wurmfortsatz ist.

STANDARD: Warum hört man so wenig auf die Umweltschützer?

Banfield: Der Kanal ist unser Nationalstolz. Er symbolisiert die Entstehung unseres Landes, denn seinetwegen gelang uns die Unabhängigkeit von Kolumbien. Danach war er fast 100 Jahre lang eine US-Enklave. Die Rückgabe des Kanals bedeutete für uns volle Souveränität und einen Entwicklungsboom. Für die Panamaer ist es daher sehr schwierig, die negativen Seiten des Kanals zu akzeptieren. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 4.8.2014)

foto: banfield

RAISA BANFIELD ist Architektin, eine der bekanntesten Umweltschützerinnen Panamas und seit ein paar Wochen Vizebürgermeisterin der Hauptstadt.

Chinas Interessen und viele Fragen

4. August 2014, 11:01

Mit Hilfe Chinas wird eine Idee aus dem 19. Jahrhundert Wirklichkeit

Schon der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt hielt im 19. Jahrhundert Nicaragua für den geeignetsten Ort für einen Kanal zwischen Atlantik und Pazifik. Nun soll die Idee mithilfe der Chinesen Wirklichkeit werden. Im Vorjahr verkündete Nicaraguas Präsident Daniel Ortega den Plan, vor einigen Wochen stellte er zusammen mit dem chinesischen Konsortium HKND die Route vor. Ende 2014 soll Baubeginn sein, 2020 die Inbetriebnahme.

Ortega erhofft sich davon einen Entwicklungsschub für das ärmste mittelamerikanische Land. Für die Chinesen ist die Handelsroute zwischen Orient und Okzident strategisch wichtig. Bereits jetzt haben sie Anteile an den beiden wichtigsten Häfen Panamas, Balboa und Colon, und bauen Logistikzentren in Jamaika und Mexiko. „Wer das Meer beherrscht, kontrolliert den Handel, und wer den Handel kontrolliert, dominiert die Welt“, sagt der panamaische Schifffahrtsexperte Carlos Ernesto de la Lastra.

Der Vertrag, den das Konsortium mit Ortega unterzeichnete, überträgt den Chinesen für bis zu 100 Jahre die Konzession und erlaubt ihnen Enteignungen im ganzen Land. Dagegen regt sich Widerstand. Alle 30 Einwände gegen die Verfassungsmäßigkeit des Vorhabens wurden von dem von Ortega kontrollierten Höchstgericht in Rekordzeit abgewiesen.

Bauern fürchten Enteignung

Umweltschützer sind dagegen, dass der Kanal durch den größten Binnensee Mittelamerikas führt, der nicht nur eine wichtige Trinkwasserreserve ist, sondern auch die weltweit einzigen Süßwasserhaie beherbergt. Bauern fürchten, entschädigungslos enteignet zu werden. Unternehmer kritisieren, dass die 50.000 Leiharbeiter vor allem aus China stammen.

Die Opposition bemängelt Intransparenz und Korruption. „Mittelsmann ist der Sohn Ortegas, Laureano“, sagt der oppositionelle Publizist Carlos Fernando Chamorro. „Das erweckt nicht gerade Vertrauen.“ Der chinesische Bauherr Wang Jing (42) war bisher völlig unbekannt. Dass seine Financiers „geheim“ sind und Chinas Regierung beteuert, nicht hinter dem Projekt zu stehen, wirft weitere Fragen auf. (wss, DER STANDARD, 4.8.2014)

http://derstandard.at/2000003941343/Chinas-Interessen-und-viele-Fragen

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