«Wir geben unsere Kinder nicht her!» Der Aufstand der ukraischen Soldatenmütter gegen die Regierung Jazenuk: «Geht ihr doch in den Krieg», fordern sie die Politiker auf. Nach monatelangen verlustreichen Gefechten formiert sich in der Ukraine eine neue Front gegen die prowestliche Regierung. Es sind Soldatenmütter voller Wut und Angst. Sie haben den Krieg satt und wehren sich gegen die Einziehung ihrer Söhne für den Kampf. «Wir sind gegen die Mobilmachung und den Krieg», rufen aufgebrachte Frauen in vielen Orten der krisengeschüttelten Ex-Sowjetrepublik. Demonstrativ verbrennen sie reihenweise die Einberufungsbescheide ihrer Söhne und Ehemänner, und resolut blockieren sie Strassen und Kasernen. Mit der jüngst verkündeten dritten Einberufungswelle im Kampf gegen prorussische Separatisten droht die Stimmung im Land zu kippen. Und eine neue Kriegssteuer von 1,5 Prozent auf alle steuerpflichtigen Privateinkommen dürfte zusätzliches Öl ins Feuer giessen. Mit patriotischen Spots und Berichten über feierliche Vereidigungen neuer Kämpfer in regierungstreuen Fernsehsendern versucht die Führung in Kiew, die Proteste klein zu halten. Kritischen Berichten wird kaum Raum geschenkt. Doch Immer mehr Familien beklagen Opfer!

Der Aufstand der Soldatenmütter

Aktualisiert am 01.08.2014 73 Kommentare

In der Ukraine formiert sich eine neue Widerstandsgruppe: Mütter und Ehefrauen wollen ihre Männer nicht für den Krieg hergeben. «Geht ihr doch in den Krieg», fordern sie die Politiker auf.

«Wir geben unsere Kinder nicht her»: Mütter und Ehefrauen fordern in Kiew Unterstützung für die ukrainischen Soldaten. (16. Juli 2014)

«Wir geben unsere Kinder nicht her»: Mütter und Ehefrauen fordern in Kiew Unterstützung für die ukrainischen Soldaten. (16. Juli 2014)
Bild: Valentyn Ogirenko/Reuters

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Mit der jüngst verkündeten dritten Einberufungswelle im Kampf gegen prorussische Separatisten droht die Stimmung im Land zu kippen. Und eine neue Kriegssteuer von 1,5 Prozent auf alle steuerpflichtigen Privateinkommen dürfte zusätzliches Öl ins Feuer giessen.

«Wir geben unsere Kinder nicht her»

Auf der Fernstrasse von Kiew nach Tschop bilden die Wutbürgerinnen an diesem Julitag eine lange Schlange des Protests. In Sprechchören fordern sie, dass ihre Söhne nicht eingezogen werden.

Als Schwerpunkte des Widerstands gelten die Regionen der ungarischen und rumänischen Minderheiten im Westen des Landes. In den ungarisch geprägten Kleinstädten Beregowo und Mukatschewo verstehen die Frauen nicht, warum ihre Männer im 1300 Kilometer entfernten Donezk kämpfen sollen.

In der Heimat von Regierungschef Arseni Jazenjuk, der 1940 von der Sowjetunion angegliederten Bukowina, blockieren die Frauen Dutzende Strassen. 50 Einberufungsbescheide für das 3000-Einwohner-Dorf Woloka haben die Menschen auf die Beine gebracht. Mehr als 90 Prozent von ihnen haben rumänische Wurzeln.

«Wir haben den Krieg nicht gewollt! Sollen doch die hingehen, die da auf dem Maidan in Kiew geschrien haben», sagt eine in Tränen aufgelöste junge Frau im Fernsehen.

«Keine Bescheide mehr nach Woloka!» fordert die Dorfversammlung ultimativ in einem Brief an das Parlament in Kiew. Eine ältere Frau sagt: «Wir geben unsere Kinder nicht her. Nur über unsere Leichen!»

Verluste nehmen zu

In ihrer seit Mitte April laufenden «Anti-Terror-Operation» gegen die Aufständischen berichtet die Armee zuletzt immer wieder über Erfolge. Aber angesichts steigender Verluste auch in der Zivilbevölkerung fällt der Führung in Kiew die Überzeugungsarbeit nicht leichter. Viele Ukrainer seien schlicht kriegsmüde, meinen Politologen.

Im 30 Kilometer von Woloka entfernten Nowoseliza eskaliert die Situation bei der Belagerung des Wehramtes. Wütende Frauen greifen den Kreistagsabgeordneten Iwan Popadjuk an, zerren an seinen Haaren und zerreissen sein besticktes Ukrainerhemd. «Geh du doch in den Krieg», fordern sie den als nationalistisch geltenden Parlamentarier auf, der sich schliesslich von Polizisten schützen lassen muss.

Blockierte Kasernen

Doch nicht nur in den von Minderheiten bewohnten Gebieten wächst die Antikriegsstimmung. Sogar in Galizien, das oft als Kernland des ukrainischen Nationalismus bezeichnet wird, werden Kasernen und Ämter blockiert. In Bogorodtschany bei Iwano-Frankiwsk fordern Frauen «Einberufungsbescheide für die Kinder von Politikern».

Der Eindruck, dass unverhältnismässig viele Männer aus der Westukraine und keine Politikersöhne eingezogen werden, treibt sie auf die Strasse. «Es gibt keine Anweisung, im Westen mehr Rekruten einzuziehen», sagt Alexander Motusjanik vom Verteidigungsministerium der Zeitung «Westi».

«Rettet unsere Jungs», ertönt in diesen Tagen immer wieder in Sprechchören vor dem Präsidialamt in Kiew sowie in Lwiw (Lemberg), Belaja Zerkow und Nikolajew. Seit Medien berichten, dass ganze Einheiten an der russischen Grenze eingekesselt seien und schlecht versorgt würden, fordern Kriegskritiker auch einen schnelleren Austausch der kämpfenden Kräfte.

Regierungskräfte berichten per Telefon, dass sie zum Teil wochenlang ohne Nachschub festsässen und unter ständigem Beschuss der Separatisten lägen. Ein Teil der Soldaten weicht auf russisches Gebiet aus, um dem sicheren Tod zu entgehen. 54 Rückkehrern droht nun ein Prozess wegen Landesverrats.

Russland weidet Kriegskritik aus

Allerdings gibt es auch viele Ukrainer, die bereit sind zum Kampf. «Mutter und Frau weinen – doch ich als Mann bin verpflichtet zu kämpfen. Wenn wir den Feind nicht im Donbass aufhalten, wird er morgen bei uns sein», sagt etwa Pawel Grynkiw aus dem Lwiwer Gebiet.

Mit patriotischen Spots und Berichten über feierliche Vereidigungen neuer Kämpfer in regierungstreuen Fernsehsendern versucht die Führung in Kiew, die Proteste klein zu halten. Kritischen Berichten wird kaum Raum geschenkt.

Ein gefundenes Fressen sind die Proteste dagegen für das Moskauer Staatsfernsehen, wo sie als Propaganda genüsslich ausgeschlachtet werden. Dass es aber auch in Russland viele Gegner der Separatisten gibt, wird von den kremltreuen Sendern verschwiegen.

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