Europas grösstes Aufnahmezentrum auf Sizilien – Die Stadt der 4000 Asylbewerber – Auch Billigstarbeiter aus Afrika. Sie sind von Gambia, Mali, Senegal, Nigeria, Eritrea aufgebrochen, weil Krieg herrscht, Arbeitslosigkeit und Armut. Es folgten der lange Weg an die Küste, die teure und gefährliche Überfahrt, das Warten auf Papiere – und kein Weg zurück. Die Landbesitzer stellen sie einen Tag, vielleicht zwei oder drei Tage, für die Arbeit auf ihren Orangenplantagen an und bezahlen ihnen 10 bis 15 Euro pro Tag, vielleicht 20, und manchmal das Mittagessen. Ein Rumäne verdiene als Landarbeiter an die 40 Euro, ein Einheimischer bis zu 70, gibt ein Bauer Auskunft.

Europas grösstes Aufnahmezentrum auf Sizilien

Die Stadt der 4000 Asylbewerber

Vanessa Simili, Mineo Gestern, 2. August 2014, 06:00
Zu viele Tage gehen mit nutzlosem Warten am Zaun vorüber.
Zu viele Tage gehen mit nutzlosem Warten am Zaun vorüber. (Bild: Mathias Marx)
Mineo ist eine kleine Stadt mit 5300 Einwohnern im Hinterland von Catania. In einer umzäunten Überbauung gut zehn Kilometer entfernt sind 4000 Asylsuchende aus Afrika untergebracht. Sie warten auf Dokumente und auf ihren Asylentscheid.

Morgens um sieben stehen junge Männer aus Afrika am Bivio, der Verzweigung Mineo-Caltagirone. Sie kommen vom nahe gelegenen Aufnahmezentrum für Asylsuchende, das mit 4000 Migranten als grösstes in Europa gilt. Sie legen etwa eine Stunde Fussweg zurück, um an der Strasse auf Arbeit zu warten. Die Landbesitzer stellen sie einen Tag, vielleicht zwei oder drei Tage, für die Arbeit auf ihren Orangenplantagen an und bezahlen ihnen 10 bis 15 Euro pro Tag, vielleicht 20, und manchmal das Mittagessen. Ein Rumäne verdiene als Landarbeiter an die 40 Euro, ein Einheimischer bis zu 70, gibt ein Bauer Auskunft, der mit dem Traktor zum Bivio gefahren ist. Die Flüchtlinge hätten ja auch keine Fixkosten für Unterkunft und Essen, für die sie aufkommen müssten, rechtfertigt man die Lohnunterschiede. Über die Auswirkungen der Niedrigstlöhne auf den Arbeitsmarkt schweigt man.

Billigstarbeiter aus Afrika

Von Gesetzes wegen dürfen die Asylsuchenden in den ersten sechs Monaten nach ihrer Ankunft in Italien nicht arbeiten. Doch man scheint zu wissen, was am Bivio läuft. Auch die Polizei, sagt der Landwirt auf dem Traktor, «aber man lässt sie gewähren». Dennoch, er renne weg, wenn die Polizei komme, sagt Modou Famin, ein 25-Jähriger aus Gambia, der seit drei Monaten in Mineo ist. Einige Autofahrer halten an, und einzelne junge Männer steigen ein. Die Plantagenbesitzer könnten eine Busse riskieren, so Famin. Er spricht fliessend Englisch. Er habe studiert, aber Arbeit gebe es keine in Gambia. Deshalb sei er nach Europa gekommen. Auch andere erzählen ihre Geschichten, und sie klingen ähnlich.

Sie sind von Gambia, Mali, Senegal, Nigeria, Eritrea aufgebrochen, weil Krieg herrscht, Arbeitslosigkeit und Armut. Es folgten der lange Weg an die Küste, die teure und gefährliche Überfahrt, das Warten auf Papiere – und kein Weg zurück.Die Gemeindepräsidentin von Mineo empfängt uns freundlich, sie trägt Lippenstift auf, als sie den Fotografen erblickt. Anna Aloisi ist seit einem Jahr im Amt. Als erste Frau überhaupt präsidiert sie die kleine, charakteristische Stadt auf zwei Hügeln im Hinterland von Catania. Zwischen zwei Terminen erzählt sie, wie sich die Situation für Mineo verbessert habe, seit die Überbauung «Residence degli Aranci» zu einem Aufnahmezentrum für Asylsuchende (Centro di accoglienza per richiedenti asilo, Cara) geworden ist.

Eine Zwischenstation wird zum Daueraufenthalt für mehrere Monate, für über ein Jahr: . . .

Präsidentin zweier Gemeinden

Mineo lebt seit je von der Landwirtschaft, wie die Gemeindepräsidentin erklärt. Nach dem Zweiten Weltkrieg litten die Bewohner stark unter der wirtschaftlichen Krise, und viele sahen sich gezwungen, ins Ausland zu gehen. «Mineo drohte zu einem Borgo, einem Weiler, zu werden, es hatte immer weniger Einwohner», sagt Aloisi. Heute hat Mineo 5300 Einwohner (ohne Asylbewerber). Bereits vor der Wahl zur Gemeindepräsidentin habe sie das Aufnahmezentrum als Ressource für Mineo bezeichnet und sich auch öffentlich dafür starkgemacht – und das Volk habe sie gewählt.

«Das Cara hat uns einen neuen Anstoss gegeben», so Aloisi. Die Ankunft der Afrikaner habe auch Fortschritt gebracht. Die Kinder vom Cara gingen in die Spielgruppe mit den sizilianischen Kindern, man habe eine afrikanische Fussballmannschaft gegründet, im traditionsreichen Weihnachtsspiel in den Gassen von Mineo, «Natale nei Vicoli», seien das Jesuskind und die Madonna dieses Jahr eine schwarze Frau und ein schwarzes Kind gewesen, und für ein Theaterprojekt mit Bewohnern des Aufnahmezentrums sei Mineo wegen seiner Integrationsbemühungen ausgezeichnet worden. Die Afrikaner kaufen in den Lebensmittelläden ein und tragen auch erheblich zum Umsatz bei, so ist von Aloisi zu erfahren. Kochen aber dürften sie im Cara nicht, «aus Sicherheitsgründen». Dafür gebe es eine Kantine, wo es neben Pasta auch Gerichte gebe, die den Essgewohnheiten der Flüchtlinge entsprächen.

Zurzeit arbeiteten mehr als 100 Einwohner aus Mineo im Aufnahmezentrum, erzählt Aloisi weiter, was manche Familien davor bewahrt habe, ins Ausland gehen zu müssen. Sie bezeichnet sich manchmal als Präsidentin zweier Gemeinden, einer weissen und einer schwarzen. Sichtlich stolz fügt sie an: «Die Einwohner von Mineo haben die Migranten wirklich aufgenommen.» Sie spricht von Aufnehmen und Integrieren, beispielsweise auch mittels Italienischkursen im Cara. Ihre Worte muten sonderbar an – das Aufnahmezentrum ist elf Kilometer von der Stadt entfernt, und eigentlich sollten die Asylbewerber ja nur kurz hier bleiben. Auf Kritik wegen Überbelegung antwortet sie, in Anbetracht der grossen Not könne das Cara auch 4000 Menschen aufnehmen.

Pietro Catania, Gemeinderatsmitglied von Mineo und Parteimitglied von La Destra, hat das Cara im April besucht. Die Aufteilung auf die Wohnungen und das Zusammenleben werde den Asylbewerbern überlassen, so herrsche logischerweise das Recht des Stärkeren, sagt er, und: «Klar, dass die Migranten verrückt werden, wenn sie hier ein Jahr so leben.» Die Bauern, die in unmittelbarer Nähe zum Cara Land hätten, seien teilweise verärgert; ihnen würden Orangen geklaut.

So berichtet Arsenio, der in der Nähe des Cara wohnt, von Diebstahl. Mehrmals seien ihm Hühner aus dem Stall geklaut worden. Er wisse, wer es gewesen sei: Migranten. Er habe Anzeige erstattet, er könne sogar Bildmaterial vorlegen, das er mit einer fix installierten Videokamera aufgenommen habe, aber er finde nirgends Gehör. Deshalb fordert Pietro Catania mehr Kontrolle auf den Ländereien und den Plantagen um das Cara herum.

Anders sieht die Situation in Mineo selbst aus. Das Aufnahmezentrum liegt mehr als zehn Kilometer entfernt, und bis in die Stadt kommen wenige. Wenn, dann um Gemüse oder im «Centro Tim» Mobiltelefone und SIM-Karten zu kaufen. Julio Carrasco von der Bar an der Piazza – er stammt aus Spanien und spricht Berndeutsch, seine Frau stammt aus Mineo – erzählt von einem schwungvollen Handel im Aufnahmezentrum. Für den Kauf einer SIM-Karte brauche man einen Ausweis, und den hätten die allermeisten nicht. Manche erhielten anstelle eines Ausweises eine provisorische Nummer; damit könnten sie jeweils zwei SIM-Karten kaufen. Eine der beiden werde dann für teures Geld im Cara weiterverkauft.

Gute Geschäfte

Laut Carrasco gibt es im Aufnahmezentrum einen richtigen Markt, auf dem Kleider, Schuhe, Velos und Zigaretten verkauft werden. Durch den Maschendraht hindurch sind vor einigen Häusern die Auslagen mit Schuhen und Kleidern tatsächlich zu erkennen. Von der Präsenz der Afrikaner profitiere er nicht, sagt Carrasco, vor allem die Gemüsehändler könnten aber profitieren. Die Stimmung sei generell ruhig, nur vor Weihnachten hätten die Bewohner des Cara gegen die langen Wartezeiten im Asylverfahren demonstriert.

Hundert Soldaten seien seit den Protesten in Mineo und im Aufnahmezentrum zur Gewährung der Sicherheit im Einsatz, erklärt Gemeindepräsidentin Aloisi. Hinter den Protesten vermutet sie die Opposition, die mit dem Antirassistischen Netz von Catania zusammenarbeite und falsche Informationen verbreite. Man habe die Leute von der Opposition vor dem Cara gesehen, wie sie mit Asylsuchenden gesprochen hätten. Sie wollten das Cara für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren, sagt Aloisi. Die Manifestationen hätten just zur Zeit des Weihnachtsspiels stattgefunden, das in früheren Jahren immer viele Touristen angezogen habe. So habe Mineo eine grosse Einbusse an Besuchern erlitten.

Die Opposition wiederum wirft Aloisi Geschäftemacherei mit den Migranten vor. «Die Flüchtlinge sind für einige zum Business geworden», sagt Giuseppe Mistretta. Die Stellen der 100 Angestellten aus Mineo, die im Cara arbeiteten, seien nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern durch Aloisi freihändig vergeben worden. Sein Parteikollege Pietro Catania ergänzt, die Begünstigten würden sich dann bei der nächsten Wahl mit Stimmen für die Gemeindepräsidentin und deren Partei erkenntlich zeigen. Auf den Vorwurf der Geschäftemacherei kontert Aloisi, gegen das Cara sei, wer neidisch sei, weil er dort nicht arbeiten könne.

Betrieben wird das Aufnahmezentrum vom Consorzio Sisifo, das auch das Aufnahmezentrum auf Lampedusa führt. Seit mehr als einem Jahr sei eine neue Vergabe der Aufträge fällig, sie werde jedoch alle drei Monate um weitere drei Monate verschoben, sagt Catania. Der Clou dabei sei, dass heute die Regierung für einen Migranten pro Tag 32 bis 34 Euro zahle; bei 4000 Migranten seien das50 Millionen Euro pro Jahr. Nach neuer Regelung sollen aber nur noch 28 Euro 50 bezahlt werden. Der bestehende Vertrag bringe höhere Kosten für den Staat und höheren Profit für die Firma Sisifo.

Wegschauen

Inzwischen ist die Zahl der Kommissionen für die Bearbeitung der Asylanträge – nach den Protesten und auf Bemühungen der Gemeindepräsidentin hin – von eins auf drei erhöht worden. Dennoch: Niemand, der nach der Gesundheitskontrolle in einem der Aufnahmezentren erster Instanz nach Mineo kommt, hat innerhalb von dreissig Tagen seine Papiere und seinen Asylentscheid. Die meisten Insassen bleiben mehrere Monate im Cara, im Durchschnitt ein Jahr, manchmal sogar mehr. Viele von ihnen aber möchten weiter in den Norden Europas, wo sie Freunde und Familie haben. Nach Dänemark, nach Schweden, in die Schweiz.

Und während die afrikanische Migration zu einem Politikum in der kleinen Stadt auf den Hügeln geworden ist, wird in Landhäuser eingebrochen, was nicht niet- und nagelfest ist, kommt weg. Fragt man in Mineo, wo jeder jeden kennt, wo nichts ungesehen passiert, nach dem Täter, heisst es manchmal: die Schwarzen. Oder aber: Man habe weder etwas gesehen noch gehört. Das sei, so sagt ein Mann aus Mineo, der die Stadt längst verlassen hat, die sizilianische Omertà. Diese ist nicht erst mit den Afrikanern auf die Insel gekommen.

http://www.nzz.ch/international/die-stadt-der-4000-schwarzen-asylbewerber-1.18355041

Auch mit dem Velo kommt man nicht viel weiter.

 

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