Gaza-Konflikt: Saudische Führung entdeckt gemeinsame Interessen mit Israel:Seit Tagen kursiert ein Tweet des früheren israelischen Botschafters bei der Uno in New York, Dan Gillerman, wonach „Vertreter von Golfstaaten“ Israel wiederholt dazu aufgefordert hätten „to finish the job“, also die Arbeit im Gazastreifen zu Ende zu bringen. Beide, Saudi-Arabien und Ägypten, sähen die Hamas nur durch die Brille ihrer Gegnerschaft zu den Muslimbrüdern. Die Hamas war ja ursprünglich nichts anderes als der palästinensische Zweig der in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft. In Saudi-Arabien klaffen diesmal die Gaza-Position der saudischen Führung, die immer mehr gemeinsame Interessen mit Israel entdeckt, und die Volksmeinung laut Hearst weit auseinander: 95 Prozent der Menschen sollen angeblich für eine Fortsetzung des „Widerstands“ sein. Tauwetter zwischen Hisbollah und Hamas. Weil sie in Syrien auf unterschiedlichen Seiten stehen, waren die Beziehungen zwischen Hamas und Hisbollah zuletzt eisig. Der Gaza-Krieg vereint sie wieder im „Widerstand“.

Gaza-Konflikt: Saudische Führung entdeckt gemeinsame Interessen mit Israel

Der saudischen Führung um König Abdullah (li.) soll nicht mehr geschlossen gegen Israel auftreten

ANALYSE | GUDRUN HARRER
31. Juli 2014, 21:52

Bei früheren Auseinandersetzungen zwischen Israel und der Hamas war die Position der arabischen Welt klar und geschlossen: gegen Israel. Das ist diesmal anders

Wien – „Die Hamas ist am Schlachten im Gazastreifen schuld“, dieser Satz erregt seit einigen Tagen arabische Gemüter über alle Maßen: Denn er stammt von Prinz Turki al-Faisal, dem früheren saudischen Geheimdienstchef, und publiziert hat ihn die Zeitung Asharq Al-Awsat. Er heizt die Debatte darüber an, ob denn Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wirklich, wie von antisaudischen Medien behauptet wird, die israelische Offensive gegen die Hamas nicht nur unterstützen, sondern sich wünschen, dass Israel die Hamas auslöscht, mag es noch so viele Opfer kosten.

„Finish the Job“

Seit Tagen kursiert ein Tweet des früheren israelischen Botschafters bei der Uno in New York, Dan Gillerman, wonach „Vertreter von Golfstaaten“ Israel wiederholt dazu aufgefordert hätten „to finish the job“, also die Arbeit im Gazastreifen zu Ende zu bringen. Im Gegensatz dazu hat der saudische Botschafter in Großbritannien, Prinz Mohammed bin Nawaf Al Saud, dem Journalisten David Hearst widersprochen, der in seinem Blog von einer saudisch-israelischen Abstimmung auf täglicher Basis gesprochen hatte (Debka Net Weekly hatte das berichtet, der Verbindungsmann soll der frühere Geheimdienstchef und jetzige Königsberater Prinz Bandar sein). Der Botschafter nannte es eine „groteske Beleidigung“ zu behaupten, dass Riad die israelische Offensive unterstütze. Saudi-Arabien sehe sich als der Protektor der Palästinenser.

Diese historische Verantwortung den Palästinensern gegenüber betont auch Ägypten – dessen Führung ebenfalls Komplizenschaft mit Israel vorgeworfen wird. Der erste Waffenstillstandsvorschlag von Präsident Abdelfattah al-Sisi, den König Abdullah von Saudi-Arabien explizit unterstützte, habe nur auf israelische Bedürfnisse Rücksicht genommen, Kairo sei deshalb als Vermittler nicht mehr glaubwürdig und könne bei der Hamas nichts mehr erreichen, sagen die Kritiker. Beide, Saudi-Arabien und Ägypten, sähen die Hamas nur durch die Brille ihrer Gegnerschaft zu den Muslimbrüdern. Die Hamas war ja ursprünglich nichts anderes als der palästinensische Zweig der in Ägypten gegründeten Muslimbruderschaft.

Einen Draht zur Hamas

Die New York Times schreibt am Donnerstag, dass gerade die offensichtliche Unfähigkeit Ägyptens, einen konstruktiven Draht zur Hamas zu finden, US-Außenminister John Kerry dazu veranlasst hat, mit Katar und der Türkei – den letzten Freunden der Muslimbrüder in der Region – Kontakt aufzunehmen. Sein Entwurf einer Waffenruhe war die Antithese zum ägyptischen und ging mehr oder weniger nur auf die Hamas-Bedürfnisse ein. Seitdem ist die Anti-Kerry-Stimmung in Israel derart gewachsen, dass wieder einmal State-Department-Sprecherin Marie Harf ausrücken musste, um „Enttäuschung“ darüber auszudrücken, dass Israel das US-Engagement für die Sicherheit Israels nicht würdige.

In Ägypten ist die Wut weiter Kreise auf die Muslimbrüder und die Hamas noch immer so groß, und Sisi wird medial stark unterstützt. In Saudi-Arabien klaffen diesmal die Gaza-Position der saudischen Führung, die immer mehr gemeinsame Interessen mit Israel entdeckt, und die Volksmeinung laut Hearst weit auseinander: 95 Prozent der Menschen sollen angeblich für eine Fortsetzung des „Widerstands“ sein. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 1.8.2014)

 

http://derstandard.at/2000003833369/Gaza-Konflikt-Saudische-Fuehrung-entdeckt-gemeinsame-Interessen-mit-Israel

Tauwetter zwischen Hisbollah und Hamas

ANALYSE | GUDRUN HARRER
27. Juli 2014, 17:51

Weil sie in Syrien auf unterschiedlichen Seiten stehen, waren die Beziehungen zwischen Hamas und Hisbollah zuletzt eisig. Der Gaza-Krieg vereint sie wieder im „Widerstand“.

Beirut/Wien – Das militärische Engagement in Syrien, an der Seite des Assad-Regimes, nimmt die libanesische Hisbollah völlig in Anspruch, denn es ist so erfolg- wie verlustreich und zehrt an den Ressourcen: Das ist die gängige Expertenmeinung zur Frage, ob die Schiitenmiliz im Gaza-Konflikt mit einem Raketenregen vom Norden auf Israel eine neue Front eröffnen könnte.

An einem Krieg mit Israel hat wohl weder die Hisbollah noch ihr Sponsor Iran, der in den Atomverhandlungen mit dem Westen steckt, derzeit ein strategisches Interesse. Die Beziehungen zwischen der Hamas und der Hisbollah beziehungsweise dem Iran befinden sich durch ihre unterschiedliche Positionierung im Syrien-Konflikt seit zwei Jahren noch dazu in einer Eiszeit. Bei Ausbruch des von Sunniten getragenen Aufstands in Syrien hatte sich die Hamas, deren Politbüro früher in Damaskus stationiert war, von Assad abgewandt.

Aber der Krieg zwischen Israel und der Hamas hat das Potenzial, das Beziehungsgeflecht wieder zu verändern. Manche Medien sprechen von „Versöhnung“, seit der Führer der Hisbollah, Hassan Nasrallah, am 20. Juli den Politbürochef der Hamas, Khaled Meshaal, in Doha angerufen hat. Aus der Rede Nasrallahs am Freitag ist zwar keine unmittelbare Absicht abzulesen, in den Gaza-Konflikt einzugreifen, aber er machte klar, dass es ein mögliches Szenario dafür gebe: wenn Israel seine Bodenoffensive ausdehne, das heißt, die Absicht erkennen lasse, die Hamas im Gazastreifen zu vernichten. Das korrespondiert mit Israels Deklaration zu Beginn des Gaza-Kriegs: Man habe keine Absicht, die Hamas zu stürzen.

Erster Auftritt seit längerer Zeit

Nasrallah trat zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder persönlich öffentlich auf – üblicherweise hält er seine Ansprachen im Fernsehen -, und der Anlass war der „Jerusalem-Tag“, was ihm sicher dabei half, die Hamas wieder als Teil des „Widerstands“ zu umarmen. Er zog auch den Vergleich mit dem derzeitigen angeblichen „Sieg“ der Hamas und dem der Hisbollah im Libanon-Krieg 2006. Damals sei es der Hisbollah gelungen, Israel eine Resolution aufzuzwingen, und so werde es auch diesmal sein. Tatsächlich gibt es ja Überlegungen, ob nicht am Ende des Konflikts eine Uno-Sicherheitsratsresolution stehen sollte.

Trotz der Eiszeit hat laut Experten die militärische Zusammenarbeit zwischen der Hamas und der Hisbollah und der Hamas und dem Iran nie völlig aufgehört. Auf politischer Ebene war das Verhältnis in den vergangenen beiden Jahren jedoch sehr schlecht. Ein Tiefpunkt wurde 2013 anlässlich der Schlacht um Qusayr in Syrien an der libanesischen Grenze erreicht: Die Hisbollah, die Qusayr für Assad zurückeroberte, beschuldigte die Hamas, aufseiten der Aufständischen Material und Know-how einzusetzen, die sie von der Hisbollah erworben hätte. Dazu gehörten auch Attacken durch selbstgegrabene Tunnel wie jene aus dem Gazastreifen.

Man kann durchaus sagen, dass es der Hamas durch den Gaza-Konflikt wenigstens an dieser Front gelungen ist, sich ein wenig aus der Isolierung zu kämpfen. Nasrallah sagte in seiner Rede deutlich, dass der Moment gekommen sei, vergangene Differenzen beiseitezuschieben: Jetzt gehe es um den „Widerstand“ gegen Israel. Auch iranische Politiker sollen mit bereits Meshaal in Doha telefoniert haben, wozu gewiss die katarische Diplomatie beigetragen hat. Mit derartigen paradoxen politischen Resultaten ist Israel bei seinen Militäroffensiven immer wieder konfrontiert.

Assad not amused

Keine Freude mit der Verbesserung der Beziehungen zwischen der Hamas und der Hisbollah und dem Iran dürfte Bashar al-Assad in Damaskus haben. Assad hat sich laut Al-Monitor zum „Unterschied zwischen richtigen Widerstandskämpfern, die wir unterstützen, und Amateuren, die die Maske des Widerstands je nach Interessenlage (…) tragen“ geäußert. Es wird interessant sein, ob es die Hisbollah und der Iran bei dem Widerspruch zwischen der Realität in Syrien, wo der Hamas der Feind ist, und in Gaza, wo die Hamas der Verbündete gegen Israel ist, belassen oder ob der Versuch stattfinden wird, Hamas und Assad anzunähern. Das dürfte schwierig sein.

Denn nicht alles ändert sich durch den Gaza-Konflikt: Die Kluft zwischen Hamas, Katar, der Türkei auf der einen und Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten auf der anderen ist womöglich noch tiefer geworden. Sowohl in Hamas- als auch in Hisbollah-freundlichen Medien – und auch von Nasrallah selbst – wird immer wieder insinuiert, dass es eine direkte Zusammenarbeit zwischen Israel und den genannten Ländern gibt. Arabische Führer hätten Israels Premier Benjamin Netanjahu angerufen und ihn aufgefordert, der Hamas den Garaus zu machen. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 28.7.2014)

http://derstandard.at/2000003592325/Tauwetter-zwischen-Hisbollah-und-Hamas?_blogGroup=1

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