Stephan Hessel forderte uns auf, dass wir uns empören und engagieren, weil all das, was nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht worden ist, jetzt gefährdet ist! 1945 standen die Vereinigten Staaten einmal für Menschenrechte! Unsere Medien werben heute um die Unterstützung der USA, obwohl die USA nach dem Tod Roosevelts diese Werte schnell nach 1945 verlassen haben und seither vor allem auf Gewalt setzen und nicht mehr auf das Gewalt- und Kriegsverbot der UNO-Charta! Die USA war führend darin im Zweiten Weltkrieg unter Franklin und Eleonor Roosevelt und Henry Wallace, eine Nachkriegs-Weltordnung auf den Weg zu bringen, die Frieden sichert und Menschenrechte für alle! Doch diese Strömung in der US-Politik hat schon zum Kriegsende vor allem in der US-Elite die Unterstützung verloren und ist dann auch in der amerikanischen Gesellschaft (vor allem in der Mc Carthy-Erea) zurückgedrängt worden! Wer heute für diese in den Dokumenten der Anti-Hitler-Koalition, dann 1945 in der UNO Charta und 1948 in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (gedacht als globale Verfassung) steht, muss sich scharf gegen die US-Politik wenden, denn die gefährdet, ja zerstört alles, was die Welt nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut hat an internationaler Ordnung! Wer eine Wertegemeinschaft will im Sinne der UNO-Charta und der Menschenrechtserklärung kann nicht mehr vor allem auf die USA bauen, wohl aber auf Bürger in den USA, wie auf Bürger überall in der Welt!

Artikel folgt bald!

Schon mal der Zeitzeuge Stephan Hessel:

http://videos.arte.tv/de/videos/stephane-hessel-2008–7354364.html

“Eine mächtige Lüge”

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wird 50. Grund zum Feiern? Ein ZEIT-Gespräch mit dem französischen Diplomaten Stéphane Hessel VON STZ/CW, CONSTANZE STELZENMÜLLER UND CHRISTIAN WERNICKE

DIE ZEIT: Botschafter Hessel, Sie waren als junger Diplomat dabei, als die gerade gegründeten Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechteberieten. Darin heißt es, die “Verkennung und Mißachtung der Menschenrechte” führten zu “Akten der Barbarei, die das Gewissen der Menschheit tief verletzt haben”. Heute, 50 Jahre danach, haben die obersten Richter Großbritanniens entschieden, Chiles Exdiktator Augusto Pinochet wegen der unter seiner Führung begangenen Akte der Barbarei an Spanien auszuliefern. Ein später Sieg für Ihre Sache?

STÉPHANE HESSEL: Aber ja! Stellen Sie sich bitte vor: Als wir unsere Beratungen 1946 – ich war fast 30, also schon ein älterer junger Mann – begannen, wollten wir viel mehr als nur eine rechtlich unverbindliche Erklärung: Wir wollten einen völkerrechtlich verpflichtenden Vertrag, mitsamt einem Weltgericht. Doch dann hat es mit den beiden UN-Menschenrechtspakten 18 Jahre gedauert; und es brauchte weitere zehn, bis sie in Kraft waren. Seit 1993 und 1994 existieren die Kriegsverbrechertribunale für Jugoslawien und Ruanda. Und seit Juli gibt es immerhin ein Statut für einen Internationalen Strafgerichtshof, wenn es auch noch lange dauern wird, bis er mit der Arbeit beginnen kann. Daß Pinochet in Londonfestgehalten wurde, obwohl es dieses Weltgericht noch nicht gibt, ist also ein enormes Symbol. Die Welt findet es skandalös, daß so ein Mensch überhaupt sein Land verlassen kann, ohne sofort die Verhaftung fürchten zu müssen.

HESSEL: Zugegeben, es gab zwischen 1948 und 1989 eine lange Durststrecke. Da hieß es: Wir müssen das Mögliche tun, aber es gibt eine Grenze, die wir nicht überschreiten können. Jetzt aber hat sich die Überzeugung durchgesetzt, besonders bei den Jungen: Die Sprache der Menschenrechte ist die Sprache des neuen Jahrhunderts – und das hat für mich 1989, mit dem Fall der Mauer und dem Ende des Kalten Krieges, begonnen. Heute weiß die Öffentlichkeit immer mehr darüber, wie und wo Menschenrechte weltweit vergewaltigt werden. Und sie fühlt sich verantwortlich dafür.

ZEIT: Spielte dieses Gefühl weltweiter Verantwortung nicht schon vor 50 Jahren eine Rolle?

HESSEL: Der Schock von 1945 war enorm. Das war etwas anderes als, sagen wir, 1918. Der Erste Weltkrieg stellte sich als ein Konflikt zwischen Mächten dar, die derselben Zivilisation entstammten. Das Wilhelminische Deutschland war ja nicht so verschieden von Frankreich oder England. Der eine hatte verloren, die anderen gewonnen. 1945 dagegen sind wir alle einer Bedrohung für unsere Menschlichkeit entronnen. Deshalb wollte meine ganze Generation den Sieg von 1945 begreifen als eine Verantwortung – auch für die Zukunft.

ZEIT: Sie agierten im Widerstand gegen die Okkupationsherrschaft der Nazis, denen Sie – der gebürtige Berliner und naturalisierte Franzose – als Halbjude galten. Sie wurden von der Gestapo gefoltert und haben die Konzentrationslager Buchenwald und Dora überlebt. Warum sollte ein Opfer Verantwortung für die Verbrechen der Täter fühlen?

HESSEL: Ich war ein Opfer – aber eines, das entkommen ist. Man hat mich ein bißchen gefoltert, aber das hat meine Identität nicht zerstört.

HESSEL: Das war eine Erweiterung meines Bewußtseins. Wäre ich nicht in Buchenwald oder Dora gewesen, hätte ich vielleicht das Entsetzliche dieser Verbrechen nicht begriffen. Ich aber habe den Horror – wie sagt man? – angepackt.

ZEIT: Der Hinrichtung im KZ sind Sie nur entkommen, weil Sie die Identität eines Toten annahmen. Später schrieben Sie: “Dieses neu geschenkte Leben galt es sinnvoll zu nutzen.”

HESSEL: Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt; manches war auch reiner Zufall. Sehen Sie, eigentlich wollte ich im Oktober 1945 als junger französischer Diplomat gar nicht zur Uno. Meine drei Vorgänger im Auswahlverfahren hatten sich für Moskau, London und Washington entschieden. Für mich blieb China. Doch auf einem Zwischenstopp in New York traf ich Henri Laugier, Frankreichs obersten Beamten bei den neugegründeten Vereinten Nationen. Er suchte einen Mitarbeiter. Mein Schwiegervater, sein Freund, wollte seine Tochter lieber in New York als in Tschungking wissen und schlug mich vor. So blieb ich da – gerade als die Beratungen über die Menschenrechtserklärung begannen.

ZEIT: Die Vereinten Nationen waren also selbst für einen jungen, idealistischen Diplomaten wie Sie keine Wunschadresse, sondern eher ein Seitensprung in der Karriere.

HESSEL: Es war kein richtiger Posten, es gab ja die Uno als Organisation gerade sechs Monate. Es konnte sich auch niemand so recht vorstellen, was daraus werden könnte. Doch mir wurde schon nach zwei, drei Monaten klar, daß ich lieber internationaler Beamter sein wollte als Diplomat. So blieb ich dann fünf Jahre. Und in China bin ich – leider – bis heute noch nicht gewesen!

ZEIT: Die Arbeit an einem universalen Menschenrechtskatalog oblag einer achtköpfigen internationalen Kommission. Wie war das Zusammenspiel der Kulturen, worüber stritt man sich?

HESSEL: Meine Rolle war eine ganz bescheidene, organisatorische. Aber es war spannend dabeizusitzen, wenn diese acht – später waren es zwölf, dann 18 – Experten den Text diskutierten. Die erste Streitfrage hieß: Wollen wir nur eine Erklärung oder einen richtigen Vertrag?

ZEIT: Die Staaten, die Regierungen, wollten sich nicht völkerrechtlich verpflichtende Fesseln anlegen lassen?

HESSEL: Genau, deshalb blieb es auch bei einer Erklärung. Außerdem stritt man sich, ob die Erklärung “international” oder “universal” sein sollte. Der Franzose René Cassin hat die letztere Formulierung durchgesetzt – auf deutsch wird sie leider falsch mit “allgemein” übersetzt. Aber der größte Streit bestand zwischen dem Westen, der die bürgerlichen und politischen Rechte hochhielt, und dem Osten, der auf wirtschaftliche und soziale Rechte pochte.

HESSEL: Vergessen Sie nicht: In der Uno saßen damals nur 51 – bei der Abstimmung zwei Jahre später waren es 56 – Staaten. Es gab nur einen einzigen afrikanischen Mitgliedstaat, Äthiopien. Die Entkolonialisierung hatte nicht einmal begonnen, auch die “Feindstaaten” Italien, Japan und Deutschland wurden erst viel später Mitglieder. Und der einzige Araber in der Menschenrechtskommission war ein libanesischer Christ, der in Paris studiert hatte und erlesenes Französisch sprach. Es gab jedoch auch nichteuropäische Einflüsse. Vom chinesischen Juristen P. C. Chang etwa stammt die Betonung des “Gewissens” als treibende Kraft für den Schutz der Menschenrechte. Und die Lateinamerikaner legten großen Wert auf den Schutz der Souveränität des Staates …

ZEIT: … weil sie als Hinterhof der USA Washingtons Einmischungen fürchteten …

HESSEL: Ja. Aber aus ihren katholischen Kulturen gelangte auch ein zentrales Konzept in die Erklärung: die Menschenwürde.

ZEIT: Von wo es in die Präambel des deutschen Grundgesetzes übernommen wurde.

HESSEL: Wie später überhaupt die Menschenrechtserklärung für viele Verfassungen der Nachkriegszeit Pate stand. Das wirkt bis heute fort.

ZEIT: Haben auch einzelne Personen der Erklärung ihren Stempel aufgeprägt?

HESSEL: O ja. Neben Cassin waren dies vor allem der Kanadier John Humphrey – und die Vorsitzende Eleanor Roosevelt, Witwe des amerikanischen Präsidenten. Die Kommissionsmitglieder waren zwar als unabhängige Experten entsandt worden, aber natürlich mußten sie Rücksichten nehmen. Cassin und sein britischer Kollege durften den Status der Kolonien nicht anrühren. Und genauso wollte Madame Roosevelt nicht zuviel über Bildung und Soziales in der Erklärung sehen, weil das nach amerikanischem Denken den Staat nichts angeht. Aber sie hat so manche Anweisung still beiseite gelegt. Und sie hatte sowohl die Autorität als auch den Charme, um den Herren immer wieder zu sagen: Genug diskutiert – jetzt stimmt es!

ZEIT: Humphrey hat einmal fast die Sache zum Scheitern gebracht, als er öffentlich erklärte: Was wir hier tun, ist etwas Revolutionäres!

HESSEL: Nun, es gab da einen Generationenkonflikt. Die weisen Älteren, die den Ersten Weltkrieg und die Völkerbundzeit miterlebt hatten, mahnten immer: Vorsicht, wir dürfen den Regierungen nicht zuviel zumuten. Wir Jungen dagegen – und dazu gehörte Humphrey – waren leidenschaftlich davon überzeugt, es gelte, eine neue Welt aufzubauen. Also: Revolution!

ZEIT: Hatten Sie je das Gefühl: Die Chance des Augenblicks kann vorübergehen – die Zeit drängt?

HESSEL: Wir waren ja nicht naiv, wir wußten: Die große Freundschaft zwischen Amerika und der Sowjetunion würde nicht ewig halten. Es sah schon brenzlig aus, und das haben wir alle gespürt. Bei allen Meinungsverschiedenheiten zwischen Ost und West, Alt und Jung: Jedesmal, wenn ein neuer Artikel formuliert war, waren wir erleichtert – wieder eine Schwelle überschritten! Und wenn man jetzt den Text liest – 30 Artikel sind es -, staunt man, wie klar und kompromißlos er ist.

ZEIT: Also tatsächlich eine Revolution?

HESSEL: Kein Zweifel, die Unterzeichnung dieser Resolution am 10. Dezember 1948, hier in Paris, ist der Moment des 20. Jahrhunderts. Ohne den Schock des Holocaust wäre er nicht möglich gewesen. Da haben wir dem Herrn Hitler schon viel zu verdanken.

ZEIT: Uns fielen da noch einige andere Daten ein. Warum ausgerechnet dieser Tag?

HESSEL: Weil er ein historischer Wendepunkt war. Als der Krieg zu Ende war, dachten wir: Entweder geht jetzt die Welt unter, oder es kommt etwas ganz Neues. Und was war dieses Neue? Es war der Sieg einer neuen, anderen Vision des Menschen und der Gesellschaft. Für Ihre Ge- neration sind Menschenrechte und rechtsstaatliche Demokratie selbstverständlich. Aber als ich jung war, galt Demokratie als eine Regierungsform unter vielen, und die Menschenrechte galten als eine Fußnote in der Geschichte der Französischen Revolution. Seit dem 10. Dezember 1948 steht fest: Nur noch solche Staaten und Regierungen sind legitim, die ihre Herrschaft vom Schutz der dignité, der Menschenwürde, ableiten. Seither ist alles anders.

ZEIT: Ist das nicht zuviel des Optimismus?

HESSEL: Ich bin ein Optimist, ja – aber kein dummer Optimist. Wir wußten wohl, daß es viele Jahre dauern würde, um diese Rechte durchzusetzen. Aber mit der Erklärung von 1948 hatte die Welt endlich einen Maßstab bekommen für das Unrecht – und eine Richtlinie für die Zukunft.

ZEIT: Heute zählt die Uno 185 Mitgliedstaaten: Die meisten sind Exkolonien oder Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, sie beherbergen die Hälfte der Erdbevölkerung. Ist die Menschenrechtserklärung für sie überhaupt noch aktuell?

HESSEL: Das ist eine berechtigte Frage. Aber bedenken Sie, was alles seitdem geschehen ist: Die beiden Menschenrechtspakte von 1966 wurden von mehr als zwei Dritteln aller Staaten ratifiziert. Und auf der Menschenrechtskonferenz von Wien im Jahre 1993 – da war ich der Leiter der französischen Delegation – haben sich fast alle Mitgliedstaaten der Uno zur Universalität der Menschenrechte bekannt.

ZEIT: Was antworten Sie Kritikern wie Lee Kuan Yew aus Singapur, die der Erklärung vorwerfen, sie verkörpere ein westlich-individualistisches Menschenbild und leugne die Unterschiede der Kulturen?

HESSEL: Aber das macht sie doch gerade universal: daß das Individuum im Vordergrund steht und nicht seine Bindung an Familie, Clan, Ethnie oder Staat. Die Lee Kuan Yews reden über sich selbst, nicht über ihre Völker oder gar ihre Bürger. Wer heute über die Welt redet, spricht die Sprache der Menschenrechte. Übrigens: Schon vor 50 Jahren hat jeder von uns seine jeweiligen Traditionen verteidigt und eingebracht. Doch vor allem ging es uns um das Gemeinsame.

ZEIT: Eine Art Weltkultur?

http://www.zeit.de/1998/51/199851.hessel__.xml

“Sie steht da als ein Monument”

Stephane Hessel über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vor 60 Jahren

Stephane Hessel im Gespräch mit Leonie March

Flüchtlinge im Kongo
Flüchtlinge im Kongo (AP)

Der ehemalige französische Sonderbotschafter Stephane Hessel hat die Bedeutung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hervorgehoben. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sei es von großer Wichtigkeit gewesen, zu zeigen, “dass der Mensch nicht nur die Bosheit in sich hat, sondern auch die Güte und die Großherzigkeit”, sagte der Mitverfasser der Erklärung.

Leonie March: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. So beginnt der Artikel 1 der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Sie ist die Grundlage des humanitären Völkerrechts, sie gilt universell. Heute vor 60 Jahren ist sie von der Generalversammlung der gerade erst gegründeten Vereinten Nationen in Paris verabschiedet worden. Als junger Diplomat war damals Stephane Hessel an den Beratungen beteiligt. Der französische Sonderbotschafter ist einer der Verfasser der Erklärung. – Guten Morgen, Herr Hessel.

Stephane Hessel: Guten Morgen.

March: Mit welchen Gefühlen blicken Sie heute am Jubiläum zurück auf diesen bedeutenden Tag?

Hessel: Mit dem Gefühl, dass wir damals etwas leisten konnten, was uns eine neue Grundlage für die Wahrung der Grundlagen des 20. und 21 Jahrhunderts bieteten. Wie Sie hören ist meine Stimme sehr schwach, aber ich wollte doch dem deutschen Publikum sagen, wie wichtig es für uns alle ist, dass Deutschland gerade dieses Jahrhundert so überwunden hat, dass es nicht nur die Schrecken des Nazismus gekannt hat, sondern auch die Schwierigkeit einer Kultur, wo zwei Deutschlands gegeneinander standen. Und das haben die Deutschen jetzt auch überwunden, sodass für uns dieses Datum des 60. Jahrestages ein sehr positives ist. Wir haben jetzt die Möglichkeit, für Europa dazustehen. Ich war vor zwei Wochen in Nürnberg und vor einer Woche in Weimar und es ist so gut, dass jetzt die Deutschen gerade das Gefühl haben, dass diese Errungenschaften der Menschen, die vor 60 Jahren geboren worden sind, heute noch unbedingt gültig sind, wenn sie auch in mehreren Fällen nicht genügend aufgebracht sind.

March: 1948 stand die Welt ja unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. In der Präambel der Erklärung wird an die Akte der Barbarei erinnert. Welche Vision haben Sie damals mit den anderen Verfassern verfolgt?

Hessel: Es ging darum, dass der Mensch nicht nur die Bosheit in sich hat, sondern auch die Güte und die Großherzigkeit, und dass gerade diese Bestandteile der menschlichen Seele ihren Platz jetzt finden. Das ist uns noch heute so wichtig. Wenn wir das vergessen, wenn wir nur daran denken, die Menschen sind dazu gemacht, dass sie nur ökonomische oder finanzielle Fortschritte machen, dann vergeht etwas, was gerade in der deutschen Dichtung bei Hölderlin, bei Rilke so wichtig vorhanden ist und wofür wir die großen kategorischen Imperative von Emanuel Kant immer mit uns tragen sollen.

March: Sie selbst, Herr Hessel, waren ja ein Mitglied der Resistance. Sie wurden gefoltert und in Konzentrationslager deportiert. Später haben Sie geschrieben, dass Sie Ihr neu geschenktes Leben sinnvoll nutzen wollten. War die Erklärung der Menschenrechte dazu der Schlüssel?

Hessel: Bestimmt! Ja, Sie haben ganz Recht. Das war ein Schlüssel, ein Schlüssel und ein Programm. Denn was in der allgemeinen Erklärung steht, ist natürlich noch nicht errungen, aber es ist das Programm, zu dem wir uns verpflichtet haben, und das ist das, was uns jetzt noch immer trägt.

March: Herr Hessel, ich möchte Ihre Stimme nicht unnötig strapazieren, aber eine Frage würde ich Ihnen gerne noch stellen. Noch immer werden täglich Menschenrechte verletzt. Die Welt hat sich seit der Verabschiedung der Erklärung vor 60 Jahren verändert und nicht nur zum besseren. Muss die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 deshalb erweitert werden?

Hessel: Sie selbst kann nicht mehr erweitert werden, denn sie steht da als ein Monument. Aber was wir nicht erreicht haben, muss jetzt in neuen Texten und neuen Institutionen vor allem für die Umwelt, die damals noch nicht betrachtet wurde, gestaltet werden. Das ist jetzt das wichtigste, was wir zu tun haben.

March: Stephane Hessel war das, live und sehr erkältet aus Paris. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch.

Hessel: Bitte schön.

March: Der französische Sonderbotschafter ist einer der Verfasser der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Das Gespräch mit Stephane Hessel können Sie bis zum 10. Mai 2009 in unserem Audio-on-Demand-Angebot nachhören. MP3-Audio

http://www.deutschlandradiokultur.de/sie-steht-da-als-ein-monument.1008.de.html?dram:article_id=162266

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