Rechte Gewalt in Israel: Prügel und Todesdrohungen – Seit Wochen herrscht in Israel die Angst davor, sich als Linker oder Linke zu bekennen. Es gibt in Israel eine wachsende Zahl gewaltbereiter Rechtsradikaler. Es sind längst nicht mehr nur die illegalen Siedler oder die Orthodoxen, die bereit sind, ihre Ideologie in Aggressivität umschlagen zu lassen. Jetzt erreichen diese Aggressionen einen neuen Höhepunkt. Seit der neue Gaza-Krieg begonnen hat, wurden in Haifa und Tel Aviv Teilnehmer von Antikriegsdemonstrationen zusammengeschlagen. Passanten wurden nach ihrer politischen Meinung gefragt und bei nicht gefallender Rückmeldung ebenfalls geschlagen. Viele linksstehende Israelis erwachen jetzt in einer Wirklichkeit, vor der sie immer gewarnt, an deren Kommen sie jedoch nie wirklich geglaubt haben.

Rechte Gewalt in Israel: Prügel und Todesdrohungen

Die Radikalisierung des Nahen Ostens hat inzwischen auch die israelische Gesellschaft erfasst. Rechte Krawallmacher treten immer aggressiver auf und werden gegenüber linken Israelis gewalttätig.

29.07.2014, von ALEXANDRA BELOPOLSKY

© FAZ.NETVergrößernDer rechte israelische Rapper Yoav Eliassi macht keinen Hehl aus seiner militanten Gesinnung.

Seit Wochen herrscht in Israel die Angst davor, sich als Linker oder Linke zu bekennen. Es gibt in Israel eine wachsende Zahl gewaltbereiter Rechtsradikaler. Es sind längst nicht mehr nur die illegalen Siedler oder die Orthodoxen, die bereit sind, ihre Ideologie in Aggressivität umschlagen zu lassen. Jetzt erreichen diese Aggressionen einen neuen Höhepunkt. Seit der neue Gaza-Krieg begonnen hat, wurden in Haifa und Tel Aviv Teilnehmer von Antikriegsdemonstrationen zusammengeschlagen.

Passanten wurden nach ihrer politischen Meinung gefragt und bei nicht gefallender Rückmeldung ebenfalls geschlagen. In Haifa wurden bis spät in die Nacht lautstarke Parolen wie „Tod den Arabern“ skandiert. Ein Bus mit linken Demonstranten wurde mit Steinen beworfen. Man hört einen Bericht, den man kaum glauben will: Einem Verletzten wurde in den Krankenwagen noch „Jude oder Araber?“ nachgerufen.

„Good night, left side“

Am 12. Juli wurden in Tel Aviv linke Demonstranten zum ersten Mal brutal verprügelt. Ein Café, in das einige von ihnen flüchteten, wurde demoliert. Drei Demonstranten mussten ins Krankenhaus. Als einer von ihnen Tage danach in das beschädigte Café zurückkehrte, um sich bei dem Besitzer für die Schäden zu entschuldigen, wurde er von einem Besucher gleich noch einmal verprügelt. Das Opfer möchte nicht, dass sein Name und der des Cafés publik werden – aus Angst um seine Familie.

Diese Attacken sind geplant. Der rechte Rapper Yoav „HaZel“ (Der Schatten) Eliassi hatte auf seiner Facebook-Seite die linke Demonstration angekündigt und eine Gegenkundgebung gefordert. In Kommentaren ließen seine Anhänger keinen Zweifel daran, was sie vorhatten. Sie stellten sich den linken Demonstranten entgegen. Neben israelischen Fahnen waren auch Trikots mit einer neuen Version des Logos „Good night, left side“ zu sehen. Die Satire auf „Good night, white pride“ war mit einem Davidstern versehen.

Die rechten Demonstranten bespuckten die linken Protestierer, bewarfen sie mit Eiern und beschimpften sie, unter anderem mit Sprüchen wie „Mörder“ und „Schelly Dadons Blut klebt an deinen Händen“ (die junge Schelly Dadon war von einem arabischen Taxifahrer ermordet worden). Dazu gab es Todesflüche und Vergewaltigungsdrohungen. Die spärlich vertretene Polizei konnte die beiden Gruppen nicht trennen.

Ideologischer Kampf gegen Menschenrechtsorganisationen

Am Morgen danach bedankte sich Eliassi auf Facebook bei seinen Anhängern und den Gruppen, aus denen die Angreifer gekommen waren. Meist kennt man sie. Sie gehören etwa zu Kahane Chai („Kahane lebt“), einer Nachfolgeorganisation von „Kach“, der extremistischen Partei von Meir Kahane. 1988 wurde „Kach“ wegen Anstiftung zum Rassismus vom Wahlkampf ausgeschlossen. 1994 verübte das „Kach“-Mitglied Baruch Goldstein ein Attentat auf betende Muslime in der Grotte der Patriarchen in Hebron, bei dem 29 Menschen starben und 150 verletzt wurden. Daraufhin wurde „Kach“ von Israel und Kanada, später auch von der EU und den Vereinigten Staaten als Terrororganisation eingestuft.

Fans des Fußballclubs Beitar Jerusalem griffen 2012 arabische Besucher in einem Jerusalemer Einkaufszentrum an und beschimpften 2013 den Einsatz zweier muslimischer Spieler mit der Parole „Beitar bleibt rein“. Eine weitere Gruppierung ist „Lehava“ (Flamme), deren Namen auf Hebräisch als Akronym für „Prävention von Rassenmischung im Heiligen Land“ steht und die sich das Ziel setzt, „Mädchen aus dem israelischen Volk zu retten, die zu einer Beziehung mit einem Goj verführt wurden“.

Der von ihnen verbreitete Sticker „Araber! Wage es nicht, an eine Jüdin zu denken!“ bietet eine bündige Formulierung ihrer Ziele und Methoden. Wenn die Frauen den Drohungen nicht folgten, gibt der „Lehava“-Chef Ben-Zion (Benzi) Gopstein zu, „stehen sie bei uns auf der Liste, und alle paar Monate rufen wir sie an, um zu sehen, ob sich etwas verändert hat“. Es gibt auch noch „Im Tirzu“, eine Gruppe, die sich dem ideologischen Kampf gegen israelische Menschenrechtsorganisationen und linke Professoren widmet. Nach einem Gerichtsurteil aus dem vergangenen Jahr darf „Im Tirzu“ faschistisch genannt werden.

Die Warnung wird zur Wirklichkeit

Man hat diese Gruppen bisher für vereinzelte, wenn auch nicht ungefährliche Zellen gehalten. Zwar ist seit längerem zu spüren, dass die Volksmeinung immer stärker nach rechts neigt, dass die verbale Gewalt in den Online-Kommentaren brutaler wird. Man wusste auch, dass es bei linken Kundgebungen immer Gegendemonstranten gibt, die gewalttätig werden können.

Aber man konnte, man wollte sich nicht vorstellen, dass die rechtsextremen Krawallmacher mehr sind als eine dumpfe Minderheit, die wegen ihrer Lautstärke bedeutsamer wirkt, als sie in Wirklichkeit ist. Man konnte oder wollte sich nicht vorstellen, wie viele solcher Radikalen es wirklich gibt. Vor allem konnte man sich nicht vorstellen, dass sie einmal zusammenarbeiten würden.

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Diese Illusion dürfte seit dem Tag, als der Mob das Café demolierte, zerstoben sein. Eliassi, gegen den immer noch kein Verfahren eingeleitet wurde, bezeichnete die Täter als „Löwen des Schattens“. Später veröffentlichte er eine Kolumne auf einer Nachrichtenseite, in der er von mehr als zehntausend die Aktion befürwortenden Schreiben von israelischen Soldaten berichtete und versprach, „nicht aufzuhören“.

Seither mehren sich Drohungen gegen linke Aktivisten und ihre Familien – Facebook macht es einfach. Die „Löwen“ haben ihre eigene Website und sind dabei, Filialen überall im Land zu gründen. Der „Haaretz“-Journalist Gideon Levi bekam nach einem kritischen Artikel so viele Morddrohungen, dass ihm die Zeitung einen Leibwächter zur Seite stellte. Ein Video zeigt, wie Eliassi und zwei weitere Männer Levi auf der Straße verfolgen, ihn bedrohen und beschimpfen. Viele linksstehende Israelis erwachen jetzt in einer Wirklichkeit, vor der sie immer gewarnt, an deren Kommen sie jedoch nie wirklich geglaubt haben.

 

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