Die Prinzipien der Kriegspropaganda: Schuld am Krieg sind immer die anderen, und die Gründe für einen Waffengang werden meistens so frisiert, dass der Waffengang als moralisch unausweichlich erscheinen kann. Über Gewinne und Verluste dagegen wird sich gerne ausgeschwiegen. Menschliche Opfer werden begrifflich als Kollateralschäden noch einmal ausradiert. Nach welchen Prinzipien funktioniert eigentlich diese Kriegspropaganda hat sich die belgische Historikerin Anne Morelli gefragt und darüber ein Buch geschrieben. Lüge in Kriegszeiten: Am Beispiel des Ersten Weltkriegs formulierte Arthur Ponsonby 1928 die Strukturgesetze der Kriegspropaganda – sie gelten, wie die aktuelle Berichterstattung über die Ukraine zeigt, noch immer – „Wir wollen den Krieg nicht. Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung. Der Führer des Gegners ist ein Teufel. Wir kämpfen für eine gute Sache. Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen. Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm. Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache. Unsere Mission ist heilig. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.“ In ihrem Buch über „Die Prinzipien der Kriegspropaganda“ (Präzisionsschläge sorgen für Kollateralschaden) hat die Historikerin Anne Morelli 2004 diese von Ponsonby definierten Prinzipien auf ihre Gültigkeit abgeklopft und vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Kriegen in Jugoslawien und Irak zahlreiche Belege dafür gefunden: Wir schenken heute Lügenmärchen genauso Glauben wie die Generationen vor uns. Als die USA sich 1990 anschickten, den Irak militärisch aus Kuwait zu vertreiben, vermutete Noam Chomsky, dass sämtliche offiziellen Rechtfertigungen für den Einsatz selbst von einem Teenager in zwei Minuten widerlegt werden könnten. Der Krieg aber fand statt und kostete vielen das Leben!

Anne Morelli: Die Prinzipien der Kriegspropaganda.

Verlag zu Klampen, Springe 2004, 156 Seiten, 14,– Euro.

Von Jochen Stöckmann

Bewohner Mönchengladbachs durchsuchen die Trümmer nach einem Bombenangriff nach Brennmaterial, 3.4.1945

Bewohner Mönchengladbachs durchsuchen die Trümmer nach einem Bombenangriff nach Brennmaterial, 3.4.1945 (AP-Archiv)

<strong>Schuld am Krieg sind immer die anderen, und die Gründe für einen Waffengang werden meistens so frisiert, dass der Waffengang als moralisch unausweichlich erscheinen kann. Über Gewinne und Verluste dagegen wird sich gerne ausgeschwiegen. Menschliche Opfer werden begrifflich als Kollateralschäden noch einmal ausradiert. Nach welchen Prinzipien funktioniert eigentlich diese Kriegspropaganda hat sich die belgische Historikerin Anne Morelli gefragt und darüber ein Buch geschrieben. </strong>

Schlechte Aussichten für Aufklärer, das könnte ein Fazit der Lektüre sein. Denn in den vergangenen hundert Jahren glich nicht nur ein Krieg dem nächsten, auch die Propaganda wurde austauschbar – und übermächtig. So sieht es Anne Morelli, und die Brüsseler Geschichtsprofessorin beruft sich dabei auf den Baron Arthur Ponsonby, einen englischen Diplomaten, der bereits nach dem Ersten Weltkrieg jene zehn „Prinzipien der Kriegspropaganda“ analysierte, die ihre Gültigkeit bis heute nicht verloren haben sollen:

1. Wir wollen den Krieg nicht
2. Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung
3. Der Führer des Gegners ist ein Teufel
4. Wir kämpfen für eine gute Sache
5. Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen
6. Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich
7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm
8. Künstler und Intellektuellen unterstützen unsere Sache
9. Unsere Mission ist heilig
10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

Auf den ersten Blick scheint es tatsächlich frappierende Übereinstimmungen zu geben zwischen der propagandistischen Begleitmusik des Ersten Weltkriegs, der mit großen Worten und Verweis auf ein drohendes „Auschwitz“ betriebenen Einstimmung auf die NATO-Bombardements gegen Serbien oder einer als Nachrichtensendung kaschierten massiven TV-Reklame für die beiden Golfkriege als Mission einer weltumspannenden „Demokratie“-Bewegung. Aber stutzig macht, dass all dies im luftleeren Raum verhandelt wird, dass Morelli nicht schildert, wie denn nun die Zahnräder der Medien ineinander greifen, nicht die Mechanismen und Details recherchiert, sondern ausschließlich mit Zitaten argumentiert, ihre Kritik also auf die Produkte der Propaganda stützt. Diese Art oberflächlicher Medienkritik aber ist längst zum festen Bestandteil der Infotainment-Maschinerie geworden. Dem derart „aufgeklärten“, tatsächlich aber wohl eher abgebrühten Zeitgenossen gilt jede nicht explizit pazifistisch grundierte Kriegsberichterstattung als Propaganda. Unter diesem Blickwinkel betrachtet auch Moretti die Geschichte der Propaganda – und das führt zu einem verwirrend bunten Reigen anachronistischer Gleichsetzungen, der mit folgendem Beispiel eröffnet wird:

n alten Wochenschauen kann man sehen, dass der japanische Admiral Tojo und der amerikanische Präsident Roosevelt nach der Kriegserklärung der USA an Japan im Dezember 1941 fast wortwörtlich dieselben Floskeln benutzen. Beide bezeichnen sich als pazifistisch und betonen, sie seien gegen den Krieg.

Damals wie heute gelten Morelli nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten durch die Bank als verschlagene PR-Manager, deren Geschäft eine mit Friedensphrasen bemäntelte Kriegstreiberei sei. Einzige Ausnahme: ihr Gewährsmann Ponsonby. Als wahrhafter Exzentriker wusste dieser Diplomat stets Abstand zu wahren. 1914 trat der Adlige in die Labour Party ein – um sie dann 1940 unter Protest wieder zu verlassen, weil auch die Arbeiterbewegung für den Krieg gegen Hitler-Deutschland stimmte. Indem sie mit ihrer Hommage an Ponsonby auch dessen moralisch erhabene Sicht aufs Weltgeschehen übernimmt, begibt sich die Historikerin Morelli vieler Möglichkeiten – erspart sich mit Ponsonbys Zehn-Punkte-Raster aber auch so manche Frage. Fraglich aber bleibt, ob etwa ein umstandsloser Vergleich der Propaganda imperialistischer Rivalen im Ersten Weltkrieg mit den Aufrufen des halbwegs demokratischen Bündnisses gegen die faschistischen Achsenmächte zulässig ist.

Bei Morelli jedoch geht es nicht um politische Hintergründe, sondern um Personen – und deren durchweg böse Absichten. Von Franklin D. Roosevelt über den Nazi-Außenminister Ribbentrop bis hin zum NATO-Sprecher Jamie Shea, stets macht diese Historikerin Propaganda aus, sieht Zyniker der Macht am Drücker der öffentlichen Meinung. Aber die Auswahl der Nachrichten in unserer „Informationsgesellschaft“ geschieht zumeist gedankenlos, selten parteilich und in bewusster Absicht. Und sie wird vollzogen durch ein Heer anonymer Journalisten, deren grundlegend gewandelte Arbeitsbedingungen einer soziologisch-empirische Erhebung zu unterziehen wären. Dann nämlich ließe sich klären, auf welch verschlungenen Wegen so manches Zitat zustande kam, das Morelli ohne irgendwelche professionellen Zweifel als historisches Faktum präsentiert. Zum Beispiel jene Äußerung, die der US-Präsident Theodore Roosevelt im Ersten Weltkrieg getan haben soll:

„Jeder, der direkt oder indirekt seine Sympathie für Deutschland zum Ausdruck bringt, muss verhaftet, erschossen, gehängt oder für den Rest seines Lebens hinter Gitter gebracht werden.

Das stammt aus einem Buch von 1922 – in Rom, Paris und Genf erschienen. Dessen Autor, Georges Demartial, zitierte damals die französische Zeitung „Le Matin“, die sich ihrerseits auf eine – auch von Morelli nicht näher nachgewiesene – Ausgabe des „Kansas City Star“ berief. Statt nun diese unübersichtliche Lage erst einmal aufzuklären, empfiehlt Morelli ihren Lesern allzu pauschal den „systematischen Zweifel“ als „Gegengift“. Dessen Wirksamkeit aber dürfte bald erschöpft sein, sieht doch die Historikerin nahezu jede Nachricht verseucht vom „Gift der täglichen Gesinnungsprodukte“.

Jochen Stöckmann war das über Anne Morelli: Die Prinzipen der Kriegspropaganda, erschienen beim Verlag zu Klampen. 156 Seiten hat der Band und kostet 14 Euro.

http://www.deutschlandfunk.de/anne-morelli-die-prinzipien-der-kriegspropaganda.730.de.html?dram:article_id=102366

Lars Klein, DFG-Graduiertenkolleg Generationengeschichte, Georg-August-Universität Göttingen
E-Mail: <lklein@uni-goettingen.de>

Als die USA sich 1990 anschickten, den Irak militärisch aus Kuwait zu vertreiben, vermutete Noam Chomsky, dass sämtliche offiziellen Rechtfertigungen für den Einsatz selbst von einem Teenager in zwei Minuten widerlegt werden könnten.[1] Während Chomsky sich in diesem Fall aber wie gewohnt darauf beschränkte, Manipulationen der amerikanischen Seite anzuprangern, will Anne Morelli in ihrer Studie zeigen, dass sich bei internationalen Konflikten alle Seiten propagandistischer Methoden bedienen. Die Professorin für Historische Quellenkritik an der Université libre in Brüssel sucht, so erläutert sie im Vorwort, nach einer anschaulichen Beschreibung der diesem Phänomen zugrunde liegenden Prinzipien und will deren Mechanismen ausleuchten. So bietet ihr Buch eine Sammlung zahlreiche Beispiele für erfolgreiche Kriegspropaganda vom Ersten Weltkrieg bis zum Irak-Krieg des Jahres 2003.

Dass Propaganda immer wieder denselben Regeln folgt, will Morelli schon durch einen expliziten Rückgriff auf Arthur Ponsonby verdeutlichen, der 1928 mit „Falsehood in War-Time“ eine Sammlung der Propaganda des Ersten Weltkrieges veröffentlichte.[2] Ponsonby, Gegner einer britischen Beteiligung an den Weltkriegen und Mitglied des Oberhauses, untertitelte sein Buch markant mit „Assortment of Lies Circulated Throughout the Nations During the Great War“. Die von Morelli als „Gebote“ bezeichneten Prinzipien der Kriegspropaganda sind direkt von Posonby abgeleitet und bilden den Rahmen für ihr Buch. Demzufolge funktionieren offizielle Kriegserzählungen stets ungefähr so: Selbstredend will eigentlich kein Land einen Krieg führen. Es kann aber passieren, dass ein anderer Staat oder ein Terrorist das eigene Land zu einer militärischen Aktion zwingt, sei es präventiv oder reaktiv. Folglich kann es aber nur eine gute und gemeinnützige Tat sein, die Bedrohung durch diesen Staat mitsamt seiner dämonischen Führung beseitigen zu wollen. Das wird nicht nur durch die Betitelung des Krieges als „heilig“ unterstrichen, sondern auch durch die rational gut begründete Unterstützung wichtiger Künstler und Intellektueller. Obwohl die Verluste des Feindes weit verheerender als die eigenen sind, handelt es sich dennoch um einen schwierigen Krieg, vor allem weil der Gegner sich unerlaubter Waffen bedient und ungezügelt Grausamkeiten begeht. Wer diese Version nicht akzeptieren will, ist auf der Seite des Feindes.

Vieles an dieser Erzählung kommt dem Leser in der Tat bekannt vor. Für die bleibende Gültigkeit der genannten Regeln hat Morelli durchweg gute Belege gesammelt. Dass ein Waffengang selten tatsächlich zu Stande kommt, um Militarismus auszulöschen, kleine Nationen zu verteidigen und Demokratie durchzusetzen, ist eine der Prämissen ihres Buches (S. 47). Auf die Bedeutung der psychologischen Komponente der Kriegführung hatte freilich bereits Ponsonby verwiesen, ebenso wie auf die Notwendigkeit, dass die Staaten sich die Unterstützung der eigenen Bevölkerung sichern. Dass dabei die einzelnen Parteien zur Last gelegten Gräuel nicht durchweg erfunden werden, sondern einen jeden Krieg ausmachen (S. 61), betont Morelli ebenfalls. Weil aber selten genau zu ermitteln sei, wer einen Krieg begonnen habe, wer Verbrechen begehe oder sich unerlaubter Mittel bediene, verzichtet sie bewusst darauf, zwischen Angreifern und Angegriffenen zu unterscheiden. Sie wolle die Parteien nicht auf eine Stufe stellen, aber sie sprächen doch „dieselbe Sprache“ (S. 28). Tatsächlich verdeutlicht der Blick auf die Kriege der letzten Jahrzehnte, dass die verschiedensten Parteien versucht haben, die beschriebenen Tendenzen zu verstärken und so gut und so lange wie möglich im Unklaren zu belassen, wie ein Krieg tatsächlich verläuft.

Morellis Behauptung, der technische Fortschritt helfe auch bei der Aufdeckung von Propaganda, beispielsweise weil es angesichts der Satellitentechnik heute nicht mehr möglich sei, hohe Verluste zu verschweigen, überzeugt nur bedingt. Sie schränkt ihr Argument selbst ein, indem sie anfügt, Journalisten zögen es trotzdem zumeist vor, die offizielle Version zu verbreiten (S. 95). Eine Abweichung davon könnten sich die Medien aufgrund ihrer Abhängigkeit von den jeweiligen Regierungen überhaupt nicht erlauben (S. 132). Ob aber „die Medien“ selbst Akteure sind, ob sie politischen oder kommerziellen Interessen folgen und bewusst oder nur unreflektiert die „Gutgläubigkeit“ der Bürger missbrauchen (S. 134), klärt Morelli nicht. Gerade weil sie das gesamte zehnte Kapitel („Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter“) darauf verwendet zu zeigen, wie sich wichtige Medien selbst auf Linie der „eigenen Seite“ halten, wären hier weitergehende und klarere Ausführungen wünschenswert gewesen.

Morellis Beispiele stammen zumeist aus den Jahren 1990 bis 2003. Sie zeigen (leider manchmal in redundanter Weise), wie gut die Lügen in Zeiten des Krieges auch in den vergangenen Jahren funktioniert haben. Ohne Propaganda wäre es unmöglich, einen Krieg zu führen, lautet daher eine ihrer Thesen (S. 137). Viel hänge dabei aber von der Qualität der Lüge ab, schränkte bereits Ponsonby ein.[3] Morellis Sammlung zeigt, dass diese Qualität im Laufe der Jahre nicht eben zugenommen hat. Trotzdem werden offensichtlich gewordene Falschmeldungen von den Medien häufig nicht einmal nachträglich berichtigt (S. 95). Über Irreführungen der Öffentlichkeit hinaus seien aber, so einer der seltenen Gemeinplätze des Buches, Worte ohnehin „nie unschuldig“ (S. 75). Was sie damit meint, belegt Morelli wiederum anschaulich mit dem Beispiel der gezielten Verwendung des Begriffs „Massenvernichtungswaffen“ im öffentlichen Diskurs. Hier werde gleichermaßen gezielt wie irreführend suggeriert, dass Waffen, die nicht chemischer, biologischer und nuklearer Art sind, „nur sporadisch“ töteten (S. 87).

Ein (ansonsten sparsam verwendetes) Ausrufezeichen (S. 89) deutet an, wie empört Morelli über die fadenscheinigen Begründungen gerade des jüngsten Irak-Krieges ist. Der sich aufdrängenden Frage, warum diese Rechtfertigungsstrategien dennoch bis zu einem gewissen Grad funktioniert haben, geht die Autorin, trotz engagierter Zusammenstellung ihrer Belege, nicht entschieden genug nach. Während Ponsonby noch die „ignorant and innocent masses“ bedauerte, die der Kriegspropaganda ahnungslos aufsitzen würden[4], kann man gerade angesichts von Morellis Sammlung von „Unwissenheit“ wohl kaum noch sprechen. Die Qualität einer Lüge ergibt sich offenbar daraus, wie sehr sie den Erwartungen der Öffentlichkeit entspricht, wie glaubhaft Kriegsparteien sie darlegen können, Medien sie verbreiten und die Bevölkerung bereit ist, sie hinzunehmen. An ein Komplott will Morelli dabei nicht glauben. Vielmehr unterstellt sie ein „pathologisches Bedürfnis“, sich auf der Seite der Tugendhaften zu sehen (S. 134). Dazu brauchten Bürger und Mediennutzer leicht identifizierbare Gute und Böse (S. 42). So oft die Prinzipien der Propaganda auch nachträglich durchschaut wurden, so sehr werden sie bei späteren Kriegen dennoch wieder erfolgreich sein, lautet ihre pessimistische Prognose – eben weil wir gern glauben wollen, auf der richtigen Seite zu stehen und die richtigen Dinge zu tun (S. 133). Um dennoch weniger anfällig für propagandistische Methoden zu sein, rät Morelli zu mehr „systematischem Zweifel“ (S. 138).

Wer sich eingehender mit den behandelten Kriegen oder mit Propaganda beschäftigt hat, wird in Morellis Buch wenig neue Beispiele finden. Es ist gleichwohl eine lohnende Lektüre für diejenigen, die wissen möchten, worauf dieser empfohlene „systematische Zweifel“ gerichtet werden sollte. Mehr wollte Anne Morelli nicht liefern, aber entsprechend lässt sie einige weitergehende Fragen offen.

Anmerkungen:
[1] Chomsky, Noam, Media Control. The Spectacular Achievements of Propaganda, New York 1997, S. 50.
[2] Posonby, Arthur, Falsehood in War-Time. Containing an Assortment of Lies Circulating Throughout the Nations During The Great War, London 1928.
[3] Ponsonby (wie Anm. 2), S. 24.
[4] Ponsonby (wie Anm. 2), S. 13.

 

Lüge in Kriegszeiten

Am Beispiel des Ersten Weltkriegs formulierte Arthur Ponsonby 1928 die Strukturgesetze der Kriegspropaganda – sie gelten, wie die aktuelle Berichterstattung über die Ukraine zeigt, noch immer

Von Lord Arthur Ponsonby (1871–1946), einem britischen Politiker und Friedensaktivisten, stammt nicht nur das berühmte Diktum, dass das erste Opfer des Kriegs die Wahrheit ist – „When war is declared, truth is the first casualty“. In seinem 1928 veröffentlichten Buch „Falsehood in Wartime“ („Lüge in Kriegszeiten“) versuchte Ponsonby auch die Strukturelemente dieser Lügen und Fälschungen zu beschreiben, wie er sie am Beispiel des Ersten Weltkriegs beobachtet hatte:

Wir wollen den Krieg nicht.

Das gegnerische Lager trägt die Verantwortung.

Der Führer des Gegners ist ein Teufel.

Wir kämpfen für eine gute Sache.

Der Gegner kämpft mit unerlaubten Waffen.

Der Gegner begeht mit Absicht Grausamkeiten, wir nur versehentlich.

Unsere Verluste sind gering, die des Gegners enorm.

Künstler und Intellektuelle unterstützen unsere Sache.

Unsere Mission ist heilig.

Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.

In ihrem Buch über „Die Prinzipien der Kriegspropaganda“ (Präzisionsschläge sorgen für Kollateralschaden) hat die Historikerin Anne Morelli 2004 diese von Ponsonby definierten Prinzipien auf ihre Gültigkeit abgeklopft und vom Zweiten Weltkrieg bis zu den Kriegen in Jugoslawien und Irak zahlreiche Belege dafür gefunden:

Wir schenken heute Lügenmärchen genauso Glauben wie die Generationen vor uns. Das Märchen von kuwaitischen Babys, die von irakischen Soldaten aus ihren Brutkästen gerissen wurden, steht dem von belgischen Säuglingen, denen man angeblich die Hände abgehackt hat (dies wurden den deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg zugeschrieben), in nichts nach.

Ponsonbys Prinzipien scheinen tatsächlich so etwas wie die zehn Gebote der medialen Kriegsführung darzustellen – und sind auch in dem aktuellen Konflikt um die Ukraine Punkt für Punkt zu beobachten. „Wir“, der Westen, USA/EU/NATO, wollen natürlich keinen Krieg, fordern aber von den Bürgern größere „Rüstungsanstrengungen“ (Nato-Sprecher Rasmussen) und mehr „militärische Verantwortung“ (Gauck) auf sich zu nehmen. Das gegnerische Lager („Russen“ und „Pro-Russen“) zwingt uns dazu, denn ihrer Führer sind echte Teufel („Putin“) – die Titelseiten von „Newsweek“ (Jetzt reicht es!) und „Spiegel“ (SPIEGEL schließt Russland-Forum nach drei Stunden) in dieser Woche lassen keinen anderen Schluss zu. Wir dagegen kämpfen natürlich immer für die gute Sache: für „Mädchenschulen“ in Afghanistan, für „Demokratie“ im Irak, gegen einen irren „Diktator“ in Libyen, den „Schlächter“ Assad in Syrien und an der Seite der „Zivilgesellschaft“ in der Ukraine. Für „Freiheit“ und „Menschenrechte“ betreiben wir „humanitäre Interventionen“, die durch ihre „Präzisionsschläge“ die unvermeidlichen „Kollateralschäden“ so gering wie möglich halten.

Dass die Kriege in den genannten Regionen statt Recht und demokratischer Ordnung eine Schneise der Verwüstung geschaffen haben, ein entstaatlichtes Chaos, in dem Warlords, kriminelle Banden und radikale Milizen Regie führen, liegt nicht an uns, sondern am Gegner. Der kämpft mit unerlaubten Waffen („Terrorismus“, „Massenvernichtungswaffen“) und begeht mit voller Absicht Grausamkeiten, was wir natürlich nie tun würden. Oder nur aus Versehen und den für uns in Syrien agierenden „Freiheitskämpfern“ verbotenes Giftgas liefern, um seinen Einsatz dann Assad als Überschreiten einer „roten Linie“ in die Schuhe zu schieben – wobei die Aufdeckung dieser „False Flag“-Operation (Seymour M. Hersh: „Whose sarin?, The Red Line and the Rat Line) dann aber keine Schlagzeilen mehr wert ist, weil: siehe Punkt 1 – 4.

Allenfalls eine Kurzmeldung ist dann auch die Aussage des Leiters des holländischen Forensik-Teams wert, der den Absturz des MH-17-Flugs in der Ukraine untersuchte und den mit der Bergung befassten „Separatisten“ einehervorragende Arbeit bescheinigte. Weltweit Schlagzeilen macht das Bild eines Helfers, der – „menschenverachtend“, „brutal“, „grausam“ – an der Absturzstelle einen Plüschhasen in die Kamera hält. Echte Barbaren, diese „Pro-Russen“, die zwar Ukrainer sind, aber in Form von „Pro-Russen“ als untermenschlicher Feind identifiziert werden.

Dass der Gegner Russland enorme Verluste erleide und international „isoliert“ sei, wird nahezu täglich auf den Wirtschaftsseiten vermeldet, wobeiausgeblendet bleibt, dass die Russen gerade für 400 Milliarden Gas nach China verkauft haben, mit den BRICS-Staaten eine Alternative zum IWF gründen und den Ausstieg aus dem Petro-Dollar beschlossen haben (BRICS-Staaten machen Weltbank und Währungsfonds Konkurrenz). Wer dann „isoliert“ ist, wenn sich mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung der Finanzhegemonie der USA entzieht, wird sich erst noch weisen.

Was die Unterstützung durch Künstler und Intellektuelle betrifft, so beschränkt sich diese derzeit weitgehend auf Medienschaffende und Journalisten, die in Leitartikeln und Talkshows Stimmung machen. Von ihrer Verpflichtung zu objektiver Information haben sie sich weitgehend verabschiedet und präsentieren die Wirklichkeit als Schwarzweißfilm mit eindeutiger Rollenverteilung in Gute (USA, EU und Nato) und Böse (Putin und Russland) präsentieren. Zu diesem Zweck mutieren dann nicht nur Gerüchte zu Tatsachen, Vermutungen zu Ereignissen und Meinungen zur Wahrheit, sondern es werden auch unpassende Fakten verschwiegen und Interessen und Hintergründe der Akteure des Konflikts unterschlagen.

Das dröhnende Schweigen, mit dem USA/NATO/EU auf die Veröffentlichung von Radar- und Satellitendaten zum MH-17-Absturz durch den russischen Generalstab reagierte, spricht Bände – nicht nur in Bezug auf die Qualität der zuvor geäußerten wüsten Anschuldigung in Richtung Russland, sondern auch auf die Verkommenheit der westlichen Medien, die eine Aufklärung der Unglücksursache und eine Offenlegung der ukrainischen und amerikanischen Daten nicht einmal fordern. Geschweige denn, ihre Regierungen für diese Nicht-Aufklärung in irgendeiner Weise kritisieren. Stattdessen wird mit den oben zitierten Titelbildern die faktenfreie Propaganda um eine weitere Stufe eskaliert.

„Wie wird die Welt regiert und in den Krieg geführt? Diplomaten belügen Journalisten und glauben es, wenn sie’s lesen“, notierte der Wiener Schriftsteller Karl Kraus, nachdem auf eine Falschmeldung der deutschen und österreichischen Presse über einen französischen Bombenabwurf auf Nürnberg Ende Juli 1914 unmittelbar die Kriegserklärung an Frankreich erfolgt war. Dieser fingierte Bericht war für ihn die Urlüge und das Paradebeispiel für die Manipulation der Massen in Kriegszeiten, die Kraus dazu führte, „den Journalismus und die intellektuelle Korruption, die von ihm ausgeht, mit ganzer Seelenkraft zu verabscheuen“.

Wer derzeit die Medien unter Berücksichtigung der Strukturgesetze von Arthur Ponsonby beobachtet, kann sich diesem Abscheu nur anschließen.

Von Mathias Bröckers und Paul Schreyer erscheint am 1. September im Westend-Verlag: „Wir sind die Guten – Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren“.

http://www.heise.de/tp/artikel/42/42386/1.html

BUCH IM GESPRÄCHSchlichte Schwarz-Weiß-Mythologie: Wie die Propaganda in Zeiten des Krieges funktioniert

VON RUDOLF WALTHER

Anne Morellis Analyse der Prinzipien der Kriegspropaganda beschäftigt sich nicht mit dem Wahrheitsgehalt von propagandistischen Kampagnen. Sie zeigt vielmehr anhand von Beispielen aus den beiden Weltkriegen, dem Kalten Krieg und den jüngsten auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak die Muster, nach denen die Kampagnen organisiert werden. Die Grundlage ihrer Untersuchung bilden die Werke von zwei Außenseitern sowie die aktuellen Debatten. Lord Ponsonby (1871 bis 1946) war konservativer Abgeordneter und schloss sich 1914 aus Protest gegen den englischen Kriegsbeitritt der Labour Party an. Als diese an die Regierung kam, wurde er Unterstaatssekretär. 1928 veröffentlichte der Pazifist das Buch Falsehood in Wartime, das unter dem Titel Lügen in Kriegszeiten 1930 auch auf Deutsch erschien (in Kleinstverlagen wurde es 1967 und 1999 wieder aufgelegt). Die andere Quelle ist ein Buch von Georges Demartial (La mobilisation des consciences. La guerre de 1914), das 1922 erschien. Demartial war schon während des Krieges Sekretär einer Gesellschaft, die sich mit kritischen Kriegsstudien befasste und es deshalb mit der Zensur zu tun bekam.

Die bereits von Ponsonby und Demartial aus dem Quellenmaterial abstrahierten zehn Prinzipien der Kriegspropaganda präsentiert die belgische Historikerin prägnant formuliert. Was zunächst auffällt: Nicht weniger als vier davon beruhen auf schlichter „Schwarzweiß-Mythologie“, die das militärische Freund-Feind-Schema auf die Propaganda überträgt: Der Feind will Krieg, „wir“ nicht; der Feind trägt die Schuld, „wir“ nicht; der Feind begeht Grausamkeiten, „wir“ nicht. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen, „wir“ nicht.

Die simple Logik hinter diesen Grundsätzen arbeitet mit einem starren Gegensatzpaar – zum Beispiel erlaubte Waffen/unerlaubte Waffen. Der scheinbare Gegensatz verdankt sich jedoch nur einem heuchlerischen Falschspiel, denn „unerlaubt“ sind Waffen nicht absolut, sondern nur so lange und für den, der sie noch nicht besitzt, oder erlaubt für den, der sie besitzt, aber sein Besitzmonopol erhalten möchte. Die scheinheilige Propaganda gegen das Giftgas im Ersten Weltkrieg funktionierte ebenso nach diesem Muster wie jene gegen „Massenvernichtungsmittel“ im Vorfeld des Irak-Kriegs.

Sehr beliebt ist die Dämonisierung des Führungspersonals des Feindes. Englische Zeitungen, die Kaiser Wilhelm II. 1913 noch als „ehrenhaften Gentleman“ begrüßten, machten ihn nach Kriegsbeginn zum „Geisteskranken“, und das italienische Magazin L’espresso nannte Milo∆eviƒ während des Krieges „Hitlero∆eviƒ“, die französische Tageszeitung Libération den Anführer der Landbesetzer in Simbabwe Chenjerai „Hitler“ Hunzvi.

Ein anderes Prinzip der Kriegspropaganda appelliert an hehre Kriegsziele („Wir kämpfen für eine gute Sache“), gerät aber regelmäßig in Verlegenheit, weil auch das im staatlichen Auftrag ausgeübte Morden für jedes intakte Empfinden Anstoß erregt. Die Propaganda mit Kriegszielen verbindet sich deshalb oft mit jener gegen Grausamkeiten des Gegners. Damit soll die moralische Verantwortung der eigenen Soldaten erleichtert und deren Gewissen entlastet werden. – Anne Morellis Buch bietet jedem Zeitungsleser oder Fernsehzuschauer das intellektuelle Instrumentarium, medial verstärkte Propaganda kritisch zu durchleuchten.

Die Prinzipien der KriegspropagandaKrieg | PropagandaPolitisches BuchAus dem Franz. v. Marianne SchönbachAnne MorelliBuchzu Klampen Verlag2004Springe14156

http://www.zeit.de/2004/48/P-Morelli

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