„Ganze Familien werden innerhalb einer Sekunde ausgelöscht – und die Öffentlichkeit bleibt gleichgültig. Von Jahr zu Jahr, von einer militärischen Operation zur nächsten, wird die rote Linie weiter nach hinten verschoben. […] Das Schweigen der Öffentlichkeit angesichts solcher Aktionen – innerhalb und außerhalb von Israel – ist aus meiner Sicht ein stillschweigendes Einverständnis.“ sagt Yuli Novak, die von 2000 bis 2005 in der israelischen Luftwaffe, diente. Seit 2013 ist sie geschäftsführende Direktorin von „Breaking the Silence“, einem Zusammenschluss regierungskritischer Soldaten.

Israelische Bomben auf Gaza

Tausend Kilo Tod

Ein Palästinenser auf den Trümmern seines Hauses.

(Foto: dpa)

Bomben auf Wohnhäuser in Gaza: Vor zwölf Jahren war das noch ein Skandal. Jetzt ist alles anders. Was damals eine extreme Ausnahme war, ist jetzt offizielle Strategie. Noch schlimmer ist aber, dass in Israel fast niemand gegen diesen Automatismus protestiert.

Von Yuli Novak

Über die Autorin

Yuli Novak, 32, diente 2000 bis 2005 in der israelischen Luftwaffe, zuletzt als Oberleutnant. Seit2013 ist sie geschäftsführende Direktorin von „Breaking the Silence“, einem Zusammenschluss regierungskritischer Soldaten.

Vor ziemlich genau zwölf Jahren, am 23. Juli 2002 war es, warf ein F-16Kampfflugzeug der israelischen Luftwaffe in Gaza eine Ein-Tonnen-Bombe auf das Haus von Salah Shehadeh, der damals Führer des militärischen Flügels derHamas war. Man muss kein Luftkampfexperte sein, um sich vorzustellen, was nach dem Einschlag einer Ein-Tonnen-Bombe von einem Haus übrig bleibt – nicht viel. Diese Bombe, die am frühen Morgen einschlug, tötete nicht nur Shehadeh. Sie tötete auch 14 Zivilisten, darunter acht unschuldige Kinder.

Ich diente damals als Stabsoffizier in der israelischen Luftwaffe. Wie bei vielen meiner Freunde lastete im jungen Alter von 20 Jahren eine immense Verantwortung auf meinen Schultern. Ich war zuständig für die Organisation des Flugzeuggeschwaders am Boden. Ich leitete Befehle und Geheimdienstinformationen vom Luftwaffenhauptquartier an die Pilotenweiter, sorgte für die Einsatzvorbereitung der Flugzeuge und stellte den Piloten umfassende Unterstützung bereit.

Nach dem Anschlag auf Shehadeh mit den vielen Toten war Israel erschüttert. Selbst nach den Beteuerungen der israelischen Verteidigungskräfte (Israel Defense Forces, kurz IDF), der Angriff gegen einen wichtigen Organisator des Terrors sei operativ gerechtfertigt gewesen, blieb die öffentliche Meinung dieser Aktion gegenüber sehr kritisch. Der Preis des Erfolges, der Tod unschuldiger Zivilisten, sei zu hoch, hieß es. Mehrere israelische Intellektuelle riefen den Obersten Gerichtshof an, um die Rechtmäßigkeit dieses Einsatzes untersuchen zu lassen. Einige Monate später verfasste eine Gruppe von Pilotenreservisten ein Schreiben, in dem die Art solcher Einsätze zur Eliminierung von Gegnern kritisiert wurde.

Für gewöhnlich führen wir Soldaten und Offiziere Kampfeinsätze aus, ohne unnötige Fragen zu stellen. Diesmal jedoch ging uns die öffentliche Kritik nahe. Dan Halutz, der damalige Luftwaffenkommandeur, merkte dies und sagte zu den Piloten: „Lassen Sie sich nicht den Schlaf rauben. Beachten Sie die Kritik gar nicht.“ Einige Wochen später wurde Halutz in einem Interview gefragt, was ein Pilot dabei fühle, wenn er eine Ein-Tonnen-Bombe auf ein Wohnhaus abwerfe. Er antwortete: „Ein leichtes Ruckeln am Flügel.“ Auf Außenstehende wirkte diese Äußerung herzlos und distanziert, aber meine Freunde und ich vertrauten darauf, dass unsere Kommandeure schon die richtigen moralischen Entscheidungen treffen würden. Und so konzentrierten wir uns wieder auf die „wichtigen Dinge“ – auf die exakte Ausführung der nächsten Einsätze.

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Ein notwendiges Übel?

Einige Monate später wurde ich mit der Leitung eines Kurses für Luftwaffenoffiziere beauftragt. Ich brachte den Offiziersanwärtern bei, ihre Aufgaben professionell auszuführen. Ich erklärte ihnen auch, dass sie als Offiziere für ihre Einsätze Verantwortung zu übernehmen hätten. Wir werteten frühere Luftwaffeneinsätze aus und zogen die Lehren daraus. Ich sagte ihnen, die israelische Armee sei die moralischste Armee der Welt, und innerhalb der IDF sei die Luftwaffe die moralischste Einheit. Ich war erst 20 Jahre alt und aus ganzem Herzen überzeugt, dass wir taten, was getan werden musste. Etwaige Opfer betrachtete ich als notwendiges Übel. Etwaige Fehler würden untersucht werden, um dann Lehren daraus zu ziehen. Da war ich mir sicher.

Jetzt ist alles anders. Ich habe diese sichere Überzeugung verloren, die ich damals hatte. 2002 war der Abwurf einer Ein-Tonnen-Bombe auf ein Haus und der Tod von 14 Zivilisten die Ausnahme – die Aktion zog eine kontroverse Debatte nach sich. Einige Monate nach dem Anschlag auf Shehadehs Haus räumte die Armee ein, der Bombenabwurf sei ein Fehler gewesen. Ursache sei das Versagen des Geheimdienstes gewesen. Die Führung der IDF behauptete, sie hätten den Einsatz nicht ausgeführt, wäre ihr bekannt gewesen, dass sich Zivilisten in dem Haus befanden.

Al-Kassam-Brigaden

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Damals extreme Ausnahme, jetzt offizielle Strategie

Sieben Jahre später, während der Operation „Cast Lead“ („Gegossenes Blei“) im Jahr 2009, gehörte es bereits zu der gängigen Strategie, Bomben über dicht besiedelten Gebieten im Gazastreifen abzuwerfen. Und nun, bei der derzeitigen Operation „Protective Edge“ („Fels in der Brandung“), rühmt sich die Luftwaffe damit, bereits mehr als hundert Ein-Tonnen-Bomben auf Gaza abgeworfen zu haben. Was damals eine extreme Ausnahme war, ist jetzt die offizielle Strategie.

Ein Einsatz läuft heute in der Regel so ab: Wenige Minuten vor einem Bombenabwurf warnen wir die Bewohner, dass die Zerstörung ihres Hauses unmittelbar bevorsteht. Dies geschieht per SMS oder durch den Abwurf einer kleineren Bombe als Warnung. Dies reicht nach unseren Maßstäben schon aus, um das Haus zu einem legitimen Luftangriffsziel zu machen. Wer nicht sofort flieht, stirbt. In den vergangenen beiden Wochen wurden auf diese Weise Dutzende Zivilisten getötet.

Israel launches offensive in Gaza

Die Häuser Hamas-Angehöriger sind zu angeblich legitimen Zielen geworden

Israel nimmt Angriffe auf Gazastreifen wieder auf

(Video: Reuters)

Die Häuser der Hamas-Angehörigen sind so zu angeblich legitimen Zielen geworden, ungeachtet der Zahl der Menschen, die sich darin aufhalten. Anders als noch 2002 hält es niemand für nötig, dies zu rechtfertigen oder sich zu entschuldigen – es ist halt so, und wer nach der Warnung bleibt, ist selber schuld.

Noch schlimmer ist aber, dass in Israel fast niemand gegen diesen Automatismus protestiert. Ganze Familien werden innerhalb einer Sekunde ausgelöscht – und die Öffentlichkeit bleibt gleichgültig. Von Jahr zu Jahr, von einer militärischen Operation zur nächsten, wird die rote Linie weiter nach hinten verschoben. Es ist nicht mehr klar, wo die Grenze des Erlaubten liegt und wie wir Soldaten erkennen, wenn wir sie überschreiten. Wo wird sie bei der nächsten Operation liegen? Wo in zehn Jahren?

Israel Hamas Völkerrecht

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Ich weiß aus Erfahrung, dass es schwer ist, als Soldat während eines offenen Konflikts Fragen zu stellen. Offiziere am Boden und in der Luft erhalten immer nur Bruchstücke von Informationen – gerade während eines Militäreinsatzes. Deshalb liegt die Verantwortung dafür, die rote Linie zu ziehen, bei der Öffentlichkeit. Sie muss Alarm auslösen, wenn die rote Linie überschritten ist. Es muss eine klare und laute Stimme zu vernehmen sein, die sagt: Es ist unmoralisch, ein Haus zu bombardieren, in dem sich Zivilisten befinden. Dieses Vorgehen darf keine offizielle Strategie sein, die fraglos akzeptiert wird.

Das Schweigen der Öffentlichkeit angesichts solcher Aktionen – innerhalb und außerhalb von Israel – ist aus meiner Sicht ein stillschweigendes Einverständnis. Es bedeutet, dass für den militärischen Erfolg ein inakzeptabler moralischer Preis akzeptiert wird. Den Frieden, den wir brauchen, wird das nicht bringen.

http://www.sueddeutsche.de/politik/israelische-bomben-auf-gaza-tausend-kilo-tod-1.2064783

Schovrim Schtika

Dieser Artikel beschreibt die Bürgerrechtsbewegung. Für weitere Bedeutungen siehe Breaking the Silence.

Schovrim Schtika-Logo

Schovrim Schtika (hebräisch שוברים שתיקה, deutsch Das Schweigen brechen, englischBreaking the Silence (BtS), Schreibung oft auch in Anlehnung an die englische UmschriftShovrim Shtika) ist eine israelische Nichtregierungsorganisation von ehemaligen und aktiven Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), deren Ziel es ist, die israelische Gesellschaft über die Aktivitäten der IDF in den israelisch besetzten Gebietenzu informieren, indem sie Berichte von Soldaten über ihre Erlebnisse während ihres Dienstes veröffentlicht. Die israelische Armee und Regierung lehnen die Organisation ab und kritisieren deren finanzielle Unterstützung durch ausländische Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen.

Geschichte[Bearbeiten]

Schovrim Schtika wurde im Februar 2004 von Jehuda Schaul und anderen Exsoldaten gegründet, um die eigenen Erlebnisse im Besatzungsdienst emotional zu verarbeiten und die israelische Öffentlichkeit über Aspekte des Besatzungsalltags aufzuklären.[1]

Schovrim Schtika sammelt Aussagen und Dokumente von Soldaten über ihren Besatzungsdienst im Gazastreifen, auf dem Golanund in der West Bank und bereitet diese für die Öffentlichkeit auf, z. B. auch als Videoclips oder als Fotoausstellung. Darin geht es zum Teil um mutmaßliche Übergriffe gegen Zivilisten, aber auch um den Alltag als Soldat, z. B. an den Checkpoints, oder auch um die Selbstmordquote im Militär. Laut der Organisation würden Misshandlungen an Palästinensern, das Plündern sowie die Zerstörung von Eigentum seit Jahren die Norm darstellen, vom Militär allerdings als militärische Notwendigkeit entschuldigt oder als Einzelfälle dargestellt werden.

Weiter organisiert und begleitet Schovrim Schtika Führungen für Interessierte durch Hebron[2] und halten in ganz Israel, Europa und den USA Vorträge zum Thema Besatzung im Rahmen des Nahostkonflikts.

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Schovrim_Schtika

10 Jahre Breaking the Silence: Wenn das Gewissen spricht

Israelische Soldaten sprechen über die Besatzung

Drei israelische Reservistinnen von Breaking the Silence berichten in Videointerviews über die stillschweigende Zusammenarbeit mit extremistischen Siedlern und über die alltäglichen Schikanen, die sie den Menschen in den besetzten Gebieten zugefügt haben. Seit inzwischen 10 Jahren bringt Breaking the Silence die Realität der Besatzung in die israelische Öffentlichkeit; allen Anfeindungen aus der rechten Ecke zum Trotz. Wir gratulieren zum zehnjährigen Bestehen!

 

Sie patrouillieren nachts durch die Gassen, setzen Ausgangssperren durch, dringen in private Häuser ein. Bereits seit 1967 gehören israelische Soldatinnen und Soldaten zum Stadtbild von Hebron und anderen palästinensischen Städten. Sie sehen viel, doch zurück zu Hause sprechen die jungen Menschen wenig über ihre Erfahrungen. Denn die Mehrheit der israelischen Bevölkerung möchte nicht so genau wissen, wie der Alltag einer lang anhaltenden Besatzung der palästinensischen Gebiete aussieht, wie sich militärische Angriffe und Straßensperren auf die Zivilbevölkerung auswirken. Auch möchte man nicht sehen, was die eigene Armee dort wirklich tut.

 

Hier beginnt die Arbeit von Breaking the Silence. Der Name ist Programm: Breaking the Silence ist eine Organisation israelischer Reservisten, die als Soldaten die Besatzungsrealitäten – von struktureller Repression über die stille Kooperation mit extremistischen jüdischen Siedlerinnen und Siedlern bis hin zu alltäglichen Schikanen – erlebt haben und das Schweigen darüber in der israelischen Gesellschaft brechen möchten. Die alltäglichen Erniedrigungen in den palästinensischen Gebieten sollen öffentlich gemacht und die israelische Gesellschaft soll aufgerüttelt werden.

 

Geisterstadt Hebron

Gegründet wurde die Organisation von Reservisten, die in Hebron gedient hatten. Mit 180.000 Einwohnern ist Hebron die zweitgrößte palästinensische Stadt in der Westbank – und die einzige, in der sich jüdische Siedler direkt im Zentrum niedergelassen haben. Denn hier befindet sich nach biblischer Überlieferung die Grabhöhle des Patriarchen Abraham, und die Siedler wollen Hebron in eine jüdische Stadt verwandeln – ohne Araber. Hunderte Soldaten sind hier stationiert um die rechtsradikalen Siedlerinnen und Siedler zu beschützen. Ergebnis: Heute gleicht Hebrons altes Stadtzentrum einer Geisterstadt. Die Geschäfte sind verrammelt, die Straßen menschenleer. Drei Viertel der Geschäfte sind geschlossen: mehr als 1.800 Läden. Beinahe die Hälfte der Wohnungen im Stadtzentrum ist verlassen. Von den Menschen, die geblieben sind, können viele ihre Häuser nicht einmal mehr durch die Tür betreten, weil die Armee sie zugeschweißt hat; sie müssen über die Dächer klettern.

Während andere Soldaten nach Beendigung ihres Armeediensts gern in die Ferne, ins indische Goa oder an den Amazonas fliegen, und sich berauschen mit allerlei Drogen, wollten die Gründer von Breaking the Silence nicht vergessen. In einer ersten Aktion sammelten sie Fotos, die Soldaten zu privaten Zwecken gemacht hatten. Die Ausstellung hieß „Hebron nach Tel Aviv bringen“, und tatsächlich sorgte sie in Israel für Furore, weil sie auf eindrucksvolle und unmittelbare Weise den Alltag der Besatzung wiedergab.

Mehr als 700 Zeugenaussagen gesammelt

Schnell stellten die Aktivistinnen und Aktivisten fest, dass Hebron kein Einzelfall war. Ex-Soldaten, die an anderen Orten Dienst taten, kamen auf sie zu und erzählten, Ähnliches erlebt zu haben. Seit ihrer Gründung 2004 hat Breaking the Silence mithilfe vieler Freiwilliger mehr als 700 Zeugenaussagen israelischer Soldatinnen und Soldaten aus allen Bevölkerungsschichten und aus so gut wie allen Einheiten der israelischen Armee gesammelt, die in den besetzten Gebieten Dienst tun. Die interviewten Soldaten und Ex-Soldaten kennen die Ziele der Organisation und legen bewusst Zeugnis ab, auch wenn viele lieber anonym bleiben möchten, da sie sich vor gesellschaftlichem Druck oder der Reaktion offizieller militärischer Stellen fürchten. Die Zeugenaussagen werden genau analysiert, alle Fakten mehrmals überprüft und mit zusätzlichen Berichten und Zeugnissen verglichen. Die Redaktion der Aussagen wird so vorgenommen, dass der Sprachduktus der Soldaten nicht verändert wird. Dadurch entstehen kraftvolle und detaillierte Beschreibungen der Besatzungsmechanismen, die zuweilen schwere Menschenrechtsverletzungen aufdecken. Mittlerweile sind zahlreiche Videointerviews hinzugekommen, die Soldaten und Soldatinnen unmittelbar zu Wort kommen lassen.

„Eins der bedeutendsten Bücher über Israel / Palästina“

Das Buch

„Breaking the Silence: Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten“ erschien 2012 erstmals auf Deutsch im Econ Verlag parallel zu einer Ausstellung in Berlin.


Medien


Fotoausstellung

medico international, der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V., der Evangelische Entwicklungsdienst (eed), Misereor und Die Schwelle präsentierten 2012 die Fotoausstellung „Breaking the Silence. Zeugnisse einer Besatzung – israelische Soldaten berichten“ im Willy-Brand-Haus.

Auf diesen Zeugnissen basiert der auch auf Deutsch erschienene Bericht „Breaking the Silence. Israelische Soldaten berichten von ihrem Einsatz in den besetzten Gebieten“. Die Ergebnisse sind bedrückend, so das angesehene literarisch-intellektuelle US-Magazin „New York Review of Books“ in einer ausführlichen Besprechung. Breaking the Silence sei „eins der bedeutendsten Bücher über Israel / Palästina in dieser Generation“. Es setze die Puzzleteile des Besatzungsalltags akribisch zusammen, so Rezensent David Shulman, und am Ende entstehe ein Gesamtbild, das die Raison d’Être der Besatzung offenlege: die Verdrängung der Palästinenser und die gleichzeitige Besitznahme von immer mehr Land. Ins selbe Horn bläst die Publizistin Ilana Hammerman in Israels Qualitätszeitung Haaretz: Die im Bericht minutiös dokumentierte grausame Willkür einzelner Soldaten sei nicht der Verrücktheit Einzelner geschuldet. Vielmehr stecke dahinter ein logisches System, so Hammerman; der Bericht demonstriere „die Reichweite der militärischen Kontrolle über die besetzten Gebiete, die wie das gigantische Siedlungsprojekt darauf abzielt, nicht die Bürger des souveränen Staats Israel zu verteidigen, sondern die zivile, politische und wirtschaftliche Kontrolle [über die Palästinenser] zu vertiefen.“

Ausstellung in Deutschland

Seit mehreren Jahren unterstützt medico die Aufklärungsarbeit von Breaking the Silence gegenüber der eigenen Gesellschaft. In einer globalen Welt bedeutet Solidarität aber auch die Information und Aufklärung der hiesigen Öffentlichkeit. Deshalb taten wir uns zusammen mit dem Freundeskreis Willy-Brandt-Haus, dem Evangelischen Entwicklungsdienst, MISEREOR und die schwelle und präsentierten die Ausstellung unseres Partners in Berlin. 6500 Menschen besuchten im Willy-Brandt-Haus die Ausstellung „Breaking the Silence. Zeugnisse einer Besatzung – Israelische Soldaten berichten“. Ein enormer Andrang angesichts einer ungewöhnlich kurzen Ausstellungsdauer von zwei Wochen.

Der Erfolg dieser Ausstellung, die durch ein großes Medienecho begleitet war, hing mit ihrem ungewöhnlichen Konzept zusammen. In ihrem Mittelpunkt standen nicht die Exponate – etwa 100 von israelischen Soldaten privat geschossene Fotos aus den besetzten Gebieten – sondern vielmehr einige der Menschen, die hinter diesen Fotos stehen: ehemalige Soldaten, die als Mitglieder von Breaking the Silence ihr Schweigen über die Besatzungsrealitäten brechen. Im Willy-Brandt-Haus führten drei Reservisten der israelischen Armee Tausende von Interessierten durch die Ausstellung. Anhand der Fotos erzählten sie, wie der Alltag einer lang anhaltenden Besatzung der palästinensischen Gebiete aussieht, wie sich militärische Angriffe und Straßensperren auf die Zivilbevölkerung auswirken. Für Zuschauer wie Aktivisten bedeutete dies eine sehr intensive Erfahrung und Einblicke in einen Konflikt, der hierzulande große mediale Präsenz erfährt, jedoch selten so klare Konturen erhält.

Lieblingszielscheibe der israelischen Rechten

Die bereits Jahrzehnte währende Verweigerung gleicher Rechte haben die besetzten Gebiete in Zonen permanenter Unsicherheit verwandelt, die sich tief in die Gesellschaft eingegraben hat. Die im Gazastreifen herrschende Hamas und die in der Westbank regierende Fatah agieren gleichermaßen autoritär, lassen Oppositionelle willkürlich verhaften und im Gefängnis misshandeln. Aber die Besatzung verändert nicht nur die Besiegten. Auch in Israel führt der Umstand, seit Jahrzehnten ein anderes Land und dessen Bevölkerung zu beherrschen, zur zunehmenden Erosion demokratischer Rechte. Traf es zunächst nur die arabische Minderheit, so werden heute auch jüdische Menschenrechtler und Friedensaktivisten mittels Medienkampagnen und Gesetzesinitiativen angegriffen. Breaking the Silence ist eine der Lieblingszielscheiben der israelischen Rechten. Seit Veröffentlichung ihres Berichts „Soldaten sprechen über Gaza“ werden die Mitglieder immer wieder Opfer gezielter Kampagnen, die sie mundtot machen wollen.

Spendenstichwort

medico unterstützt Breaking the Silence dabei, die eigene Gesellschaft auf diese Verhältnisse aufmerksam zu machen; eine Vorbedingung für die Fähigkeit der Zivilgesellschaft, die bestehenden Ungerechtigkeiten auch überwinden zu können. Gerade in diesen Tagen erscheint uns die Unterstützung dieser Initiativen wichtiger denn je. Spenden Sie bitte unter dem Stichwort: Israel/Palästina.

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