Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut: »Länder wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten sind reich geworden, weil ihre Bürger die Machteliten stürzten und eine Gesellschaft schufen, in der die politischen Rechte viel breiter verteilt sind, in der die Regierung den Bürgern Rechenschaft schuldet und auf ihre Wünsche reagiert und in der die große Mehrheit des Volkes ihre wirtschaftlichen Chancen nutzen kann.« Diese Länder aber sicherten in den kolonialisierten Ländern äußert ungerechte und autokratische Systeme!

SACHBUCH:
Wenn Vertrauen schwindet

Warum Nationen scheitern - Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut

Daron Acemoglu und James A. Robinson bieten eine Theorie der Weltungleichheit an, in der Armut nicht Schicksal ist. Wie Europa und die Vereinigten Staaten vormachen, dass Wohlstand nur durch Politik entsteht.VON 

Aber manchmal wird ein Buch durch solche Verspätung auch interessanter, weil die Realität unterdessen mit Überraschungen aufwartet. Das ist nun einem gefeierten amerikanischen Bestseller widerfahren, der herausfinden will, warum manche Nationen arm sind und andere wohlhabend: Why Nations Fail. DerWirtschaftswissenschaftler Daron Acemoglu vom MIT, in Istanbul geboren, hat diesen Bestseller mit seinem britischen Kollegen James A. Robinson von der benachbarten Harvard-Universität verfasst, der Experte für Entwicklungspolitik Afrikas und Lateinamerikas ist. Anderthalb Jahrzehnte lang haben sie zusammen mit vielen Kollegen in weltumspannenden Einzelstudien das Material zusammengetragen, das belegen soll: Armut ist kein Schicksal. Sie hat immer und überall politische Gründe.

DFV ZahnSchutzbriefDas Original erschien in den USA 2012 im Präsidentschaftswahlkampf und wurde als bahnbrechende Rehabilitierung der Politik gegenüber dem Wildwuchs der Märkte gewürdigt. Auffallend viele Nobelpreisträger der Ökonomie waren nun voll des Lobes: eine Rückendeckung für Barack Obama. Das Vorwort hatten die Autoren erst zuletzt, während des Arabischen Frühlings 2011, verfasst, angetrieben von der Frage vieler Demonstranten in Kairo, warum Ägypten nicht aus der Armut herausfinde. In diesem Vorwort stand die Notwendigkeit von Bürgerrechten im Zentrum: eine Rückendeckung für die Demonstranten der ersten Stunde. Jetzt schließlich erscheint das Buch mit einem aktuellen Vorwort zur europäischen Krise auf Deutsch: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut – und nun leitet ein Plädoyer für eine beherzte gemeinsame Fiskalpolitik Europas das Buch ein: eine Rückendeckung für Brüssel.

Man könnte also meinen, dieses Buch sei ein Chamäleon, das in jeder Krise und für jedes Publikum eine neue Farbe annimmt. Aber das wäre unfair. Tatsächlich will diese Studie nicht modisch, sondern ganz grundsätzlich eine Theorie der Weltungleichheit liefern. Und sie liest sich wie eine historisch tausendfach belegte Eloge auf die Wirksamkeit politischer Institutionen in Rechtsstaaten, die die Macht auf möglichst viele verteilen.

© S. Fischer Verlag

Das Material aus gut 10.000 Jahren, das Acemoglu und Robinson aufgetürmt haben, ist so üppig wie die Geschichte selbst: Es erzählt von den Maya-Stadtstaaten wie aus dem Kongo, vom Aufstieg Südkoreas wie von der Armutsgrenze zwischenMexiko und den USA, vom Niedergang des Römischen Reichs und von der Erfolgsgeschichte der industriellen Revolution in England und all dies ohne Chronologie oder andere systematische Strenge. Was die Autoren auf 600 Seiten belegen, lässt sich durch einen einzigen Absatz zusammenfassen, den jede Demokratiebewegung zum Durchhalten brauchen kann: »Länder wie Großbritannien und die Vereinigten Staaten sind reich geworden, weil ihre Bürger die Machteliten stürzten und eine Gesellschaft schufen, in der die politischen Rechte viel breiter verteilt sind, in der die Regierung den Bürgern Rechenschaft schuldet und auf ihre Wünsche reagiert und in der die große Mehrheit des Volkes ihre wirtschaftlichen Chancen nutzen kann.«

Noch knapper lässt sich das politische Besteck benennen, das für solchen Erfolg notwendig ist: Eigentums- und Vertragsrechte müssen durch einen möglichst stark legitimierten Staat gesetzlich gesichert sein, und die Justiz muss funktionieren. Sonst können die Bürger ihre Talente und Ideen nicht nutzbar machen. Sonst schwindet ihr Vertrauen. Und sonst sichern sich kleine Machteliten, zumeist nur vorübergehend, einen Wohlstand, der leicht verfliegt, weil er nicht auf viele Schultern verteilt ist und durch viele Interessen kontrolliert wird. Chinas Wohlstand hat demnach keine gute Prognose.

Institutionen, die eine derart lebhafte Beteiligung ermöglichen, nennen Acemoglu und Robinson inklusiv, und solche, die Ordnungsverfahren durch kleine Minderheiten oder gar durch das Militär bevorzugen, heißen extraktiv. Leicht zu merken: Inklusiv ist gut, extraktiv ist schädlich. Und deshalb gibt es die Stadt Nogales, die von einer Staatsgrenze geteilt wird, gleich zweimal: Der Teil von Nogales, der in den USA liegt, floriert, wohingegen der mexikanische Stadtteil auf der anderen Seite ein ziemlich elender Ort ist, an dem die Korruption gedeiht. Es liegt nicht am Klima, es liegt an den Institutionen, die Teilhabe garantieren oder verhindern. Inklusiv, extraktiv: Mit diesem Begriffspaar durchpflügen Acemoglu und Robinson die Menschheitsgeschichte. Nur unterscheiden sie leider nicht scharf zwischen politischen und ökonomischen Institutionen. Inklusiv sind hier Parlamente wie Girokonten für die Massen. Was genau ist eine Institution, möchte man also bald wissen. »Institutionen sind das kollektive Ergebnis politischer Prozesse«, heißt es da, sie sind eine Art verfestigte und wirksame Praxis in Gesellschaften, wäre ungefähr die Antwort dieses Buches, genauer wird’s leider nicht. Ein Paradebeispiel fürs Gelingen ist die Geschichte Englands und der industriellen Revolution: Sie rückt das Patentrecht als Institution in die Nähe des Parlaments, des Wahlrechts und des Kreditwesens, allesamt inklusiv, Hauptsache, die Interessen möglichst vieler Bürger sind vertraglich gesichert.

 

Man möchte diese Ermutigungsforschung gar nicht kleinreden. Denn letztlich geht es den Autoren angenehmerweise darum, durch ihre Erzählung politische Konstellationen zu stärken, in denen möglichst viele Bürger in einem Staat darauf bestehen, unersetzbar fürs Gemeinwohl zu sein. Weswegen der Staat dringend benötigt wird, um den Einfallsreichtum aller sich entfalten zu lassen. Aber dann verschwimmt in dieser Haltung eben doch einiges: Im Falle eines dauerhaft wohlhabenden Staates sind sich Staatsbürger, Wirtschaftsbürger und Rechtspersonen zum Verwechseln ähnlich. Wie auch Kapitalismus und Demokratie irgendwie konvergieren, wenn es nur um die wünschenswerte Bürgermacht geht. Aber wessen Macht, fragt man sich, berechtigt und verpflichtet wozu?

Diesem so reichen Buch gelingt es nicht, in Klarheit zu beschreiben, wer im Zusammenspiel von Demokratie und Wirtschaft wen kontrolliert. Das hätten die überschuldeten amerikanischen Haushalte gern gewusst, als die Blasen platzten. Das wüssten auch die Europäer gern, die zusehen, wie die südlichen Demokratien des Kontinents in Armut versinken, während deren Eliten wohlhabend sind. Und jeder demokratische Kontoinhaber wüsste es gern, dem um sein Geld bange ist und der an der Bankenaufsicht nicht beteiligt ist.

Überhaupt hinkt die Argumentation von Acemoglu und Robinson auf interessanteste Weise, wenn man sie, angeregt durch das deutsche Vorwort, auf den Wohlstandskontinent Europa bezieht. Denn ist es nicht gerade charakteristisch für die europäischen Institutionen in Brüssel, dass sie demokratisch schwach legitimiert sind und dass ausgerechnet England jetzt den Club zu verlassen wünscht? Dass die inklusive Teilhabe im Sinne von Acemoglu und Robinson nach 1945 erst schleppend in Gang kam und in einer Hälfte Europas gar erst nach 1989? Dass Europa genau jene starke Zentralregierung fehlt, von der die Autoren behaupten, dass sie die Rechte und Interessen aller Bürger gesetzlich zu garantieren weiß?

Man könnte ebenso gut sagen: Politisch ist Europa eine einzige Schreckens- und Wundertüte, ein einziges Bündel an Paradoxien, versinkt mal im Terror, dann wieder im Krieg, dann im Bürokratismus, und doch blüht und gedeiht es beneidenswert.

Noch interessanter ist die Idealisierung Europas, weil Deutschland im Buch kaum auftaucht: jener Staat also, der diese Theorie der Weltungleichheit ins Wackeln bringt. Der im 19. Jahrhundert eine ökonomische Modernisierung ohne Demokratie durchlief, dafür mit Vereinswesen, ein Staat, der für einen relativ hohen Wohlstand zu sorgen wusste, obwohl er ein militaristischer Obrigkeitsstaat war, mit den bekannten Folgen. Sodass dieses Deutschland nach 1945 auch nicht prompt als Paradeschauplatz inklusiver Institutionen gelten kann.

Am Beispiel Europas aber zeigt sich auch, wie wundersam kriterienlos die Idee von Wohlstand ist, der dieses Buch anhängt. Eine Fiskalunion brauche der Kontinent, um sich gesichert verschulden zu können, möglichst schnell! Doch die Studie verliert kein Wort darüber, dass Europa es so wenig wie Amerika vermocht hat, den Klimawandel, das Artensterben, die Ressourcenzerstörung zu verhindern und also das Ersticken des Kapitalismus an seinem Erfolg. Wofür also der ganze Wohlstand durch Inklusivität, wenn er es nicht vermag, Ziele verbindlich anzustreben, die seinen Fortbestand zumindest möglich machen?

Acemoglu und Robinson haben vor allem eine wissenschaftliche Hymne auf die Grundwerte ihres eigenen Landes verfasst, einen Lobgesang auf die Vereinigten Staaten und ihre europäische Herkunft. Anderthalb Jahrzehnte Arbeit eines Pools von Wissenschaftlern, auf 600 Seiten zusammengefasst durch zwei Forscher von Weltrang – und dies kommt heraus: eine Liebeserklärung an Institutionen, die im Sinne ihrer Bürger funktionieren. Das mag Unschärfen haben. Aber es ist dennoch bestechend.

http://www.zeit.de/2013/13/Daron-Acemoglu-James-A-Robinson-Warum-Nationen-scheitern

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